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Mit Knoblauch und Chili. Nury Vittachi liefert in „Shanghai-Dinner“ wieder einmal Trash, aber das wird dann auch mal langweilig (2007)

Posted by Giorgione - 17. Juli 2009

Die Welt muss gerettet werden, darunter macht er es nicht. F. C. Wong ist Fengshui-Meister, er kann Häuser und Wohnungen nach einer alten chinesischen Geisterkunst deuten und so verbessern, dass das „Chi“, die Energie wieder fließt. Mit dieser Kunst hat er sogar schon einige Morde aufgeklärt. Jetzt hat Wong in Shanghai ein Büro bezogen, das gleich am Anfang des Romans abgerissen wird. Ist es schlechtes Fengshui? Stockt das Chi?

Aber F. C. Wong ist überzeugt, dass alles seine Richtigkeit hat. Immerhin ist er erfolgreich, hat sogar schon hohen Politikern ihr Fengshui ausgerechnet und ihnen nach dieser alten Methode den sichersten Schlupfwinkel im Fall einer Katastrophe, eine Insel in der Yangtse-Mündung, empfohlen. Eine Woche später wird er zu einem ganz besonderen Dinner eingeladen, in den exklusiven Dinnerclub „This is living“, in dem die „aufregendste Speisenfolge in ganz China“ geboten wird. Und das stimmt: Es ist lebendes Essen, das verspeist werden soll, noch hüpfend manchmal, noch zappelnd oder lebendig gegrillt, aber auf jeden Fall reichlich brutal ums Leben gebracht. Nur die Reichsten sind dabei, die auf perverse Gelüste stehen und bereit sind, dafür ein Vermögen auszugeben.

Aber dann wird der Club überfallen, die Gäste werden als Geiseln genommen. Aber es wird nicht etwa ein Lösegeld erpresst, sondern die Geiseln werden hingerichtet, und zwar nach der Methode, nach der sie die Tiere behandelt oder sich sogar einen Gang des Essens gewünscht hatten: Der Chefkoch Tomori wird angeklagt wegen „Tötung von achtundvierzig lebenden Skorpionen gestern. Also, wie geht Koch Tomori am liebsten mit Tieren um? (…) Ach ja, er wirft sie LEBENDIG in einen Topf mit kochendem Wasser.“ Und so wird Tomori in einen zwei Meter hohen Glasbottich geworfen, der mit einer dampfenden Flüssigkeit gefüllt ist. Ein anderer Gast, Park Hae-jin, hat Babytintenfisch bestellt, mit Chili und Knoblauchtunke besprüht, und sie lebendig gegessen. Er wird mit Chilisause bespritzt und den Bären vorgeworfen. Und so geht es weiter. Die Terroristen sind nämlich Veganer, extremistische Vegetarier, die es nicht mögen, dass Tiere sterben müssen, schon gar nicht auf solch grausame Art und Weise. (Dass sie dafür Menschen grausam umbringen, ist ein logischer Fehler, der im System liegt.)

Währenddessen jobbt Wongs Assistentin, die 19-jährige weiße Joyce McQuinnie, bei der Shanghaier Vegetarischen Catering-Kooperative. Sie muss den „Kindern Vegas“, einer extrem wichtigen Vegetariergruppe, ein streng veganes Essen („Code drei Komma fünf“: strengstens kontrolliert) liefern. Und da sie mitbekommen hat, dass im Dinner-Club irgendetwas nicht stimmt, dass ihr Anführer wieder einmal eine spektakuläre Aktion plant, ist sie in den Club gefahren, um ihren Chef zu warnen. Durch einen Trick können sich Wong und Joyce befreien und schließlich den Gangster ausschalten.

Einige weitere Zutaten in diesem reichlich schrillen Abenteuerroman sind: der amerikanische Präsident auf Staatsbesuch; Special Agent Dooley, der oberste Body Guard des Präsidenten; die chinesische Polizistin Zhang, die mit ihm zusammen arbeiten muss und von vielem, was Dooley sagt, nicht einmal die Hälfte versteht, sondern annimmt, dass es ein Code ist; ein Elefant, der mit einer riesigen Zeitbombe im Bauch durch Shanghai geführt und am Schluss per Helikopter über das Meer geflogen wird, natürlich genau zu der Insel, auf der sich der Präsident befindet; die entführte kleine Tochter der Tierärzin Dr. Lu Linyao; der indische Vastu-Meister (das ist etwas ähnlich wie Fengshui) Sinha, der sehr trickreich den Aufenthaltsort des Mädchens herausfindet.

Und natürlich die Skurrilitäten der beiden Hauptpersonen: F. C. Wong ist immer noch ein geldgieriger Chinese, der sich Weisheitssprüche und –geschichten ausdenkt und seine Assistentin meistens nicht versteht, und Joyce ist ein naives australisches Mädchen, das ihrerseits ihren chinesischen Chef oft nicht versteht und sich jetzt in Shanghai in den jungen Chinesen Marker Cai verliebt. Wegen der Fortsetzungen der Roman-Reihe wahrscheinlich.

Man kennt die Beziehung der beiden aus den beiden ersten Bänden, es hat sich nichts verändert. Auch in den Geschichten hat sich nicht viel verändert: Es ist immer noch hoch chaotisch, sehr überdreht, mit einem manchmal etwas brachialen Witz, garniert mit ironischen Bemerkungen über alles mögliche, diesmal vor allem über die chinesische Bürokratie, den Bau- und Abrisswahn in den Großstädten, die Esoterik, den Umgang der Chinesen mit Minderheiten und die militanten Vegetarier.

Man kann diesen Band also guten Gewissens allen empfehlen, die flotten Trash mögen, denen es auch nicht immer wichtig ist, ob alles so logisch abläuft, Hauptsache, es läuft in hohem Tempo. Leider muss man sagen, dass die Roman- und Geschichtenreihe um das ungleiche Fengshui-Paar auf Dauer ein wenig zu langweiliger Routine erstarrt ist. Es ist denn doch immer wieder das gleiche, und was im ersten Band noch Charme hatte, der Zusammenprall der weißen und der chinesischen Kultur in Gestalt von F. C. Wong und Joyce McQueenie, das ist im dritten Band dann doch recht abgelutscht und vorhersehbar geworden.

Nury Vittachi: Shanghai Dinner. Der Fengshui-Detektiv rettet die Welt. Aus dem Englischen von Ursula Ballin. Unionsverlag, Zürich 2007. 316 S., 19,90 Euro, ISBN 978-3-293-00369-9

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