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Rezension: Robert Littell, Die Söhne Abrahams (2008)

Posted by Dieter Paul Rudolph - 22. Juli 2009

Wieso heißt der Mann eigentlich Apfulbaum? Nein, nicht Apfelbaum, so heißt er nur für den Klappentexter der deutschen Ausgabe. Aber vielleicht ist ja das Buch von Robert Littell ein Apfel. Ein Apfel mit einem Kern, Fleisch und Schale, dreiteilig also.

Beginnen wir mit dem Kern und arbeiten uns dann nach außen vor. Im Zentrum von „Die Söhne Abrahams“ steht die Entführung des ultraorthodoxen Rabbis Apfulbaum durch den nicht weniger ultraorthodoxen Palästinenser Dr. al-Shaath. Beide sind Terroristen, fast blind und natürlich sehr religiöse weise Männer, Antipoden. Antipoden? Natürlich nicht. Sie sind Brüder; nicht nur biblische, sondern auch geistige, denn wir wissen, dass sich die Extreme immer irgendwie ähneln und eigentlich eins sind, das war so mit Kommunismus und Nationalsozialismus, Stalin und Hitler ergo, und auch wenn sich die buntbeschalte Hirnrissigkeit hooligähn verprügelt, haut doch nur Zwilling eins auf Zwilling zwei und umgekehrt – aber das ist jetzt gar nicht das Thema. Man könnte sich darüber die Köpfe heiß reden, und am Ende käme doch nur dabei heraus, dass jeglicher Extremismus und Terrorismus auf den gleichen psychischen Defekten bei intelligenten dummen Menschen beruht. Und gänzlich dummen sowieso.

Um diesen Kern wuchert das Fleisch. Bei Littell ist, das wundert nun keinen, das Fleisch die Handlung, das Trillerelement sozusagen. Der Entführer hat ein Ultimatum gestellt, die Israelis arbeiten mit Hochdruck daran, Apfulbaum zu befreien und die Bösewichte zu liquidieren. Dabei gibt es nur Opfer. Junge Israelis sterben, junge Palästinenser sterben. Und die Autoritäten der beiden Todfeinde arbeiten wacker zusammen – widerwillig zwar, aber effektiv. Sie sind sich also gar nicht so unähnlich, nichts weiter als eine Emanation der Kern-Problematik.

Die Schale ist etwas ganz Besonderes, das repräsentative Kleid des Ganzen, gewissermaßen, das Global-Politische. Bei Littell wird es durch den Bericht des US-amerikanischen „Sonderberaters für Nahostangelegenheiten“ verkörpert. Denn der Fall spielt ins Bedeutende, nur noch wenige Tage trennen die Welt von einem Friedensabkommen, das durch die Entführung Apfulbaums gefährdet ist. Um Apfulbaum selbst geht es natürlich nicht. Wenn er bei der Befreiung stirbt: auch in Ordnung. Aber eigentlich geht es auch nicht um irgend einen Frieden, sondern um Wahlkampf. Die US-amerikanische Präsidentin(!) braucht neues Renommee, und wenn dabei der Friedensnobelpreis herausspringt, umso besser.

Das ist der Apfel, den uns Robert Littell geschrieben hat. Und wie erkennen beim ersten Biss: Der Apfel ist faul! Der Apfel schmeckt nicht! Er hing am Baum der Sinnlosigkeit und enthält folgerichtig nicht das Vitamin S, das wir doch so gerne zu uns nehmen, wenn wir Bücher lesen. Er schmeckt nach Sinnlosigkeit, nach Beliebigkeit, es ist egal, ob einer für Jehova oder Allah predigt, für Jehova oder Allah Blut vergießt – und den großen Diplomaten geht das alles eh am Allerwertesten vorbei, wenn sie nicht im Nahen Osten Frieden schaffen, dann zetteln sie eben im Fernen einen Krieg an oder irgendwo irgendwas – aha, auch hier steckt viel vom Kern drin in dieser glänzend polierten Schale aus launigen Absichtserklärungen und Visionen.

Robert Littell hat ein bitterböses, weil in diesem Kern zutiefst lustiges Buch geschrieben, ein beständiges Hin-und-her-Leuchten vom Gedankenpalast zum Misthaufen und wieder zurück. Unsere beide Terroristen, die da so brüderlich umarmen, dass es nur haarscharf an handfestem Sex vorbeischrammt, suhlen sich im Gelehrsamen ihrer Dummheit, während sich im Fleisch drumherum im Namen dieser hehren Dummheit Menschen opfern und doch auch sie einander viel näher sind als sie glauben würden. Alles, wirklich alles, was da so hochgelahrt daherkommt, ist Platitüde, die israelischen und palästinensischen Geheimdienstler, die jungen orthodoxen Juden, die märtyrerhaft tragisch endenden jungen Palästinenser, ein Wechselspiel aus Kollaboration und Verrat, Idealismus und menschlicher Schwäche. Das ist alles so lächerlich, so versatzstückhaft, dass es furchtbar langweilig wäre – wäre es denn nicht der Apfel, dessen Genuss die ewige Schlange Dummheit empfohlen hätte, nichts als DIE WAHRHEIT.

In Ordnung, vieles wissen wir, einiges haben wir schon immer geahnt, aber so kompakt und jenseits allen Bemühens um „Sinn“ wie Littell hat uns noch selten einer diesen Wahnwitz aufgeschrieben. Und wäre daraus ein schöner, runder, saftiger Roman geworden, ein Roman mit plastischen Figuren statt tumben Platzhaltern, mit „ergreifenden Schicksalen“, gar mit der Andeutung eines „Auswegs“ – hätte genau das sein Scheitern bedeutet.

Doch es gibt einen Einwand. Robert Littell, der eigentlich ein Meister der Sprachdukti ist, des, mit einem anderen Wort, Sprachgefälles innerhalb einer Geschichte (man lese „Legends“), scheint bei der Niederschrift von „Die Söhne Abrahams“ etwas von seiner diesbezüglichen Souveränität verloren zu haben. Manches kommt zu flüchtig daher, zu wenig elaboriert (was bei Littell immer auch bedeuten kann, dass es gar nicht elaboriert WIRKT). So schlüssig das Große=Ganze sein mag, in den Einzelheiten erwarte ich mir von einem Autor wie Robert Littell ein wenig mehr.

Dieter Paul Rudolph

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