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Thomas Klingenmaier: Weiterkämpfen, auch mit einem Arm. Ein Nachruf auf Michael Collins alias Dennis Lynds (2006)

Posted by tkl - 23. Juli 2009

Die Stadt niederreißen und eine neue aufbauen, eine, in der fairere Regeln gelten: das bringt ein einzelner Rebell auch dann nicht fertig, wenn er zwei Preisboxerfäuste schwingen kann. Aber wenigstens kann der übliche hartgesottene Privatdetektiv bei seinen Gängen durch die Architektur des Hinterhalts den ein oder anderen Zweikampf gewinnen. Seine Ohnmacht gegenüber einem System muss sich nicht als Ohnmacht gegenüber dessen individuellen Vertretern äußern. Dan Fortune aber muss Mann-gegen-Mann-Kämpfen tunlichst ausweichen. Er kann sich nirgendwo mehr durchboxen, weil die Welt ihn schon längst drastisch zurechtgestutzt hat. Fortune ist ein Greifer mit einem leeren Ärmel, eine Erscheinung, die Klienten, Gegner, Informanten immer wieder stutzen lässt. Der einarmige Detektiv scheint ihnen ein Mann am falschen Ort, im falschen Beruf, in dauernder Gefahr, ein Objekt von Hohn, Mitleid oder Verachtung.

Der am 19. August 2005 verstorbene US-Autor Michael Collins, mit bürgerlichem Namen Dennis Lynds, hat seine Figur Dan Fortune über zwanzig Bücher hinweg nie zu einem Springteufelhelden gemacht, der mit stählerner Willenskraft über Wahrscheinlichkeitsrechnung und Geringschätzung  hinweg schnalzen kann. Fortune ist beharrlich, in Maßen klug, nicht ohne Menschenkenntnis, mit guten Instinkten ausgestattet und vor allem frei von Illusionen. Er profitiert auch oft davon, dass er unterschätzt wird. Aber er bleibt ein Mann mit einem Arm, noch dazu ein Risikokandidat, der selten und widerwillig eine Schußwaffe trägt und sie meist nur halbherzig auf Menschen richtet.

Fortune ist einer, den man aus dem Weg stoßen, den man zusammenschlagen, den man unter Druck setzen kann. Er hat schon einmal etwas Wichtiges verloren, er führt tagein, tagaus ein eingeschränktes Leben. Daraus erwächst Fortunes sehr konkrete Angst, noch mehr zu verlieren, die ihn manchmal lähmt. Der Ich-Erzähler Fortune kokettiert nicht mit der Beschreibung von Angstgefühlen, um ihre Überwindung dann umso glanzvoller wirken zu lassen. Er beichtet aufrichtig Versäumnisse, Feigheiten, Schwäche. 

Der leere Ärmel von Dan Fortune ist ein vielschichtiges Bild. Es weist auf die relative Machtlosigkeit dessen, der in einer Welt der Lügen nach Wahrheit sucht. Es kehrt die Beschädigungen eines Manne hervor, der sich als vorübergehende Funktion in fremden Leben verausgabt. Der billig mietbar ist, sich aber weit über jedes Kosten-Nutzenverhältnis hinaus verwickeln lässt. Der das Schlimmste nicht immer verhüten kann, sondern es als Geschäftsgrundlage nutzen muss. Der auf der Suche nach Informationen Wunden aufreißt, die unter dem Schorf der Illusionen vielleicht besser verheilen würden. Aber wenn man genauer hinschaut, weist die Versehrtheit Fortunes noch auf etwas anderes. Auf die Zufälligkeit, bestenfalls die Umstandsbestimmtheit der Rollenverteilung von Gut und Böse.

In Chelsea, seinem alten Viertel in New York, hieß Fortune einmal Dan der Pirat. Mit sechzehn war er auf der schiefen Bahn, weil kriminelle Jobs die besten waren, die sich anboten. Seinen Arm verlor er damals, als er mit einem Kumpel zusammen unten an den Docks ein Schiff ausrauben wollte und vom Deck in den Laderaum stürzte. Es hätte ohne diesen Unfall anders weiter gehen können mit Daniel Tadeusz Fortunowski, wie ihn das Taufbuch kannte, mit Dan dem Piraten. »Jeder Mensch hat viele Namen«, kommentiert Dan Fortune, Confidential Investigator, diese diversen Möglichkeiten der Entwicklung einmal.

Fortune erzählt Fremden wechselnde Geschichten, wie er seinen Arm verloren hat. Oft flunkert er vom Zweiten Weltkrieg. Und doch hing er lange innig an jener alten Nachbarschaft, in der viele Leute Bescheid wussten über seine Vergangenheit. Fortune ist der bodenständigste aller urbanen Detektive, ein Typ, der sich als Teil eines größeren Zusammenhangs begreift, als Element einer Gemeinschaft, als Stammesdetektiv. Er sieht sich als Teil des Milieus von Chelsea, er empfindet sein Außenseitertum als Schmerz und als zweite Verkrüppelung. Er ist anders als die anderen Detektive der US-Literatur, auch anders als der gereifte, empfindsame Lew Archer. Auch wenn dessen Erfinder, Ross Macdonald alias Kenneth Millar, Freund, Mentor und in manchem auch Vorbild von Dennis Lynds war. Fortune operiert nicht aus der Distanz des Ironikers, des Zynikers, des Angeekelten, des Beichtvaters oder Analytikers. Er befindet sich in der Distanz des halb aus den Zusammenhängen Gerutschten. Er will kein einsamer Wolf sein, sondern ein Junge aus der Nachbarschaft, und kommt doch mit den Regeln, Entwicklungen, Beengungen der alten Nachbarschaft nicht mehr klar. Fortune ist ein entfremdeter Nestwärmesucher.

Michael Collins wird in USA jenen innovativen Autoren zugerechnet, die Grenzsteine des Genres versetzt haben. In Deutschland ist er so kaum je wahrgenommen, aber wenigstens einmal verlegt worden. Schon seit einigen Jahren allerdings sind seine Bücher vom Markt verschwunden. Im Zug des allgemeinen Verdrängtwerdens hochkarätiger Werke ausländischer Autoren durch den deutschen »Guck mal, das spielt in unserer Kneipe«-Geschenkartikelkrimi muss das nicht unbedingt besondere Bedeutung haben. Es gibt aber Anhaltspunkte für den Verdacht, das Werk Michael Collins könne besonders quer zum Zeitgeist liegen.

Denn nicht Fortunes Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat der Mietskasernen, Nachbarschaftsgauner, Kneipen und kleinen Läden macht diesen Detektiv genregeschichtlich so bedeutsam. Sondern sein Blick für die gesellschaftlichen Zusammenhänge, seine Weigerung, individuelle Gewalttäter, ganze Gangs oder komplexe Strukturen der Korruption als vereinzelte Entartung zu sehen. Für Fortune wachsen Verbrechen und Verbrecher aus der Gesellschaft heraus. Sie stehen dem allgemeinen Willen nicht feindlich und fremd gegenüber, sie drücken ihn nur nackter und roher aus.    

In »Act Of Fear«, dem ersten und Edgar-gekürten Roman der Fortune-Reihe aus dem Jahr 1967, sagt der Detektiv über einen Typen aus dem Viertel, der nun ein tyrannischer Gebietsfürst der Mafia geworden ist: »Ich bin mitschuldig an Andy. Ich kann mich nicht wegducken, mich nicht davonschleichen, auch wenn das für jeden ratsam wäre, der seinen Grips beieinander hat. Denn Andy verkörpert, was faul ist an allem. Ein Mann wie Andy Pappas markiert, wo wir alle miteinander von der Bahn abgekommen sind. All die Männer wie Andy, die glauben, das einzige, was zähle, sei der nächstbeste Vorteil, irgendein Sieg. Die Männer, die uns alle in den Untergang reißen werden, um irgendeinen Triumph zu erringen, und wenn’s bloß der ist, König des Friedhofs zu sein.«  

Das Verbrechen ist ein Produkt der Gesellschaft. Diese verallgemeinernd entlastende These – niemand kann wirklich was dafür, nicht einmal der Täter selbst – wird in den Romanen von Michael Collins wieder belastend und bedrängend intim. Die linke Sozialkritik mischt sich hier mit dem christlichen Konzept der Schuldübernahme. Der Begriff Gesellschaft bedeutet nicht »all die anderen« oder »die da oben«, sondern »auch ich«. Trotz dieser rigorosen Selbstbezichtigung ist Fortune jedoch kein zerknirschter Egozentriker, kein eitler Seelenmasochist. Er ist ein Linker, einer, der von Menschen gemachte Strukturen erkennt, benennt, missbilligt, die viele seiner Landsleute allenfalls für Schicksal halten.

In Michael Collins’ Büchern wird die Kluft zwischen Kapital und Arbeit nicht hinter der Exotik von Gewalteruption und deformierten Charakteren versteckt, nicht einmal, wenn der Buchtitel »Freak« lautet. Die und wir, die Bescheidenen und die Arroganten, die Durchsetzungsfähigen und die Weichen – nicht nur Fortune sieht die Welt so, auch andere Figuren teilen immer wieder diesen Blick, sogar die Kriminellen. In diesen Romanen flackert mitten in einem Amerika, das sich für die beste aller möglichen Gesellschaften hält, ein Netzwerk dissidenter Egos auf, die bezeugen, dass dies ein verdammt hartes und ungemütliches Paradies ist.

Im erwähnten »Freak« erlebt Collins seine Beinahe-Hinrichtung in einem gottvergessenen Tälchen, in dem die Ruinen alter Glücksrittersaloons und aufgegebene Bergwerksanlagen rotten. Aber die Gier der längst verstorbenen Pioniere, enormen Reichtum aus dem Boden zu kratzen, hat sich fortgepflanzt in der Versuchung der Kriminellen von heute, durch Erpressung und andere Coups über Nacht reich zu werden. So durchgeknallt und asozial diese Typen sind, so angepasst sind sie an eine Welt, in der einerseits vor allem Besitz zählt, andererseits aber die Ressourcen weitgehend verteilt scheinen.    

Fortunes grundlegender, wesensbestimmender Widerspruch ist der zwischen Gesellschaftsanalyse und Selbstverständnis. In einer Welt, in der ehrliche Arbeit mit Bedrückung und Ausbeutung gleichgesetzt werden kann, zeigt Fortune trotzdem höchstes Arbeitsethos. In die Hände von Kriminellen gefallen, zu Recht um sein Leben fürchtend, bekommt er in »Freak« die Chance zur Flucht. »Ich hätte mich jetzt die Treppe hinab und zur Tür hin-ausstehlen, dann die ganze Strecke bis runter zum Highway rennen und entkommen können. Das wäre eine prima Sache. Mir war auch danach. Aber ich hatte einen Job zu erledigen, hatte eine Arbeit. Und letzten Endes war dies das einzige, was ich hatte. Meine Arbeit.«

Idealismus, Pragmatismus und Einsamkeit verknüpfen sich in Fortune zu einer quixotischen Romantik, die den Wertekanon der kleinen Leute von Gestern retten will, obwohl klar ist, dass man diese kleinen Leute mit falschen Karten, einem Sack Illusionen und breiten Scheuklappen ins Rennen um das gute Leben geschickt hat. In späteren Romanen wird Fortune wie sein Autor Michael Collins alias Dennis Lynds an die Westküste übersiedeln. Das ist ein Schritt der Befreiung, ein Akt der Liebe zu einer Frau, aber auch das Eingeständnis einer Niederlage. Fortune wird nie mehr wirklich heimisch sein in Chelsea, so wenig, wie Chelsea das alte Chelsea bleiben kann. Der Umzug nach Kalifornien signalisiert Fortunes Einsicht in Amerikas unaufhaltsamen Wandel, in den Wurzelschwund, in die scheinbare Ausweitung der Bewegungsräume und den Verlust an Geborgenheit.

Wer nur die Ohnmachtserfahrungen von Dan Fortune verfolgte, wer Collins-Roman um Collins-Roman – der Autor mochte den von Kritikern geprägten Ausdruck Soziodramen für seine Krimis durchaus – die Momentansichten einer kalten, auf unablässiges Gegeneinander gepolten Gesellschaft studierte, konnte fürchten, Dennis Lynds schriebe sich auf einen Moment des Verstummens und der Resignation zu. Aber nichts lag diesem Mann ferner, der mit Fortunes Arbeitsethos wohl das eigene beschrieb. Lynds, 1925 in St. Louis, Missouri, geboren, publizierte nicht nur als Michael Collins, sondern auch unter seinem eigenen Namen Sammlungen von Kurzgeschichten und zwei Romane, unter dem Pseudonym William Arden sowohl eine Serie um den Industriespion Kane Jackson wie auch zahlreiche Jugendkrimis der Reihe »Die drei ???«, unter dem Pseudonym Maxwell Grant eine Folge von Büchern um den Vigilanten »The Shadow«, einen Veteranen alter Hörspiele und Comics, als Mark Sadler eine Serie um den New Yorker Privatdetektiv Paul Shaw, einen wirtschaftlich erfolgreichen und innerlich robusten Gegenentwurf zu Dan Fortune, als John Crowe eine Reihe Krimis, die nicht eine Hauptfigur, sondern einen Schauplatz, das fiktive Buena Costa County in Südkalifornien, teilen. Unter dem sämtlichen Autoren der Reihe dienenden Pseudonym Nick Carter hat Lynds ein paar »Nick Carter«-Romane geschrieben, unter dem gleichfalls arbeitshandschuhartig weitergereichten Pseudonym Brett Hallyday hat er Abenteuer für den multimedial agierenden  Schlaukopf und Raufbold Mike Shayne erfunden.

Diese Aufzählung umfasst noch immer nicht sämtliche Nebenwerke und Tarnkappen. Ein Schreibwütiger also, dieser Dennis Lynds, und ein Autor alter Schule, der sich nie nach spektakulären Filmrechteverkäufen und internationalen Bieterkriegen um Lizenzen zur Ruhe setzen konnte. Aber der in Brooklyn Aufgewachsene, der vielleicht darum gern Cowboyhut und Westernstiefel trug,  weil er seine Umwelt an die Freiheitsideale anderer Zeiten erinnern und den Reaktionären ihre Symbole für die Sehnsucht nach einer vorliberalen Epoche wegnehmen und umdeuten wollte, war eben auch bekennender Sozialist, ein politischer Außenseiter in den USA. Sein fleißiges Schreiben hat eventuell auch etwas mit seiner Zuneigung zum Recht der freien Meinungsäußerung und seinem Misstrauen, ob dieses Recht wirklich von all seinen Landsleuten respektiert und geschätzt wird, zu tun. In gewisser Weise hat Dennis Lynds nicht einfach mit anderen Autoren um die Wette geschrieben, er hat versucht, mehr Bücher zu hinterlassen, als die Helfer irgendeines McCarthy-Klons je wieder einsammeln können. Das Genre, hat er einmal gesagt, hätte sich von selbst ergeben. »Ich hatte nicht den Vorsatz, Detektivromane zu schreiben. Aber ich war entschlossen, Romane zu schreiben, die der Gesellschaft, in der ich lebe, auf den Zahn fühlen. Wir können alle gar nicht anders, als mit anderen Menschen in Beziehung zu treten. Wie wir das tun, das wird festlegen, in welcher Art Land, Welt und Universum wir leben werden.«

(Erstdruck: Krimijahrbuch 2006, NordPark Verlag Wuppertal)

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