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Bogart und Bacall auf Gran Canaria. Ein hartgesottener Privatdetektiv im warmen Süden (2006)

Posted by Giorgione - 17. Juli 2009

Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Diesen törichten Slogan kann man immer wieder in Stellenanzeigen lesen. Aber wer weiß: Vielleicht ist Gran Canaria doch nicht so schlecht. Man darf es dann nur nicht an den Geschichten messen, die Ricardo (nicht: Roberto!) Blanco erzählt. Der ist nämlich Privatdetektiv auf dieser schönen „Insel des ewigen Frühlings“. Leider nicht im Hinterland, wo es wirklich schön ist, Mogan Pueblo oder gar Veneguera, sondern in der Hauptstadt. Logisch. Denn nur dort ist etwas los.

Ricardo Blanco ist ein später, ein latin loveriger Sam Spade. Einer, über den schon eine halbe Krimiliteraturgeschichte hinweg gegangen ist, ein etwas lotteriger zudem. Und nicht halb so clever wie seine großen Vorbilder. Denn was passiert ihm, als mal wirklich eine schöne Frau, María Arancha, zu ihm kommt und ihn anheuert, den Tod ihres reichen Verlobten Toñuco Camember aufzuklären, der Selbstmord verübt haben soll? Er verliebt sich in sie! Sie braucht nur bitter zu lächeln und zu erzählen, dass sie sich bei ihm immer vorkommt wie in „einem Schwarzweißfilm mit Bogart und der Bagall (…), einem Film voller unterdrückter Leidenschaft“.  Und natürlich lässt sich Ricardo von ihr, so geht das eben zu in den hard-boiled-Krimis mit Humphrey Bogart, so richtig ausnutzen, aber anders als Bogart hat er schnell und völlig den Überblick verloren. Und das liegt nicht nur daran, dass die ganze Geschichte in der High Society der Inseln spielt, in der sich Blanco nun überhaupt nicht auskennt.

Correa, 1962 in Las Palmas geboren und jetzt Professor an der dortigen Universität, spielt mit den literarischen Versatzstücken, die sich in so einem Fall nur zu gerne anbieten. Leider bleibt er allzusehr dort hängen und verpasst es, seinem Ermittler eine eigene Identität, ein eigenes Gesicht zu geben, auch wenn er über eigenen Charaktereigenschaften verfügt. So liebt er z.B. die Poesie: „Manchmal vereinfach die Poesie die Empfindungen, macht sie so scharf und klar, dass alles von Licht durchdrungen scheint.“ Er ist empfindsam und hat Humor, er kennt ein paar seiner Schwächen und kann mit ihnen leben. Das wäre doch etwas.

Immer wieder hechelt Blanco den Tatsachen hinterher, versucht sich bei den reichen Nichtstuern einzuschleichen, entgeht immer mal wieder einem Anschlag und weiß nur allzugut, dass er sich natürlich auf keinen Fall hätte verlieben dürfen. Und immer wieder macht er seine Witzchen über das Leben, sich und andere: Als María Arancha ihn beauftragt, den Mord an ihrem Verlobten zu untersuchen, meint er: „’Mit diesem Namen’, dachte ich, ‚ist es das Geringste, was ihm passieren konnte.’“ Die Polizei, so weiß er, hatte den Fall „tatsächlich nach ihrer eigenen Logik gelöst: Es kommt aus der Kuh, ist weiß und es wird in Flaschen abgefüllt, also ist es Milch.“

Die Schilderung der verschiedenen Milieus – der sarkastische und sentimentale Detektiv, die geheimnisvolle Schöne, die gelangweilten Reichen – wirkt ein wenig oberflächlich, der das Buch durchziehende Humor manchmal ein wenig gestelzt und angestrengt, die Anspielungen etwas dick und aufgesetzt. Nun, so schlimm ist es aber auch wieder nicht. Mag sein, dass sich der Autor noch ein wenig steigert, schließlich ist das Buch der erste Teil einer Reihe. Bisher ist es solide Unterhaltung, ironisch unterfüttert, flott erzählt, wenn auch mit einigen Schwachstellen. Nur, warum der Verlag den Originaltitel „Fünfzehn Tage im November“ mit „Drei Wochen im November“ übersetzt hat, das wird wohl ein Rätsel bleiben, das kein Privatdetektiv restlos aufklären kann.

José Luis Correa: Drei Wochen im November. Ricardo Blanco, Privatdetektiv auf Gran Canaria. Übersetzt von Verena Kilchling. Unionsverlag, Zürich. 188 S., 8,90 Euro. ISBN 3-293-20365-5

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