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Glaube und Morde. Friedrich Anis neuer Roman „Idylle der Hyänen“ (2006)

Posted by Giorgione - 17. Juli 2009

Liebenswerte Ticks haben diese Kriminalbeamte: Polonius Fischer fasst immer wieder seine Assistentin Liz bei der Hand, er hat ein eigenes Verhörzimmer, in dem ein Kruzifix hängt und in dem er „Gespräche führt“, keine Verhöre, und dann hat er noch ein Ritual für seine Mannschaft eingeführt: Beim Mittagessen sitzen sie manchmal zusammen, essen, schweigen und lauschen einem Vorleser, ganz wie im Kloster. Fischer ist einmal Mönch gewesen, hat nach einer langen Glaubenskrise das Kloster wieder verlassen und ist zur Kriminalpolizei zurückgekehrt. Der Spitzname dieser seltsamen Truppe ist „die zwölf Apostel“.

Auch ihr neuer Fall hat etwas mit der Religion zu tun, mit religiösem Wahn. Aber es geht nicht um den Islam und die Terroristen, sondern um das Christentum. Wie ein roter Faden zieht sich Glauben und Nichtglauben durch den Krimi. Es beginnt damit, dass eine weibliche Leiche in einem Schrank, unten in der Tiefgarage, entdeckt und Katinka, die Tochter dieser Frau, entführt wird. Auf der Suche nach dem Täter entdecken die Apostel einen zweiten Mord, an einer ehemaligen Nonne, deren Großmutter und Mutter schon Suizid begangen haben und die beim Sex darum gefleht hat, sie umzubringen.

„Ich glaube an den Himmel“, sagte Fischer. „Aber die Idee von Himmel und Hölle kam mir immer merkwürdig und zu melodramatisch vor.“ Aber es zeigt sich dann doch, dass die Hölle auch existiert, hier auf Erden. Für die siebenjährige Katinka, die von ihrer Mutter immer wieder stunden- und tagelang in den Schrank gesperrt wird, für manche Menschen, die von ihren Lüsten und Trieben beherrscht werden. Auch für die Mörder, die beide nicht beweisen können, dass sie auf Verlangen oder aus Versehen getötet haben und die ihr Geständnis in langen Monologen von sich schleudern, in denen sie Jesus als Feigling beschimpfen und sich zu Richtern über die Welt aufschwingen.

In einen stringent und aus verschiedenen Perspektiven erzählten Krimi sind all diese religiösen Geschichten im neuen Buch von Friedrich Ani eingebettet. Da geht es nicht nur um die Aufklärung des Falles, sondern auch um den Glauben, das Schweigen Gottes, die innere Stille. Und auch wenn Anis Stil manchmal etwas zu manieriert und selbstverliebt ist, auch wenn der religiöse Untergrund manchmal etwas zu penetrant betont wird: „Idylle der Hyänen“ gibt einem zu denken, macht einige Gewissheiten unsicher und unterhält sehr intelligent und sehr spannend.

Friedrich Ani: Idylle der Hyänen. Roman. Zsolnay Verlag. 350 S., 20,50 Euro

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