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Die erste Ausgabe eines neuen Krimi-Jahrbuchs ist erschienen (2006)

Posted by Giorgione - 17. Juli 2009

Die besten Sachen stehen hinten: ein böser Aufsatz von Thomas Wörtche über die „Spaghettisierung“ der Krimiliteratur, ein interessanter Essay von Dieter Paul Rudolph über die deutsche Kriminalgeschichte, die so lange vergessen wurde, ein bedenkenswerter Artikel von Joachim Feldmann über die Frage: „Wieviel Kunst verträgt der Kriminalroman?“ Und: Thomas Wörtche „revisited“ Ripley, und Walter Delabar macht „einige Bemerkungen zum fiktionalen Serienmord“.

Diese fünf Aufsätze würden den Kauf des neuen Jahrbuchs schon fast rechtfertigen: Brillant und einfach mal so flott nimmt Wörtche den Buchmarkt auseinander. „Alles schon gesehen, alles schon erlebt, alles überlebt – alles kommen und gehen gesehen“ hat er: erst, nach Grisham und Turow, die Gerichtsthriller. Dann die Serienmörder. Dann die Rechtsmedizin-Thriller: „Der Zwang zum Superlativ hingegen hat auch dieses Thema bis zur Lächerlichkeit getrieben und erledigt.“ Aber dann. Dann wurde, Anfang der 90er Jahre, Kriminalliteratur ernstgenommen, wurde „als ernsthafte Konkurrentin der non-crime-Literatur, sprich: Hoch-Literatur“ beachtet. „Doch dieser Prozess wurde jäh gestoppt. Autoren wie Henning Mankell oder Donna Leon traten auf, die einerseits das Bedürfnis des Publikums nach ganz schlichten Krimis befriedigten und das Genre in seinen ästhetischen und erkenntnistheoretischen Potentialen um Jahrzehnte zurückbombten. Und andererseits durch ihre noblen Verlagsorte – Zsolnay resp. Hanser und Diogenes – das bildungsbürgerliche Unbedenklichkeitszertifikat mit sich trugen.“ So präzis und unverblümt hat man das selten gelesen. Wörtche haut ordentlich um sich: „Edel-Talmi“ und „unerhebliche Textlein“ sind Mankell und Leon: Damit spricht Wörtche jedem anspruchsvollen Leser aus dem Herzen.

Der Herausgeber D.P. Rudolph denkt über die Tradition nach, über die Anfänge des Kriminalromans. „Der deutsche Krimi hat weder Vater noch Mutter. Wer ihn gezeugt hat und wann, bleibt das Geheimnis einer lauschigen Liebesnacht.“ Für viele, selbst Krimiautorinnen, die doch ihre Tradition kennen sollten, gelte das heute noch. Rudolph stattdessen macht einen kleinen Exkurs durch die Weimarer Zeit und holt etwas weiter aus. Und galoppiert zu Schiller und dann zu Adolph Müllner, der 1828 die erste Detektivgeschichte geschrieben hat. Er kommt zu J.D.H. Temme und Adolf Streckfuß und lobt sie kräftig: „Sie schrieben ‚Krimis’, aber was für welche.“ Kannten sich und schrieben teilweise gegeneinander: Gegen Streckfuß, der offen antiklerikal war, war z.B. Benno Bronner mit seinen Krimipersiflagen und der offenen Werbung für die katholische Kirche. Und so streift Rudolph durch die Zeiten, die wir alle nicht kennen, um endlich festzustellen, dass die Tradition des deutschen Krimis sich nicht mehr rekonstruieren lässt. (Und bietet auf seiner Homepage manche Texte zum Herunterladen und Bestellen an, sodass man nachprüfen kann.)

Joachim Feldmann ärgert sich über Krimiautor Jan Seghers, der unter seinem richtigen Namen Matthias Altenburg auch Nicht-Krimis geschrieben hat. Der nämlich sagt, dass Krimi doch nur Genre sei, und dass er „für 500 Seiten Kunst etwa zehnmal so lange brauche wie für 500 Seiten Krimi.“ Das merkt man allerdings seinen reichlich schlechten Krimis auch an. (Selbst seine „Kunst“-Romane sind nicht so viel Kunst, wie er wohl hofft.) Altenburg / Seghers ist aber für Feldmann nur der Auslöser für die Frage, woran man merkt, dass ein Krimi gut ist, und für einen langen Essay über David Peace’ „1974“ und seine Nachfolger.

Auch der Rest des Krimi-Jahrbuchs ist beachtenswert und sicherlich immer noch ausbaufähig: Selbst der doppelte Umfang hätte bei weitem nicht alles, was man schreiben, fragen, untersuchen und wo man nachhaken könnte, einfangen können. Aber das kann ja in den nächsten Jahrbüchern durchaus noch kommen.

In einem langen Interview mit dem Herausgeber, das weiter vorne steht, gibt Altenburg einige bedenkenswerte Sätze von sich, meint, „dass das Whodunit das Grundmuster bleibt“ und hält den Kriminalroman lediglich für eine „Großform der Reportage“, „gutes Handwerk“, das er, wenn es gelungen ist, durchaus schätzt. Und er schlägt vor, für’s nächste Jahrbuch seine goldenen Regeln für Krimiautoren zu formulieren. Da sind wir mal gespannt. Von der Presse wird er als der „deutsche Wallander“ bezeichnet – womit wir wieder bei Thomas Wörtches Essay sind.

Weitere Interviews und Begegnungen mit Friedrich Ani, Heinrich Steinfest, Hakan Nesser oder Nury Vittachi, viele Rezensionen, Porträts und Kleinessays über deutsche und internationale Krimiautoren, über das Krimischreiben an sich (Astrid Paprotta oder Wolfgang Bödecker) runden das Bild ab. Witzige Sachen sind darunter wie ein immer wieder auftauchender imaginierter und collagierter Kritikerstammtisch, wo die Meinungen kreuz und quer durcheinander gehen und der eine dem anderen widerspricht. Oder ein Gespräch zwischen dem Herausgeber und Christiane Geldmacher: Sie erfand eine Polizeiabteilung, in der der Chef, Polizeioberrat Otto Hagenmeister, die Idee hatte, ein Weblog einzurichten. Dieses Weblog hat Geldmacher dann real eingerichtet. Und jetzt unterhalten sich die Mitglieder des Ermittlungsteams untereinander und mit dem Leser. „Allerdings bemächtigen sich in der Zwischenzeit die Leser der Figuren. Leichhardt ist mir schon geklaut worden und Schorndorf und Tüte.“ Das ist ebenso spannend wie fatal: „Manchmal verliere ich selbst den Überblick“, gesteht sie.

Natürlich ist auch Erwartbares im Jahrbuch versammelt: Rezensionen aus dem vergangenen Jahr (von Ani bis Wieninger und Camilleri bis Vargas), Porträts (Scerbanenco, Arne Dahl, Elmore Leonard), Nekrologe und (da immer mehr Kommissare öffentlich essen und trinken) ein Krimimenü mit Rezepten und einer äthiopischen Kaffeezeremonie. Abschließend eine sehr verdienstvolle Bibliografie mit Sekundärliteratur. Insgesamt ein prallvolles Vergnügen, interessante Aufklärung und ein paar noch zaghafte Schritte zu einer systematischen, auch kontroversen, auch wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Kriminalroman. Dabei dürfte es ruhig noch etwas zugespitzter und kontroverser zugehen als es hier mit der Kritikerrunde und dem Gespräch mit Altenburg beginnt. Das kann ja nur förderlich sein für eine lebendige Krimiszene. (Und ein Register und ein etwas übersichtlicheres Inhaltsverzeichnis wären auch nicht zu verachten.)

Dieter Paul Rudolph (Hrsg.): Krimijahrbuch 2006. NordPark Verlag, Wuppertal 2006. 324 S., 20 Euro. 3-935421-18-4

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