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Thomas Klingenmaier: Denken Sie da mal drüber nach. Edward Bunker hatte etwas zu erzählen (2006)

Posted by tkl - 23. Juli 2009

Denken sei ein Fluch, grollt eine seiner Figuren, wer ans Leben denke, denke immer auch an den eigenen Tod. Der amerikanische Schriftsteller Edward Bunker hat da eine ganz besondere eigene Bitternis verarbeitet, den vergeblichen Wunsch, das eigene Bewusstsein abschalten zu können wie eine Glühbirne, an einem Ort, an dem Leben und Tod näher beieinander liegen als draußen in der Vorstadt beim Rasenmähen. Bunker, der am 19. Juli 2005 im Alter von 71 Jahren in Los Angeles gestorben ist, hat viele Jahre in Amerikas Haftanstalten zugebracht.

Als Kind war das Lesen nicht seine Leidenschaft gewesen. Er hatte nicht einmal halbwegs normale Schuljahre. Seine Lektionen bestanden darin, in den brutalen Hackordnungen von Erziehungsheimen, in denen er stets der Jüngste war, zu überleben. Als Bunker am 31. Dezember 1933 in Hollywood geboren wurde, hatten seine Eltern, ein Kulissenschieber und eine kleine Tänzerin, längst die Hoffnung aufgegeben, am Goldregen der Filmindustrie teilzuhaben, und soffen sich in ihre eigene kleine abendliche Krawallhölle. Edward landete bei Pflegefamilien und in Heimen, hatte irgendwann die Lektion weg, dass man Wolf oder Schaf sein kann, stahl, betrog, versuchte sich mit Vierzehn am Raubüberfall auf einen Schnapsladen, kam ins Jugendgefängnis, stach auf einen Wärter ein, wurde in den Erwachsenenknast    überstellt.

Bunker hasste alles und jeden und hatte guten Grund, die meisten zu fürchten. Aber wenn er nicht von älteren Kriminellen die Tricks des Gewerbes lernte, dann las er, nicht um einem Bildungsideal zu folgen, sondern um wegzukommen aus dem Dreck, der Monotonie, der Dumpfheit. Jedesmal, wenn er aus dem Knast kam, fand er es leichter, seine kriminelle Karriere wieder aufzunehmen, als ans bürgerliche Leben anzuknüpfen. Das hatte nur anfangs mit einer rebellischen Attitüde und seinem Hass auf Autoritäten zu tun. Je öfter er wieder einsaß, je mehr Zeit er in der mörderischen Idiotie des Gefängnisses verlor, desto weniger Sinn sah er darin, der Gesellschaft immer neue Chancen zu geben, ihn einzubuchten. Aber je öfter und länger er einsaß, desto weniger wollte ihm die Gesellschaft draußen eine Chance geben, sich wieder zu integrieren. Über diesen Widersinn, über seine Verzweiflung, über die Hölle im Knast und die kalten Mauern des Anstands draußen, begann er zu schreiben.

Vier Romane über das kriminelle Leben innerhalb und außerhalb des Gefängnisses – »No Beast So Fierce« (1973, dt. »Wilder als ein Tier«), »The Animal Factory«, (1977, dt. »Ort der Verdammnis«), »Little Boy Blue« (1981) und »Dog Eat Dog« (1995, dt. »Der letzte Coup«) – sowie der Memoirenband »Education Of A Felon« (1999, in Großbritannien als »Mr. Blue« erschienen) und einige Drehbücher für Hollywood bilden den offiziellen Bunkerschen Kanon. Hunderte frühe Short Stories und einige Romane aus der Knastzeit blieben unveröffentlicht. Bunker hat sich buchstäblich aus dem Knast herausgeschrieben. Als »No Beast So Fierce« 1973 erschien, hatte er noch eine lange Haftstrafe vor sich, wurde aber aufgrund der öffentlichen Aufmerksamkeit bereits zwei Jahre später begnadigt. Bunker hat sich bedankt, indem er kein Blatt vor den Mund nahm, indem er beschrieb, wie die Gefängnisse genau jene Menschen produzieren, die von der Gesellschaft am meisten gefürchtet werden, hartgesottene Soziopathen, die auf alle Werte pfeifen. Und wie er frei von Selbstmitleid, aber mit grimmigem Hohn schilderte, wie jene Ex-Knackis, die nicht von vornherein auf Konfrontationskurs mit der bürgerlichen Lebenswelt gehen, mit ihren Anknüpfungsbemühungen an einer unfähigen Bürokratie und einer unwilligen Gemeinschaft scheitern.

Literatur besteht nicht nur aus Erfahrungen und Geschehnissen. Sie besteht auch aus Sprache. Die von Edward Bunker war schockierend derb und brutal effizient, wie die zugefeilten Werkzeugreste und Besteckteile, mit denen die Häftlinge in seinen Büchern ihre tödlichen Machtkämpfe austragen. Bunkers Figuren reden manchmal einen Jargon, der wie ein Säureschwall aus ihren Mündern fährt, als sei da ein Versuch der Außenverdauung im Gange. Als müsse die Welt draußen durch diese ätzende Sprache erst einmal angegriffen, vorgeweicht, zersetzt werden, bevor die Sprecher sich an sie heranwagen können. Aber oft kontrollieren die noch nicht völlig traumatisierten Figuren ihre Sprache auch, so wie Bunker selbst als Erzähler hart, knapp und klar, aber keineswegs schockverliebt vulgär formuliert. Nur nützt ihnen diese Fähigkeit, sich verständlich zu machen, auf Codes einzugehen, sich zurückzunehmen, im Umgang mit den Arrivierten wenig. Ganz so, als sei den Bürgern der beherrschte Außenseiter unheimlicher als der unbeherrschte.

Die Folge rüder Zurückweisungen ging auch Bunker selbst an die Nieren, sie ließ ihm die Dauerkrisenzone des Gefängnisses zeitweise ehrlicher und respektgeprägter erscheinen als die Zivilwelt draußen. »Die Knastweisheiten lauten«, schrieb er in »Memoirs of a Felon« nach der Schilderung der erfolgreichen hinterhältigen Racheattacke eines relativen Hänflings auf einen bulligen Rüpel »Keiner ist unverwundbar; jeder kann dich umbringen. Wo sich absolut jeder ein großes Messer verschaffen kann, ist sorgfältiger Umgang miteinander die Regel Nummer Eins, auch wenn der in Vulgarität verpackt ist. Denken Sie da mal drüber nach.« Edward Bunkers Stimme fehlt uns wirklich.

(Erstdruck: Krimijahrbuch 2006. Nordpark Verlag Wuppertal)

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