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Von Magdeburg in den Kongo und zurück. Lena Blaudez hat für ihre Krimiheldin Ada Simon leider keine Sprache (2006)

Posted by Giorgione - 17. Juli 2009

Was für ein schöner, bildstarker Anfang: „Draußen zieht ein Adler seine Kreise über dem weiten, hügeligen Land. Auf der Suche nach Beute, jederzeit bereit, herabzustoßen. Die Landschaft glüht in der Sonne, verschwenderisch leuchten gelbe Blüten, dunkelrote Erde.“ Leider bleibt es dabei. Nicht, das Lena Blaudez nicht auch später ab und zu einige schöne Bilder gelingen würden. Auch ist sie in ihren Details politisch korrekt. Und hat einen wichtigen Auftrag: Sie beschreibt in ihrem Krimi die internationalen Verflechtungen, Machenschaften und Verbrechen einer Industrie, denen der Millionen- und Milliardenprofit alles ist, die über Leichen geht, die vor nichts zurückschreckt. Und so geht es vom Kongo nach Mecklenburg und zurück: Denn das organisierte Verbrechen, das globalisierte Wirtschaft heißt, ist überall.

Es geht in ihrem Roman „Farbfilter – Ada Simon in Douala“ um illegale Tropenholzexporte und wertvolle Bodenschätze, vor allem Coltan aus dem Kongo, das für unsere so wichtigen Handys so wichtig ist. Blaudez’ Heldin ist Ada Simon, eine Fotografin, die im Auftrag einiger Zeitschriften in Kamerun ist, um ein Frauenprojekt und ein Filmfestival zu fotografieren. In Douala sucht sie Pierre Bernard, er sollte ihr Kontaktmann sein und sie durchs Land führen. Aber er ist spurlos verschwunden. Er ist ein Umweltaktivist und durch seine Aktionen bei den Mächtigen sehr unbeliebt. Als sie ihn sucht, trifft sie einen polnischen Missionar, der kurze Zeit später ermordet wird. Natürlich, so ist wohl augenscheinlich die Logik des Kriminalromans, wird sie des Mordes verdächtigt, ihr wird die Ausreise verboten. Natürlich forscht sie weiter. Natürlich wird sie bedroht, nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Vodou (auch Voodoo geschrieben). Und dann ist da noch Zander: ein geheimnisvoller Mann, der auf einem privaten Rachefeldzug zu sein scheint.

Lena Blaudez hat viel vor mit ihren Krimis: politische Aufklärung. In einem Interview erzählte sie: „Das Verbrechen ist nicht der Sonderfall, sondern die Norm, und wir alle stecken über wirtschaftliche Interessen mit drin.“ Sie wendet sich „gegen die Augenwischerei der Entwicklungshilfe und verbreitete Mediendarstellungen (…), die beispielsweise behaupten, der Kontinent sei nur arm aufgrund von Stammeskriegen.“ Alles sehr ehrenhaft, alles ganz richtig. Natürlich muss man auch im Krimi auch mal über den Tellerrand sehen und ein wenig von der Welt erzählen. Von anderen Kulturen erzählen und deren Lebensweisen. Und das macht Blaudez zur Genüge: In langen, oft leider etwas weitschweifigen Absätzen berichtet sie von der Wirtschaft in Afrika und in der Welt, von den weltweiten Zusammenhängen und der weltweiten Ausbeutung. Der moralische Zeigefinger winkt in der Größe eines Affenbrotbaums.

Und ihre Sprache. (Exkurs zur Verdeutlichung: Es gibt Inhaltsleser und Sprachleser. Sprachleser winden sich vor Schmerzen bei falschen Bildern und abgelutschten Adjektiven, Inhaltsleser freuen sich bereits und manchmal ausschließlich über einen Plot, der auch einmal etwas weiter wegführt und der ihnen eine neue Welt zeigt, neue Zusammenhänge. Idealtypisch gesehen.) Blaudez’ Sprache ist leider ihrem Anliegen überhaupt nicht angemessen. Ihre Bilder und Metaphern sind oft verrutscht, ihre Sätze sind häufig umständlich oder hängen nur noch kitschknarrend in den Angeln: „Ada hatte das unwirkliche Gefühl eines intensiven Traums. Sie ging in einem lebendigen Tunnel voller unbekannter Pflanzen und Tiere. Dass hier die Geisterwelt höchstselbst zugegen war, lag nahe.“ Höchstselbst? Lebendiger Tunnel? Dann sieht sie im Urwald eine Leiche in einem Baum hängen: „Verschiedene Tiere hatten ihn inzwischen teilweise vereinnahmt.“ Oder: „Ihre wie üblich schnell arbeitenden Aufnahmeorgane hatten blitzschnell alles Ungewöhnliche registriert. Und reagierten also entsprechend.“ Da stimmt dann nichts mehr. Nicht der Bürokratensatz. Nicht die kausalen und grammatischen Bezüge. Oder reagierten da wirklich die Aufnahmeorgane? (Wahrscheinlich wackelten die Ohren heftig. Naja.)

Dass auch die Logik schon ziemlich strapaziert wird, dass manchmal etwas planlos drauflosfabuliert wird, nur damit es weitergeht, kommt dann noch dazu. Dann ist der Roman für „Sprachleser“ kaum noch lesbar, bietet kein Bild von Afrika mehr, keine Charaktere, sondern nur noch ein schiefes Bild von schlechten Sätzen und wenig Atmosphäre.

Lena Blaudez: Farbfilter – Ada Simon in Duala. Unionsverlag 2006. 284 Seiten. 19,90 Euro, ISBN: 3-293-00357-5.

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