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Jäger und Gejagte. „Der amerikanische Traum“ von Ernst Augustin in einer Neuauflage (2006)

Posted by Giorgione - 17. Juli 2009

Das ist schon ein seltsamer Zufall. Oder ist es doch eine zielgerichtete Jagd? Da fliegen 1944 drei amerikanische Soldaten über die fast menschenleere Landschaft von Mecklenburg, „Deathdealer“ steht auf dem Bauch ihrer Maschine. Wie zum Spaß machen sie Jagd auf Kühe, schießen auf Bauernhöfe. Und dann noch auf einen kleinen Jungen, der gerade Holz gesammelt hat und auf der schnurgeraden Chaussee mit seinem Fahrrad auf dem Weg nach Hause ist. Ein wenig vor sich hin träumt. Durch den Oberlauf des Orinoko streift, in einer Bugatti-Rennwagenversion vor der Chicagoer City-Polizei flieht. Bis die drei Soldaten, Eddy, der muskulöse Schütze „Bag“ und sein Bruder Marko, ihn ausmachen und abschießen: „Er war jetzt nur noch ein ärmliches Häufchen, das schnell noch ärmlicher und kleiner wurde.“ Und ein halbes Leben später jagt ein Detektiv, Hawk Steen, ausgerechnet die drei Männer.

So abenteuerlich beginnt ein alter Roman von Ernst Augustin, der jetzt endlich wieder neu aufgelegt wurde: „Der amerikanische Traum“. Es ist ein Traum von der Machbarkeit der Welt. Und von der Machbarkeit der Rache. Denn der Mord an dem kleinen Jungen bleibt nicht ungesühnt. Hawk Steen, unterwegs im Dschungel der Großstadt, spürt nach und nach die drei Männer auf und erledigt sie einen nach dem anderen. Zuerst Eddy, der am wenigsten zu dem Todesschuss beigetragen hat, immerhin war er „derjenige, der die Maschine von Brandenburg über den Müritzsee bis hierher navigierte“. Steen findet ihn und erschreckt ihn derart, dass er nach Kanada flieht. Aber unversehrt. Marko, mit seinem Bruder Mitglied einer Gangsterbande, wird malträtiert, aber auch er kommt mit dem Leben davon. Nur „Bag“, der das Maschinengewehr des Flugzeugs betätigt hat, „Bag“ muss sterben. Gerechtigkeit muss sein. In einer langausholenden, phantasiereichen Erzählung wird Steen zum Jäger und zum Gejagten, es geht durch Floridas Sümpfe, über den Oberlauf des Orinoko, durch Mittelamerika bis zurück zum Sumpf, sie fahren Bus und stehlen Boote, sie verkriechen sich bei Frauen und im Unterholz, sie schießen aufeinander. In einer Sumpffalle versinken sie schließlich beide, aber Steen überlebt.

Augustins Romane sind oft nur an der Oberfläche Abenteuerromane. Auch „Der amerikanische Traum“ hat viele Ebenen und Abgründe, eröffnet neue Welten, führt auf Abwege, in Sackgassen und Lebensdschungel. Es ist eine farbige, prallbunte, aufregende, spannende, auch sehr komische und in vielen Details sinnlichdampfende Story, die durch viele Welten führt, in denen sich Steen ganz souverän und reflektiert bewegt, eine Mischung aus Gangsterthriller und exotischem Abenteuer. Es ist aber auch die lange Geschichte einer Möglichkeit: „Der kleine Junge starb. Mit all seinen Schätzen, mit all seinen ungeheuerlichen nicht gelebten Möglichkeiten war er im Begriff wegzugehen, einfach aufzuhören, abzufallen. (…) So geht das doch nicht.“ Und so verwandelt sich Augustin in seine klangliche Entsprechung Hawk Steen und in den Geist des Jungen und der Erzählung und erschafft ihm, verschafft ihm ein neues Leben. Das sich in den wenigen Sekunden, in denen der Junge stirbt, entfaltet. Und so bekommt die Phantasie gegen das ganze Leben und sogar gegen den Tod ihr Recht. So werden die Möglichkeiten wichtiger als die Erfüllungen, das Erzählen wichtiger als die „Wirklichkeit“, die ja auch nur und erst durchs Erzählen wirklich wird.

„Der amerikanische Traum“ ist eine schöne Wiederbegegnung mit Augustin, der hier einmal in einem großen Rahmen seine stilistische Kunst entfaltet, seine einzigartigen Drehungen und selbstironischen Wendungen, sein augenzwinkerndes Aufmerksammachen auf die Illusion einer Realität, auf die Parallelwelten, in denen wir leben, ohne es zu merken. Bei Augustin merken wir es. Und es bedroht uns nicht, sondern macht viel Spaß.

Ernst Augustin: Der amerikanische Traum. Roman. Beck Verlag, 270 S., 19,90 Euro

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