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Robert Littell: Die Söhne Abrahams (2008)

Posted by Giorgione - 21. Juli 2009

Es ist schon reichlich platt: Im mörderischen Israel, das vor vielen Jahren einfach mitten in ein fremdes Land gesetzt wurde, nur weil es den Westmächten so gefiel, im mörderischen Palästina, das keine andere Idee hat, als immer nur mit Gewalt und nochmals Gewalt zu reagieren, in diesem mörderischen Land treffen zwei Menschen aufeinander: Ein radikaler jüdischer Rabbi, Isaak Apfulbaum, Sprecher von radikalen Israelis, die behaupten, Gott selbst habe ihnen dieses Land versprochen und sie dürften es sich also mit Waffengewalt nehmen, die meinen, sie könnten ihre Siedlungen auch in fremdes Gebiet bauen und hätten trotzdem Recht, sie dürften sich auch mit Terror wehren – und der radikale palästinensische Terrorist Dr. Ishmael al-Shaath, der sich an den Israelis rächen will, sie vertreiben will, umbringen, ausmerzen. Das ist platt, aber nicht undenkbar.

Undenkbar sind auch nicht die anderen Handlungselemente: die Versuche der Israelis, den Rabbi wieder zu befreien, bevor er hingerichtet wird, weil das nur noch mehr Gewalt heraufbeschwören würde (und man außerdem einen Rabbi, sei er noch so durchgeknallt und schädlich für den anlaufenden Friedensprozess, nicht einfach von einem Palästinenser umbringen lässt). Oder die Interventionen eines amerikanischen Beraters der amerikanischen Präsidentin (das Buch spielt in einer nahen Zukunft), die auch nicht will, dass der Friedensprozess gestört wird – schließlich könnte man dafür ja noch einmal einen Nobelpreis bekommen oder wenigstens wiedergewählt werden. Der Friedensvertrag steht kurz vor der Unterzeichnung. Genau das will der palästinensische Arzt verhindern.

Und so suchen die israelischen und palästinensischen Behörden nach Spuren, versuchen aus den Botschaften der Entführer, den Aufenthaltsort des Entführten herauszubekommen, versuchen, seine Intelligenz abzuschätzen, um herauszubekommen, wie trickreich die Spuren vielleicht bewusst gelegte falsche Spuren sind. Natürlich geht das alles nicht ohne etwas Folter, Schläge, unschöne Verhörmethoden, schließlich ist Israel ja im Krieg, da sind alle Mittel erlaubt. Und endlich ist auch nicht ganz undenkbar, dass es einem ausländischen Journalisten gelingt, nach vielen Vertrauensbeweisen (inklusive Verhaftung durch den Mossad) zum Entführer durchzudringen, damit der ihm ein Exklusiv-Interview gewährt. Und sich am Schluss doch noch als Vertreter des Guten erweist, der durch einen Minisender das Versteck verraten kann.

Das sind alles ganz normale Politthriller-Elemente, und es wäre gut gewesen, wenn es Robert Littell in seinem neuen Buch „Die Söhne Abrahams“ dabei belassen, sie mit Fleisch und Blut und Leben gefüllt hätte. Es wäre vielleicht ein spannendes Buch herausgekommen, das von zerrissenen und fanatischen Menschen in einem zerrütteten Land erzählt, in dem es keinen Ausweg mehr gibt.

Aber leider rutscht Robert Littell selber in ein Desaster ab, in ein literarisches und ein psychologisches, die zusammenhängen. Denn was macht er aus der eigentlich noch erträglichen, wenn auch nicht neuen Idee, dass sich der radikale jüdische Rabbi und der radikale palästinensische Arzt so ähnlich sind? Einen Ideenroman und eine Schmonzette. Der Ideenroman ginge noch, wäre vielleicht ganz pfiffig, wenn man ihn ökonomisch anginge: Je länger die beiden miteinander reden, desto mehr merken sie, dass sie sich so sehr ähneln wie zwei Brüder, dass sie beide „Söhne Abrahams“ sind. Denn auch im Koran wird Abraham als der erste Moslem angesehen, der den wahren Glauben an den Einen Gott praktizierte und bereit war, auch schon einen Sohn zu opfern (aber das nur nebenbei) und mit seinem anderen Sohn Ishmael die von Adam erbaute Kaaba „wiederentdeckte“. Leider hat Littell aber keine sprachlichen Mittel zur Verfügung, die diesen psychologischen Prozess auch literarisch plausibel machen würde. Sondern nur symbolhaft aufgeladene Plattitüden.

Denn bei ihm sind die beiden Männer alte, hochgebildete und intellektuelle, studierte Leute, beide sind (Symbol! Symbol!) fast blind, beide versuchen dem anderen schlüssig zu beweisen, wie recht sie doch haben und wenig Möglichkeiten, überhaupt etwas anderes zu denken. Beiden gemeinsam ist, dass sie keinen Frieden wollen. Die Begegnung zwischen ihnen wird emotional immer aufgeladener, und auch Littells Sprache wird dabei immer aufgeladener und kitschiger: „Der Doktor sagte bewegt: ‚Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass ich je einem Menschen begegnen würde, noch dazu einem Juden, der diese Stadt so liebt wie ich.’“ Und als der Moslem den Koran zitiert: „Die wahrhafteste Mitteilung ist das Buch Allahs, die beste Leitung ist die Leitung Muhammads, das schlechteste der Dinge sind die Neuerungen, jede Neuerung ist Ketzerei und jede Ketzerei ist Irrtum, und jeder Irrtum führt in die Hölle“, da antwortet der entführte und mit dem Tod bedrohte Rabbi mit „Wieder Amen. (…) Ich lade Sie ein, meinen Thora-Schülern in Beit Avram einen Vortrag über das Thema Neuerungen zu halten.“

Psychologisch ist diese „Entwicklung“, die ja keine ist, sondern ein Zusammenbruch der beiden Menschen, unglaubwürdig und an den Barthaaren des Propheten herbeigezerrt. Denn nur wenige Minuten, wenige Seiten vorher heißt es: „Apfulbaum spürte, dass sein Entführer ihm allmählich einen gewissen widerwilligen Respekt abrang.“ Und dann rutscht es ganz schnell, bar jeder Glaubwürdigkeit, einfach ab. Bis der Doktor dem Rabbi die Kapuze, die der Gefangene tragen muss, „ungewohnt sachte über Kopf“ zieht und ihm eine Gebetsschnur schenkt, die er während seiner zwölfjährigen Haft in israelischen Gefängnissen bei sich trug: „Ein Gefühl von Dankbarkeit, ja Seelenverwandtschaft stieg in seiner Brust auf“, kitschiert Littell.

Und dann kommt der Tiefpunkt der Geschichte, als sich der Doktor mit seinem Gefangenen noch einmal, flüsternd, unterhält. Eine Terroristin namens Petra sieht, „dass die beiden miteinander redeten wie alte Freunde. Ihre Knie berührten einander, weil sie so nah beieinandersaßen, und sie waren so weit vorgebeugt, dass ihre Köpfe nur Zentimeter voneinander entfernt waren.“ Der Doktor trank eine Tasse Tee. „Dann tat er etwas, was Petra äußerst seltsam fand – er nannte den Gefangenen beim Vornamen.“ Und auch der Rabbi sagt den Vornamen seines Entführers. Dann massiert der Doktor den Hals des Rabbi. Und Petra denkt über das Gesehene, dumm wie sie ist und vorgeführt wird, als sei sie das Zielpublikum dieses Romans: „Es musste sich um einen neuartige Verhörmethode handeln, sagte sie sich. Der Doktor wollte das Vertrauen des Gefangenen gewinnen und ihn in dem Glauben wiegen, er sei sein Freund, um ihm die Informationen zu entlocken, die er haben wollte. Anders war die merkwürdige Nähe, die sich zwischen den beiden Männern zu entwickeln schien. Wieso sollte der Doktor dem Juden sonst erlauben, ihn mit Vornamen anzureden?“ Das ist schön, dass wir diesen Punkt so richtig dick unter die Nase gerieben bekommen, und noch gleich doppelt und dreifach erklärt. Damit es auch dem letzten Deppen klar wird.

Noch dicker wird es, als die beiden dem Journalisten in einem schelmischen Dialog erklären, warum sie sich so ähnlich sind: Weil sie beiden den Einen Gott anbeten, kein Schweinefleisch essen, beschnitten sind, von rechts nach links schreiben („ohne Vokale“): „Du meine Güte, muss ich es in Großbuchstaben an die Wand schreiben? Man muss blind sein, um es zu übersehen (Symbol! Symbol! G.P.). Wir sind beide Kinder Abrahams.“ Das sind die stilistischen Tiefpunkte des an Höhepunkten nicht reichen Buches. Hier zeigt sich endgültig, dass es kein Thriller ist, sondern eine Parabel, und zwar eine ziemlich flachbrüstige.

Littells Buch ist derart an den entscheidenden Stellen misslungen, nämlich dort, wo er die Beziehung zwischen einem Entführer und einem Entführten, einem radikalen Juden und einem radikalen Palästinenser erzählen müsste. Misslungen sind die Passagen aus der Sicht des amerikanischen Beraters, die völlig unnötig ist, denn auch das haben wir längst und gleich beim ersten Mal verstanden, ohne dass eine eigenständige Perspektive eingeführt werden müsste. Gelungen ist das Buch nur dort, wo die Thrillerelemente überwiegen, wo die israelischen und palästinensischen Behörden, die sich eigentlich bekriegen, zusammenarbeiten müssen, wo es um Indizien und die fieberhafte Suche nach dem Versteck geht. Aber leider spielt das nur eine Nebenrolle in diesem Roman. Insgesamt scheint Littell père wie Littell fils die Botschaft wichtiger zu sein als ein gut erzählter Roman. Dass sich beides nicht ausschließt, haben viele andere gezeigt. Littell lässt einen dagegen völlig unbefriedigt zurück, weil er den Leser für dumm hält.

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