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Die guten, alten, kleinen grauen Zellen. Gilbert Adair spielt mit den Romanen von Agatha Christie (2006)

Posted by Giorgione - 17. Juli 2009

Eine klassische Situation – klassischer geht es gar nicht mehr: Ein Landhaus, „ffolkes Manor“, in England, in der Nähe des Moores. Eine kleine Gesellschaft von Menschen, die sich zu Weihnachten 1935 zusammengefunden haben, ein paar Bedienstete. Ein Sturm kommt auf, das Häuschen wird eingeschneit, die Telefonleitungen brechen zusammen. In der Nacht: Ein Schrei aus dem Dachzimmer. Das Zimmer ist von innen abgeschlossen, der Hausherr und Don brechen es auf: Einer der Gäste ist tot, erschossen. Eine Waffe ist nicht zu finden: das locked-room-mystery.

Alle sind verdächtig. Vor allem, weil der Tote, Raymond Gentry, ein richtiges Ekel gewesen ist, ein Unterwäschenschnüffler, ein Klatschreporter und ein Erpresser obendrein. Alle Anwesenden haben in ihrer Vergangenheit irgendwelche Leichen im Keller vergraben, Gentry gräbt sie wieder aus, hält sie den guten Leuten unter die Nase und droht, die Geschichten zu veröffentlichen. Da ist die Krimiautorin Evadne Mount, die einmal ein lesbisches Verhältnis hatte; die Schauspielerin Cora Rutherford, die einmal drogenabhängig war; der Gastgeber Colonel Roger ffolkes, der weder Colonel war noch ffolkes hieß; der Vikar, der in seiner Gemeinde aus Eitelkeit einmal behauptet hat, im Krieg gewesen zu sein. Und so weiter. Und dann wird noch auf den Colonel geschossen: Wusste er zuviel und sollte vom Mörder beseitigt werden? Allerdings stirbt nicht er, sondern der alte Hund des Inspektors. Als Aufklärer wird der pensionierte Scotland-Yard-Chefinspektor Trubshaw geholt, der sie alle verhört und sich von Evadne ärgern lässt, die natürlich viel eher als er weiß, wer es gewesen ist.

Alles in allem ist Adairs Buch ein nettes Leseerlebnis für Nostalgiker. Man fühlt sich in die schönen alten Agatha-Christie-Krimis versetzt, in denen ein überschlauer Held allen noch so kleinen Spuren nachgeht und am Schluss die verheerte Welt wieder in den unschuldigen Zustand rettet. Zumal es immer wieder Anspielungen auf Christie gibt: die „kleinen, grauen Zellen“ des Hercule Poirot ebenso wie der eigentliche Titel des Buches, „The Act of Roger Murgatroyd“, den der Verlag wieder einmal nicht ordentlich übersetzen konnte. Sogar die Person der Schriftstellerin ist nach einer Figur von Christie geschneidert, Ariadne Oliver. Hier wie dort stellt sich heraus, dass der Ich-Erzähler der Mörder ist. Nur dass der Ich-Erzähler erst sehr, sehr spät das Wort ergreift und zunächst den anderen das Wort überlässt.

Der Roman ist ganz sicher und routiniert heruntererzählt, mit recht lebendig beschriebenen Personen, einer flotten Story und witzigen Einzelheiten: So äußert sich Evadne einmal abfällig über die „vollkommen zwecklosen Grundrisse, die einige meiner Rivalen ihren Krimis voranstellen und sich sie nur die naivsten ihrer Leser jemals ansehen“, und dann ist natürlich auch in diesem Buch ein Grundriss abgebildet. Ansonsten fühlt man sich an Ecos „Der Name der Rose“ erinnert, in dem man nach all den intertextuellen Anspielungen suchte und sich freute, wenn man wieder mal was wusste. Das ist manchmal ganz charmant, führt zu einem recht netten doppelten Spiel mit Lesererfahrung und Lesererwartung, aber auch zu so mancher Langatmigkeit und einigem etwas zu dick aufgetragenem Augenzwinkern: „So was kann man sich eigentlich nur in Büchern vorstellen“, heißt es ganz am Anfang, als erster Satz. Und dann passiert es eben doch. Aber dann eben auch nur wieder in einem Buch.

Prädikat: Ganz nett, aber wenn man’s nicht gelesen hat, hat man auch nichts verpasst. (Wahrscheinlich wird es auf der Krimiwelt-Bestenliste auftauchen, die nehmen ja alles. Auf der SWR-Bestenliste ist er schon. Aber auch deren Auswahlkriterien sind ja nicht immer ganz einsichtig.)

Gilbert Adair: Mord auf ffolkes Manor. Eine Art Kriminalroman. Übersetzt von Jochen Schimmang. Verlag C.H. Beck. 296 S., 18,90 Euro ISBN 3-406-55065-2

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