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Mord stört die Ruhe. Der faule und bestechliche Peabody ermittelt in Patrick Bomans Krimi „Peabody geht fischen“ (2006)

Posted by Giorgione - 17. Juli 2009

Immer wieder greift er zu seinem bunten Schmöker. Nie kommt er damit zu Ende: „Vom Flossenschlag eines Hais gescheucht, schnellten die fliegenden Fisch über die krause Dünung des Atlantik dahin. Die ‚Worcester’, eine stolze Zweiunddreißig-Kanonen-Fregatte, glitt gleichmäßig voran, von einem kräftigen Südwestwind getragen, der stetig von achtern blies.“ Ein Seekriegsschmöker mit allen Farben und wenig Schattierungen und viel Kitsch. Aber immer wieder wird Peabody unterbrochen. Wie lästig. Selbst auf seiner Bootsfahrt zur Villa des Anwalts Shantidas kann er deshalb nicht anders als mal wieder ein wenig zu lesen. Aber dann ist es vobei mit der Ruhe. Denn Shantidas liegt nackt und tot in seinem Wohnzimmer. „Ringsum summten Fliegen, Würmer und Ameisen waren bereits emsig zugange (…). Er war zum Opfer eines makabren Rituals geworden: kreuzförmige Kerben auf Brustkorb und Unterleib, der Penis der Länge nach aufgeschlitzt, wie ein aufgeplatzte Brühwurst, und, besonders makaber, das linke Bein – es war unterhalb des Knies abgesägt.“ Unappetitlich. Und das unter der heißen Sonne Indiens.

Inspector Josaphat M. Peabody ist Polizist im Auftrag der britischen Krone, strafversetzt in ein kleines gottverlassenes Fischerdorf am Ende des südindischen Universums, wo auch wenige andere Weiße ihr Dasein fristen. Wie der Hilfssteuereinnehmer Reginald Batterbury-Woods und seine frustrierte Gattin, wie der von sich sehr eingenommene, asketische Richter Frazier, der vor allem darauf achtet, dass man sein Essen ordentlich kaut, weil das gut für die Gesundheit ist, wie der irische Missionar und Freund eines feinen Whiskeys Father O’Reilly. Der Mord gefällt Peabody gar nicht. Nicht nur wegen des Toten, sondern vor allem, weil es ihn in seiner Ruhe stört. Was macht man da? Man findet möglichst schnell den Mörder. Möglichst schnell bedeutet aber in Südindien nicht allzuviel, selbst wenn man zur Kolonialmacht gehört, die um 1900 herum (zur der Zeit spielt das Buch) noch ziemlich unangefochten regieren kann. Wenn die Inder denn auf einen hören.

Der zweihundertfünfzig Pfund schwere Inspector hat aber auch schon bessere Tage gesehen. Dass hier das Glücksspiel unter den Kokospalmen floriert, merkt er erst ziemlich spät. Dass es Ritualmorde geben soll, findet er ebenso unglaublich. Die Sprache versteht er nicht, schon gar nicht den Dialekt der Gegend. Und dann ist es sowieso zu heiß. Und so wartet er ab bis nach der Siesta, wenn pünktlich immer um dieselbe Zeit im „Waterloo-Hotel“ eine phlegmatische Ratte über die Veranda spaziert.

Peabody ist ein ziemlich unsympathischer Mensch, ein bisschen korrupt und eigentlich ziemlich faul. Weder die Gattin des Hilfssteuereinnehmers, die er zum Sex nötigt, noch die ausnehmend hübsche Nonne Schwester Mary sind vor seinen Nachstellungen sicher. Gemächlich geht alles zu, langsam sammeln sich die Indizien, ausführlich werden falsche Spuren gelegt, andere Erzählstränge entfaltet, viele Geschichten erzählt. Weitere Opfer versammeln sich unter den südindischen Palmen, bis Peabody den Mörder in einer akrobatischen Aktion fängt.

Neben einer gehörigen Portion Krimi und viel, manchmal derbem Spaß ist der Roman auch ein Sittenbild eines Kolonialregimes, das damals noch ganz sicher schien und erst allmählich zeigte, wie schnell es dann doch zu erschüttern war. In dieser Zeit schrieb auch Rudyard Kipling seine gebrochenen Hymnen auf des „white man’s burden“, den Indern die Zivilisation zu bringen. Boman führt in seinem Roman mit viel Witz und Hintersinn eine Horde von Engländern vor, die sich wie Übermenschen vorkommen, aber alle, fast alle, nicht ganz sauber sind, fast immer bereit zu einer Bestechung, zu einem Deal, zu einer kleinen Unsauberkeit. Egoistisch sind sie. Und wenn es ginge, würden sie alles auf die Inder abwälzen. Sie sind nur noch ein Abklatsch der englischen Society, ein Witzbild.

Und auch Josaphat Peabody ist ein klein wenig so. Er ist nur widerwillig bereit, sein Buch zur Seite zu legen und zu ermitteln. Nach seiner Strafversetzung, weil er sich bei einem Radscha etwas daneben benommen hat, nimmt er das Kolonialregime und die Zivilisation nicht mehr sehr ernst, schon gar nicht die christliche Missionierung. Manchmal leistet er sich einen Spaß: Als neue Nonnen aus dem viktorianischen England in dem kleinen Dorf ankommen, hält er einen Vortrag über den Hinduismus, wobei er vor allem die vielen phallischen Symbole zu erklären versucht.

Peabody will, wie alle anderen, seine Ruhe haben. Aber den Preis, den Mörder laufen zu lassen, den will er nicht zahlen. Also findet er den Täter, damit er hinterher seine Ruhe hat. Zimperlich ist er dabei auch nicht. Als ihn ein Verdächtiger um etwas zu essen bittet, sagt er: „Du hast zunächst mal Anspruch auf meine Faust in die Fresse, wenn du in diesem Tonfall weitermachst, und danach auf ein gesundes Heilfasten.“ Er ist kein Heiliger, dieser Peabody, manchmal ist er schmierig, manchmal sogar widerwärtig.

„Peabody geht fischen“ ist ein mit einigen witzigen, lebendigen Nebenfiguren angereicherter Krimi, der vor allem von seinen Skurrilitäten lebt, eine Krimiparodie und eine Satire auf den Kolonialbetrieb. Vielen werden die Späße zu grob und zu plump sein. Mancher wird für geschmacklos halten, was doch nur derbe Satire ist. Aber die Geschmäcker sind ja verschieden. So oder so: Bomans Roman ist kein großer Wurf, aber eine hübsche kleine, intelligent unterhaltsame Sonntagslektüre. Im Zebu-Verlag ist jetzt der zweite Roman aus der Reihe erschienen: „Josaphat Peabody beugt das Knie“.

Patrick Boman: Peabody geht fischen. Unionsverlag. Übersetzt von Regina Keil-Sagawe. Taschenbuch, 184 S., 8,90 Euro, ISBN 3-293-20361-2

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