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Behäbige Schwaben. Felix Huby langweilt mit seinem neuen Krimi (2006)

Posted by Giorgione - 17. Juli 2009

Heidenei, isch des au wiedr langweilig! Des soll ä Krimi soi? O du liab’s Herrgottle von Biberach! Und von oiner von dene bekannteste Krimiautoren? Der wo de Bienzle erfunde hätt? Ja, so ist das. Oder wie der Schwabe sagt: „Ja, ja. So, so.“

So behäbig ist der neue Krimi von Felix Huby. Huby schreibt schon seit vielen Jahren Krimis und andere Bücher und hat auch für den Tatort Drehbücher geschrieben, für die Kommissare Bienzle, Palu und Schimanski. Jetzt hat er neuen Kommissar erfunden, Peter Heiland, auch er ein Schwabe. Es hat ihn nach Berlin verschlagen, nachdem er in Stuttgart ausgerechnet mit Bienzle zusammen gearbeitet hat. Im Buch „Der Falschspieler“ ist Heiland gerade auf Usedom im Urlaub und muss mit ansehen, wie Fischer eine weibliche Leiche aus dem Wasser holen. Mit seinem Anklamer Kollegen Marstaller fährt er noch einmal an den Tatort und fotografiert ausgerechnet ganz zufällig das Boot, auf dem ihr Mörder rausgefahren ist.

Da die Tote, Heike Schmückle, in Berlin wohnt, geht der Fall an Heilands Vorgesetzten Wischnewski, jetzt muss Heiland mit seinem Chef und seiner Kollegin Hanna Iglau ermitteln. Sie erfahren, dass Schmückle eine sehr lebenslustige Frau gewesen ist und eine geniale Wissenschaftlerin, die daran beteiligt war, einen neuen Nanowerkstoff zu entwickeln, für eine Berliner Firma. Aber sie spielte ein doppeltes Spiel, sie arbeitete nicht nur für ihre Firma, sondern auch mit ihrem Vorgänger zusammen, der entlassen worden war, weil er Ansprüche gestellt hatte und Informationen gestohlen und natürlich jetzt auch noch ermordet wird.

Es lohnt sich nicht, den Fall nachzuerzählen, mit seinen Verästelungen und vielen Verhören. Wichtiger ist, dass alles äußerst behäbig zugeht. Und das liegt nicht so sehr am Krimi-Plot, bei dem es manchmal sogar recht rau zugeht, sondern vor allem an der Sprache, die so umständlich und kompliziert ist, dass man fast darüber einschläft. „Er umarmte den langen Heiland, und der fühlte sich wie immer unwohl dabei. Sein Großvater hatte ihn pietistisch erzogen. Und da umarmte man sich nicht, es sei denn heimlich, wenn es niemand sah, und auch dann nur zwischen Mann und Frau. Einmal hatte Peter dem Opa vorgeworfen, das Äußerste an körperlicher Zärtlichkeit zwischen ihnen sei es gewesen, wenn der Alte dem Enkel ein paar Brotkrümel vom Pullover geklaubt habe. Aber er hatte sofort gesehen, wie sehr dies den Großvater schmerzte.“ Das könnte man schon noch etwas komplizierter ausdrücken. Aber nicht sehr. Sätze wie „Ron Wischnewski nahm wieder das Wort“ sind schon eine halbe Beleidigung an das normale Sprachgefühl. Es sind leider keine Einzelfälle.

Auch die Beziehungen zwischen den Polizisten, Peter Heiland, Hanna Iglau und Ron Wischnewski, sind langweilig und oft umständlich erzählt und kommen nur selten auf den Punkt. Nichts davon wird so richtig lebendig, selbst die paar schön abstrusen Ideen werden platt runtererzählt. Dass sich die beiden Kommissare um ihren Chef sorgen, weil der keine Beziehung hat, dass sie ihn wieder mit einer Bekannten verkuppeln, das ist doch eine gute Idee, eigentlich. Aber wie erzählt Huby das? Einfach nur nach dem Lehrbuch für vollständige Sätze. Das Geheimnis, wie man lebendige Charaktere entwickelt, das kennt Huby nicht.

Stattdessen wird er lieber ausführlich, wo er knapp hätte sein müssen: „Er setzte sich neben Hanna Iglau und griff nach dem Schreibblock, der, wie auch ein Stadtplan und ein fein gespitzter Bleistift, an jedem Platz lag.“ Will man das wissen? Oder dass er die Fahrbereitschaft anruft, um zu melden, dass er das Auto noch ein wenig behält, weil er es am nächsten Morgen noch braucht? Nein, das will man alles nicht wissen.

Und so plätschert der Fall dahin, so plätschern die Beziehungen dahin, und nur die Sprache plätschert nicht, sie holpert. Muss man so etwas lesen? Noi, des muss man net.

Felix Huby: Der Falschspieler. Frankfurt / Main: Scherz Verlag, 2006, 320 S., 14,90 Euro, ISBN 3-502-11008-5

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