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Verwickelte Handlung, gebrochene Charaktere. Carl von Holteis Krimi „Schwarzwaldau“ ist nach 150 Jahren neu aufgelegt worden und überzeugt immer noch (2006

Posted by Giorgione - 17. Juli 2009

„Books on demand“ ist eine Firma bei einem Buchgroßhändler, bei der man für Geld sein eigenes Buch verlegen kann. Einfach aufschreiben, Text auf Diskette und Geld hinschicken, Buch fertig. Das meiste, was dort so erscheint, sind Ergüsse von Hobbypoeten oder Menschen, die meinen, sie hätten sonst etwas Wichtiges zu sagen. Literarische Texte, die dort erscheinen, sind meist (aber nicht immer) von minderer oder gar keiner Qualität. Die professionelle Literaturkritik sieht sich solche Bücher gar nicht erst an, sie vertraut auf die Spürnase von Verlagen, die schlechte Texte schon mal aussortiert. Was ja leider auch nicht immer stimmt. Manchmal muss man aber die Regel, „books on demand“ nicht zu beachten, auch brechen. Wenn es sich nämlich um einen 1.) wichtigen oder 2.) guten Text handelt. „Schwarzwaldau“ ist beides. Aber dazu muss man vielleicht ein wenig ausholen.

Nach landläufiger Meinung beginnt die deutsche oder deutschsprachige Krimitradition irgendwann in der Weimarer Zeit, Friedrich Glauser fällt einem sofort ein, ein paar andere nach etwas Überlegen und Suchen. Vieles wissen wir gar nicht mehr, vieles ist verbrannt, vieles vergessen worden. Und davor? Da gab es nur ein paar Klassiker, die manchmal auch in der Schule vorkommen, Schillers „Geisterseher“, Fontanes „Unterm Birnbaum“, der Droste „Judenbuche“, E. T. A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“. Ansonsten, meint man, gab es den deutschen Krimi nicht. Ansonsten, meint man, spielte sich der Krimi vor allem in angelsächsischen Gefilden ab: Poe, Wilkie Collins, Conan Doyle etc.

Das ist aber ein Vorurteil, gegen das nur wenige protestieren. Aus Kenntnismangel kann man das auch meist gar nicht. Weit und breit gibt es keine ordentliche Geschichte des Kriminalromans, über einige wenige verstreute Aufsätze ist die Germanistik noch nicht herausgekommen. (Was daran liegt – wie Jochen Vogt, einer der wenigen Professoren, die sich um dieses Genre kümmern, einmal gestand – dass die Beschäftigung mit dem Kriminalroman im universitären Bereich nicht gerade karrierefördernd sei.) Der bekannteste Widersprecher war Arno Schmidt, der Krimis eigentlich gar nicht mochte (und wahrscheinlich so viel gar nicht gelesen hat), aber 1965 in seinem Essay „Enter Conte Fosco“ angeberisch sagte: „Wer mich nach unserm besten deutschen Krimi fragt, dem entgegne ich immer: ›HOLTEI, Schwarzwaldau.‹ – und dann sitzen wir einander halt gegenüber, ich & die Herren vom Colt; (Prag 1855, 2 Bände übrigens: 1 Gratis=tip für Taschenbuchverleger).“

Auf Arno Schmidts Spuren bewegt sich jetzt Dieter Paul Rudolph. Auf seiner Homepage www.alte-krimis.de bietet er einige Texte aus dem 19. Jahrhundert an, die er als frühe Kriminalromane bezeichnet und von denen man wohl noch nie gehört hat: J.D.H. Temme, Benno Bronner und Adolf Streckfuß, Auguste Groner und Ernst von Wildenbruch. Zum Herunterladen, einiges davon wird auch in einem angekündigten Jahrbuch „Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts“ erscheinen (mit einem sehr hübschen illustrierten Einband des bekannten saarländischen Illustratoren und Künstlers Raphael Wünsch).

Und eben Carl von Holtei mit seinem Roman „Schwarzwaldau“: Anfang dieses Jahres hat Rudolph diesen „besten deutschen Krimi“ publiziert, allein, ohne Geldgeber. Und um das Risiko möglichst klein zu halten, hat er sich als Publikationsform „book on demand“ ausgesucht.

„Schwarzwaldau“ ist ein schillernder Roman: spannend zu lesen, witzig zwischendurch, mit pointierten Dialogen, psychologisch hintergründig, sozialkritisch und manchmal etwas gespenstisch. Er hat eine schöne Sprache, einen angenehmen, süffig lesbaren Rhythmus. Er spielt manchmal ins Düstere, weist manchmal in die Romantik zurück, manchmal, auch in der Behandlung von Metaphern und Motiven, ganz realistisch zu Fontane hinüber, der sich übrigens für sein „Unterm Birnbaum“ (1885) bei ihm bedient hat (ist das der Fontane-Forschung bekannt? Im „Fontane-Handbuch“ von Grawe und Nürnberger (2000) wird nur Holteis „Christian Lammfell“ erwähnt, und das in einem anderen Zusammenhang).

„Schwarzwaldau“ beginnt mit einem doppelten Beinahselbstmord. Sowohl Emil von Schwarzwaldau, der Herr des großen Gutes, das zwischen Berlin und Dresden liegt, als auch sein Büchsenspanner Franz beschließen in einer finsteren Nacht, sich umzubringen. Beide sind unglücklich: Emil ist von Natur aus schwermütig und in seiner trostlosen Ehe mit seiner Frau Agnes gefangen, die als spröde Person geschildert wird und gefühlsmäßig und sexuell abweisend; Franz, weil er, ein ehemaliger Adeliger, deklassiert und ins Zuchthaus abgerutscht, unglücklich in Agnes verliebt ist und keine Hoffnung mehr für sich sieht. In letzter Minute aber entschließt sich Franz, sich nicht umzubringen, nachdem er in der Nacht seinem Herrn begegnet, und verhindert auch dessen Selbstmord in letzter Sekunde. In einem langen Gespräch öffnet er sich und erzählt ihm seine ganze Geschichte. Aber es kommt dennoch zu keiner Freundschaft zwischen den beiden gleichen-ungleichen Gestalten.

Jetzt wird es verwickelt. Agnes’ Jugendfreundin Caroline, die Tochter eines sehr reichen Kaufmanns, kommt zu Besuch. Auf dem Weg nach Schwarzwaldau trifft sie an einem Teich Gustav von Thalwiese, den schläfrigen Sohn vom völlig verarmten und maroden Nachbargut. Es kommt jetzt zu einer sehr verzwickten Quasi-Fünferbeziehung. Caroline verliebt sich in Gustav, Gustav in Agnes. Emil verliebt sich auch in Gustav und ermutigt Agnes sogar, sich mit ihm einzulassen. (Die sexuellen Wirrungen sind natürlich – Mitte des 19. Jahrhunderts! – nur angedeutet. Aber deutlich genug.) Caroline reist beleidigt ab, weil sie bei Gustav nicht landen kann, und Franz ist beleidigt, weil er bei Agnes nicht landen kann, und schießt auf Gustav. Es stirbt: Agnes. Ein Psychothriller erster Güte. Die Personen verstricken sich immer mehr, stürzen immer tiefer ins Chaos, erst recht im zweiten Teil. Und am Schluss ist nur noch eine der Hauptpersonen am Leben. Kaltblütige Morde, verzweifelte Charaktere, verwirrte Menschen, eitle Kaufleute, aufflackernde Liebe, windiger Opportunismus: alles drin. Gut und Böse sind nur noch vage Orientierungspunkte in einem flackernden Universum.

Auch Holteis Sprache ist diesem Durcheinander angemessen. Düster schildert sie all die Verwicklungen, die Verwirrungen, aber ohne moralischen Zeigefinger, ohne Wertungen, so dass man sich mal mit diesem, mal mit jenem identifizieren und sie gut verstehen kann. Wie eine dunkle Nebelwand liegt die Trostlosigkeit über der Handlung, selbst wenn einmal Positives beschrieben wird. Man ahnt schon: Das kann nicht gut ausgehen. Aber wie Holtei das Ende ansteuert und über viele Seiten verfolgt, das ist schon meisterhaft. Seine Spannungsbögen, seine Verflechtungen der verschiedenen Handlungsstränge sind solide, die retardierenden und bescheunigenden Elemente erstklassig gesetzt.

Dabei bleibt er, auch wo er nur andeutet, immer klar, hat seine Satzperioden im Griff, weiß genau, was er will. Hier findet man keinen romantischen Kitsch, keine überladenen Bilder, keinen symbolträchtigen Firlefanz. Wie Fontane setzt Holtei seine Wegmarken, klar und deutlich, präzise und gleichzeitig sehr gefühlvoll. Er beschreibt – in der Nachrevolutionsära, in der alles, Politik, Wirtschaft, Psychologie, auf die Übermacht Preußens zusteuerte – wacklige, vorsichtige, ängstliche menschliche Beziehungen, die immer wieder scheitern: Denn die Verhältnisse, die sind eben nicht so. Und Holtei weiß auch, dass man sich selbst und seine Umwelt fast planmäßig zugrunde richten kann, wenn man nur ordentlich will oder sich einfach treiben lässt. Aber das kommt in diesem Roman nicht als moralisches Programm. Sondern es zeigt sich von selbst, je weiter die Handlung sich entwickelt.

Lange war eine Neuauflage überfällig. Jetzt könnte die Forschung richtig losgehen. Aber wo ist eine Universität, die Herrn Rudolph ein Forschungsstipendium gibt? Nein, bestimmt nicht in Deutschland, wo man immer noch meint, dass es zwar eine angelsächsische, aber keine deutsche Krimitradition gibt.

Carl von Holtei: Schwarzwaldau. Hrsg. v. Dieter Paul Rudolph. Book on demand, 312. S., 24 Euro

Zu bestellen in jeder Buchhandlung und (porto- und versandkostenfrei) direkt beim Herausgeber: dpr@hinternet.de oder über seine Homepage www.alte-krimis.de

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