Krimikultur: Archiv

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Ein Gespräch mit Else Laudan

Posted by Dieter Paul Rudolph - 8. Juli 2009

laudan_elseElse Laudan, 1963 in Berlin geboren, betreut die Reihe der „Ariadne Kriminalromane“ im Argument Verlag seit 1988; zunächst als Lektorin und Übersetzerin, später als Redakteurin und Herausgeberin. 1997 wurde sie zudem Co-Geschäftsführerin und Programmchefin des Verlags. Davor ein buntes Allerlei praktischer Lebenserfahrungen. Sie war Maschinenschlosserin, in Druckereien und im Buchhandel ebenso tätig wie im „alternativen“ und gastronomischen Bereich, besitzt Diplome in Soziologie und Sozioökonomie, kann zahlreiche Auslandsaufenthalte (USA, England, Frankreich, Kanada, Australien) vorweisen und erzieht nebenbei noch einen inzwischen zwölfjährigen Sohn. Zusammen mit Anja Kemmerzell hat sie das erfolgreiche Kompendium „Das Wort zum Mord – Wie schreibe ich einen Krimi?“ herausgegeben, veröffentlichte diverse Beiträge im Frauenkrimi-Almanach Ariadne Forum sowie weitere Aufsätze und Artikel u.a. im Metzler-Literaturlexikon und der Hauszeitschrift Das Argument. Daneben immer wieder Übersetzungen, zuletzt Jennifer Fallons „Gezeitenstern-Tetralogie“. Dieter Paul Rudolph hat sich im Juni / Juli 2009 via Email mit ihr unterhalten.

Dieter Paul Rudolph: Frau Laudan, als Herausgeberin der Ariadne Kriminalromane müssten Sie doch momentan auf irgendwelchen 7. Wolken schweben. Mit Christine Lehmann und Monika Geier zwei Autorinnen, die es nicht nur auf die Krimiwelt-Bestenliste geschafft haben, sondern auch in die Herzen der gesamten Kritikerschaft. In der Hinterhand opulente Erzählerinnen wie Dagmar Scharsich und Merle Kröger, auch der Nachwuchs – nennen wir pars pro toto Nora Miedler – äugt nach oben. Was ist das? Glückliche Umstände, Lohn für jahrelange Treue des Verlags zu seinen Autorinnen, gar ein Umschwung im allgemeinen Leseverhalten? Oder stimmt es wirklich, dass Frauen zwar langsam, aber dann gewaltig kommen?

Else Laudan: Vielen Dank für diese schöne Frage, die auch noch mit Blumen kommt. Es ist wohl eine Mischung aus drei Sorten Beharrlichkeit, schätze ich. Erstens haben wir mit Ariadne ein Frauen-Krimi-Kulturprojekt über zwei Dekaden am Leben gehalten (und das auch in Zeiten heftigen Gegenwinds), in dem es um Begeisterung für Krimis geht, aber auch um feministische Landgewinnung in der Kultur (seit jeher stellen Frauen einen Großteil der Krimifans, mussten aber lange erzpatriarchale Normalität im Genre dulden) und darum, zu zeigen, dass „der weibliche Blick“ im Kriminalroman eine Stärke ist und keine Schwäche. Und das sowohl inhaltlich als auch literarisch! Dabei brauchten wir wahnsinnig viel Hartnäckigkeit, um im wechselnden Zeitgeist nicht verloren zu gehen, sondern dazuzulernen und immer besser zu werden.

Zweitens arbeiten wir schon seit vielen Jahren schwerpunktmäßig mit deutschen Autorinnen. Wir geben unsere ganze lektorische Erfahrung an sie weiter, wir nehmen sie ernst und meckern viel, aber glauben auch an sie, wir redigieren hingebungsvoll und geduldig, wir erwarten von jeder guten Autorin, dass sie immer noch besser wird, und bauen Debüts auf, wo wir Talent zu ahnen glauben (was sich nicht immer, aber meistens bestätigt). Nach so vielen verlegten Krimis und noch viel mehr gelesenen Krimis lassen wir uns eigentlich nur noch auf Manuskripte ein, die etwas Besonderes verheißen. Es gibt da auch eine Art gemeinsame Utopie – alle unsere Autorinnen sehen wie wir, dass viel miese kommerzielle Scheiße in Umlauf ist, und wollen es besser machen, eine bessere Kultur machen. Also fördern und feiern wir speziell Autorinnen, die ein Anliegen haben. Nicht im Sinne einer festgelegten Ideologie, wohlgemerkt. Sondern im Sinne von etwas zu sagen haben, die Lesenden für denkende Wesen halten und ernst nehmen. Gute, zeitlos hochwertige Kriminalliteratur machen, ohne über das Triviale an sich die Nase zu rümpfen, denn das lieben wir ja alle, aber nur, solange es nicht verblödend und flach ist.

Und drittens, wir haben kein Geld für Werbung wie ein Großverlag, wir können eine Autorin nur aufbauen, indem wir editorisch gute Arbeit machen und dann vertrieblich und PR-mäßig Vollgas geben, soweit die Kräfte reichen, aber wenn jemand so gut ist wie Geier, Lehmann, Scharsich und Co, spricht sich das doch irgendwann herum, wenn man nur beharrlich dranbleibt – was wir tun, und die Autorinnen auch. Und dann ist auch in den letzten paar Jahren die Kritiker-Rezeption uns gegenüber endlich aufgetaut. Auf dem Feld bin ich zurzeit ziemlich glücklich. Also: Auf der siebten Wolke schwebe ich, wenn die Verkaufszahlen meine Autorinnen ebenso klar als Oberliga anerkennen, wie das die Kritiken mittlerweile schon tun.

Dpr: Ihrem letzten Satz entnehme ich, dass normale Arbeitstage bei Argument / Ariadne noch nicht mit ausgiebigen Sektfrühstücken beginnen… und schließe eine Batterie vielleicht nicht ganz so schöner Fragen an: Könnte es nicht sein, dass Sie irgendwann das gleiche Schicksal erleiden, das nicht wenigen ambitionierten Kleinverlagen schon beschieden war oder noch beschieden sein wird? Dieses „in Schönheit sterben“? Oder sehen Sie, im Jahre des Herrn 2009,tatsächlich so etwas wie eine solide Basis für Ihresgleichen? Und, mal ehrlich: Wenn Ihnen ein Manuskript auf den Tisch flattern würde, sagen wir, ein Prominentenkrimischmarren mit garantierten 50.000 verkauften Exemplaren – würden Sie nicht doch „Scheiß drauf, machen wir, finanzieren wir das nächste unverkäufliche Juwel damit“ stöhnen?

EL: In Schönheit sterben? Leider eine durchaus berechtigte Frage, und es ist wahr, „der Markt“ bestraft Idealismus und Mangel an Gier. Aber mit Kompromissen habe ich oft genauso schlechte Erfahrungen gemacht. Das Leben ist konkret und voller Widersprüche (wie ein guter Krimi), zum Beispiel: Einerseits will man nicht vernagelt sein und „den Zeitgeist“, den wetterwendischen Mainstream immer nur ignorieren oder gar bekämpfen. Vor allem, da wir als Verlag die Frage nach der populären Kultur mit Gramsci denken, es also für irregeleitete Arroganz halten, das zu verachten, was „die Massen“ begeistert (und schließlich: wer soll denn sonst die kollektive Intelligenz vor der Herrschaft des strikt kommerziellen Einheitsbreis retten, wenn nicht wir kleinen, ambitionierten Träumer/innen?). Andererseits: Wenn man schon fürs Existenzminimum bis an die eigenen Grenzen schuftet, sich krummlegt und schindet, ehrenamtliche Hilfe zum Überleben braucht und kein bisschen Wohlstand hat, dann doch bitte für echte Herzblutprojekte, für Bücher von Autorinnen, die man auf Händen tragen möchte, weil sie einfach so verdammt klug und mutig und witzig und gut sind.

Im Laufe von 21 Jahren habe ich ein paarmal Kompromisse gemacht, verschiedene Arten von Zugeständnissen ausprobiert, an den Vertrieb, an den Buchhandel, an den Mainstream. Das ist immer nach hinten losgegangen oder bestenfalls folgenlos verpufft. Habe auch mal eine Autorin aufgebaut, obwohl sie mich nicht wirklich begeistert hat, nur weil ihr Krimi voll im Trend lag und ich nicht vernagelt sein wollte – da haben wir prompt auch ein paar mehr Boulevardpresse-Rezensionen gekriegt, aber letztlich doch wieder Lehrgeld gezahlt: Neben einer gewissen Verwunderung bei einigen Stammleserinnen erwies sich mit der Zeit immer deutlicher, dass die Autorin im Grunde nicht ins Gesamtprojekt passte, sich künstlerisch absolut nicht weiterentwickelte, und irgendwann hat man es dann echt satt. Verkauft hat sie sich auch nicht viel besser als andere Debüts, aber höllisch Arbeit gemacht.

Ich hätte gar nichts gegen so genannte „Milchkühe“, die nach der guten alten Mischkalkulation gewagtere Projekte mitfinanzieren (unsere wenigen Anthologien sind durchaus vertrieblich konzipierte Projekte). Aber es zahlt sich nicht aus, das Ariadne-Niveau zu unterschreiten. Also wenn uns ein Prominentenkrimischmarren ins Haus flattert, der qualitativ echtes Potenzial hat – nehmen wir ihn mit Kusshand und machen uns an die Arbeit. Brauchen ja jeden Cent. Wenn er aber Schrott ist, will ich damit nichts zu tun haben. Denn wir brauchen auch jede Minute unserer Kapazitäten für unsere guten Autorinnen und ihre guten Bücher. Und was die garantiert verkauften fünfzigtausend Exemplare des Prominentenkrimischmarrens angeht – mein Spamfilter ist voll mit „Garantien“ von Casinos oder Callcentern, die mir Millionen versprechen. Soll heißen, ich halte das für einen Mythos, um es mal sehr vornehm auszudrücken.

Dpr: Sie sprechen vom „Ariadne-Niveau“ und andererseits von der irregeleiteten Arroganz, den Geschmack der „Massen“ betreffend. Ich bin, als ich ein wenig in Ariadne-Bücher blätterte und natürlich zunächst die ersten bedruckten Seiten las, wo Verlage normalerweise etwas über Buch und Autor erzählen, beinahe erschrocken, als ich plötzlich mit dem Wort „Krimikultur“ konfrontiert wurde (natürlich angenehm erschrocken…). Jeder sogenannte Publikumsverlag hätte solche Texterei mit sofortiger Kündigung der Urheberin bestraft. Ich zitiere mal kurz: „Hier sehen wir die Herausforderung einer zeitgemäßen Krimikultur: eingängig und spannend Geschichten erzählen, die gesellschaftliche Widersprüche und Ungerechtigkeiten ausleuchten, Zweifel an kulturellen, moralischen, sozialen Selbstverständlichkeiten wecken, kritischen Argwohn gegenüber den gängigen Glücks-, Erfolgs- und Wohlstandsversprechungen schüren, zum Misstrauen gegen blinde Ideologien, Dogmen und Normen anregen“. Oder dieses hier: „Doch die original deutsche Krimikultur steckt – verglichen mit der reichen angloamerikanischen Tradition – noch in den Kinderschuhen.“ – Beide Male bezieht sich das auf die Qualität der Texte und definiert das „Ariadne-Niveau“, aber Krimikultur geht ja weit darüber hinaus, beschreibt zudem den Zustand des Publikums, der Verlagslandschaft, der Kritik. Glauben Sie, dass auch dort das Tragen von Kinderschuhen noch Usus ist? Oder hat sich etwas getan, tut sich vielleicht etwas oder sollte sich etwas tun, vielleicht um ein Werkzeug zu formen, den „Geschmack der Massen“ aufklärerisch zu beeinflussen? Oder wäre allein diese Vorstellung schon arrogant?

EL: Wenn ich die nächsten Tage nichts weiter vorhätte, könnte ich als Antwort auf diese Frage gut und gern zwanzig bis hundert Seiten schreiben! Da steckt so viel drin, was mich ständig beschäftigt und umtreibt … aber wir wollen es etwas kürzer halten, also gehe ich nur grob skizzenhaft auf die einzelnen Punkte ein.

Zunächst die Frage, wer hier alles noch Kinderschuhe trägt. Die hiesige Krimi-Verlagslandschaft hat in den letzten zwei, drei Dekaden einige fruchtbare Impulse bekommen. Darum hat sich zuerst Diogenes verdient gemacht, da kam ab den 80ern viel gute Kriminalliteratur in erstmals anständiger, werktreuer Übersetzung heraus (später merkte auch Rowohlt, dass das nottut), dann haben sie eine Zeitlang alle Krimis unter dem Etikett „Roman“ verkauft, um endgültig aus der Schmuddelecke rauszukommen – das ist zwar nicht gerade subversiv, aber es hat dem Krimi durchaus ein besseres Standing verschafft. Union mit der UT Metro-Reihe von Wörtche hat die hiesige Rezeption noch extrem erweitert, was Internationalität des Genres, aber auch Anspruch und Niveau betrifft. Ariadne hat die selbstbewussten Frauen sichtbar, hoffähig und erfolgreich gemacht und damit auch die Krimiszene kräftig erweitert. Aber das alles legte den Fokus nicht oder kaum auf deutschsprachige Krimikultur. Was die betrifft, ist noch viel im Argen: Die Mehrheit deutscher Krimineuerscheinungen laboriert bestenfalls um miefiges Tatort-Niveau (mir ganz persönlich ist schleierhaft, warum der Tatort so zum Kult geworden ist, ich finde ihn weitgehend unerträglich provinziell, bieder, moralinsauer und beschränkt bis zur Publikumsverblödung). Es gibt in der Flut deutscher Krimis kaum bemerkenswerte Charaktere, kaum originelle Plots, von selbstbewusst-innovativem Spielen mit dem Genre ganz zu schweigen. Die letzte Dekade brachte uns einen schaurigen Regionalkrimiboom, der den hart bedrängten Buchhandel etwas tröstete: Die Beliebtheit regional verankerter Stoffe liegt nämlich primär am hohen Wiedererkennungsfaktor – es ist immer leichter, ein Buch zu verkaufen, wenn man einen sicheren Anknüpfungspunkt hat, sei es »Diese Amateurdetektivin hat im Alltag denselben Beruf wie Sie« oder »Dieses Buch liegt politisch auf Ihrer Linie«, oder eben »Dieser Roman spielt hier in unserer Gegend«, was natürlich die Dinge vereinfacht, weil es am wenigsten Vorwissen über die Leserin voraussetzt. Aber wie viel unsäglicher Schrott wird da verlegt! Und gelesen! Was sagt das über die Schuhgröße des Publikums? Doch es gibt auch Entwicklung, nur ist sie widersprüchlich und schwer zu bewerten. Als wir mit Ariadne anfingen (1988), war es der Mehrheit der Lesenden noch peinlich, öffentlich mit einem Krimi gesehen zu werden (wir bekamen tonnenweise Briefe, dass frau sich mit den schwarzgelb glänzenden Ariadnes sogar in der U-Bahn blicken lassen mag, weil es eben kein Trash ist). Die Spaltung in U und E trennte bis in die 90er den Krimi sorgsam von der Literatur. Das ist heute weitgehend vorbei – aber ist das so, weil die Aufklärung eingesetzt hat, dass gute Lektüre keine Frage des Genres ist? Oder vielmehr, weil viel mehr Reibach zu machen ist, wenn „der Konsument“ nicht mehr „slummen“ muss, um sich zu unterhalten? Ich fürchte Letzteres … Einst gab es literarische Vorkoster, die der Nation sagten, was lesenswert ist, und sich rühmten, unbestechlich Spreu von Weizen zu trennen. So etwas macht eine Kultur stagnant und konservativ und schränkt damit auch die Nachfrage ein. Wie der Markt in Gestalt des organisierten Großkommerzes Actionkracher und Horrorfilme kulturell hoffähig machen half, so half er auch dem Krimi den Schmuddelcharakter abstreifen. Pulp ist „in“ – nicht, weil er dem Volk aufs Maul schaut (was im besten Fall aber auch stimmen kann), sondern weil da Geld zu verdienen ist. Für ausgemacht halte ich es, dass die großen (Konzern-)Verlage den meisten Einfluss auf die kulturelle Landschaft haben – und damit überwiegend rein ökonomische Kriterien sie regieren. Das passt mir nicht, deshalb verfolge ich hartnäckig das „steter Tropfen“-Prinzip, fühle mich aber auch wie Sisyphos dabei. Denn die Großen haben den Buchhandel fest im Griff, der eh mit dem Rücken zur Wand steht, und auch das mediale Marketing, wo immer es Geld kostet und noch darüber hinaus. Man muss nur das Prinzip Bestsellerliste (was ja vielen Normalverbrauchern als Gipfel einer seriösen Empfehlung gilt) zu Ende denken, um zu merken, dass hier ein selbstreferenzielles System arbeitet. Ich halte das hiesige Publikum für leichtgläubig, nicht für blöd. Uns ist in 30 Jahren neoliberaler Jubelpolitik beharrlich auf allen Ebenen eingetrichtert worden, dass Kapitalismus bedeutet, das Gute setzt sich durch. Normalverbraucher nehmen erst mal an, was etwas taugt, steht auch prompt auf den Bestsellerlisten. Vielleicht trägt der noch nicht in Konzernhand liegende Teil des Internet hier und da ein klein wenig dazu bei, diese mächtige Religion zu entkräften. Mal sehen.

In der Kritik hat sich in letzter Zeit einiges getan. Da gibt es mehr und mehr Leute, die mehr vom Genre Krimi erwarten als seichte Unterhaltung. Das ist toll! Im Feuilleton ist er deshalb noch nicht etabliert, aber ich verfolge sehr fasziniert auf der einen Seite medien-, handels- und publikumswirksame Vernetzungsaktivitäten kompetenter Journalisten (wie die KrimiWelt-Bestenliste), auf der anderen Seite eine wachsende Anzahl kundiger, ambitionierter und liebevoll gemachter Krimiblogs und -foren im Internet. Es wird aber noch dauern, bis diese Entwicklung sich wirklich breit niederschlägt – bei der Preisevergabe, in den großen Medien, im Kaufverhalten der Wiederverkäufer und Endkunden. Speziell im deutschsprachigen Krimi wirkt sich der Kunden-Glaube, dass Verkaufserfolg ein Indiz für Niveau sei, noch oft kontraproduktiv aus, wie man am Regiokrimi sieht. Auf der anderen, anspruchsvollen Seite haftet deutschen Krimis noch die biedere Tatorttradition an, die auch für Berührungsangst sorgen kann, und nur wenige Lesende suchen sich selber geschickt die Juwelen raus. Aber das wird schon kommen, hoffe ich, denn bei der Kritik hat es ja schon angefangen.

Dpr: Ich denke, wir sind uns einig, dass gute Kriminalliteratur immer auch die Zeit, in der sie entstanden ist, spiegelt. Und diese Zeiten ändern sich bekanntlich. Als Sie vor über zwei Jahrzehnten die Ariadne-Reihe ins Leben riefen, war das, wie Sie selbst schreiben, „ein Skandal, heute stehen wir damit nicht mehr allein“. Ein Skandal, weil Sie ja durchaus den „feministischen Krimi“ propagierten, mit Frauen als Protagonistinnen, die so gar nicht mehr ins Miss-Marple-Schema passten. Heute sind Frauen als Kriminalautorinnen auch in Deutschland erfolgreich, und zwar auf allen Qualitätsebenen. Von Charlotte Link und Petra Hammesfahr über Anne Chaplet und Ingrid Noll bis zu Astrid Paprotta und Uta-Maria Heim. Die Bandbreite reicht also vom 0815-Ramsch bis zum komplexen, sehr wohl auch politisch akzentuierten Roman. Der größte Krimierfolg der letzten Jahre, „Tannöd“, wurde von einer Frau, Andrea Maria Schenkel, verfasst. Als „Frauenkrimis“ würde wohl keine der Genannten ihre Werke etikettieren. Frage: Ist das Projekt des feministischen Krimis beendet? Oder hat es eine neue Qualität erreicht?

ariadne_krimisEL: Die Aufgabe eines feministischen Krimiprojekts ist noch längst nicht abgegolten! Gehen wir davon aus, dass Frauenunterdrückung in die herrschende Kultur eingeschrieben ist, dass sie in Regeln, Werten, Normalitätsvorstellungen und gewöhnlicher Orientierung auch von Frauen selbst reproduziert wird. Also müssen wir kulturzerstörerisch vorgehen und etwas Alternatives anbieten. Feministische Krimis müssen einer möglichen Realität zur Sprache verhelfen, in der Frauen aufrechte, kompetente und handlungsfähige Menschen sein können. Eine typische feministische Krimiheldin hat mit genau den Widersprüchen zu tun, die der ›gewöhnlichen‹ realen Frau das Leben schwer machen. So ist in der von vielen Leserinnen geschätzten Identifikation mit den Heldinnen politische Zustimmung zu ihrem Ringen um Handlungsfähigkeit enthalten. Ob frauenbewegt oder nicht, jede Frau, die sich abstrampelt, um in den realen Verhältnissen handlungsfähig zu werden und zu bleiben und anderen beim Handlungsfähigwerden beizustehen, entspricht darin dem Ideal der Frauenkrimiheldin, wodurch klar wird, dass jede Frau eine Heldin sein kann. Unsere Leserinnen würdigten dies mit der Abnahme von fast zwei Millionen Ariadne Krimis. An Kulturzerstörung erreicht haben wir einzelne Breschen: Kritik an Sexualverhältnissen, die Installierung der lesbischen Heldin als Normalität und Bruch mit der Selbstverständlichkeit der Orientierung auf als männlich wahrgenommene Berufe und Lebensweisen, der Umgang mit dem Körper und mit Sprache. Im feministischen Projekt Ariadne geht es per Definition um eine Kultur, in der Frauen aufrechten Ganges strategische Plätze einnehmen, um das Heute und das Morgen mit zu gestalten. Da bleibt noch viel zu tun, während zugleich die Frauenbewegung verschwunden ist und dem Kampfbegriff ›Feminismus‹ gern etwas Gestriges angehängt wird.

Hinzu kommt in unserem Krimiprojekt natürlich der Anspruch, dass soziale Wahrnehmung geschärft und das Publikum darin ausgebildet wird, die eigene Welt genauer zu sehen. Die jetzt hierzulande entstehenden feministischen Kriminalromane verknüpfen den begonnenen Aufbruch schon als eigene Vergangenheit mit unserer heutigen, hiesigen Gegenwart und richten den Blick auf die Gegenwart und Zukunft. Ein Beispiel: Christine Lehmanns Serienheldin Lisa Nerz begann ihren ersten Fall im Milieu der deutschen Frauen- und Lesbenbewegung und entwickelt sich seitdem als wandelndes Experiment mit dem Genderbegriff. Nerz geht manchmal als Mann, wohin Frauen nicht gehen können, sie rebelliert gegen herrschende Normen, ermittelt im Edelpuff, in der Staatsanwaltschaft, auf Schulhöfen, in finsteren Höhlen und Pietistenhochburgen. Ihr siebter Fall führt sie sogar ins Weltall, nur um dort die irdischen Widersprüche zugespitzt anzutreffen. Lisa Nerz ist in keiner Rolle verhaftbar. Moderne Weiblichkeitsklischees aus der Werbung erfassen sie nicht: Nerz ähnelt weder der lächelnden Jungmutti noch der perfekt geschminkten Karrierefrau. Aber das Beste: Auch das heute im Mainstream etablierte für Frauen offenere Krimi-Rollenkonzept ist für Lisa Nerz zu eng und zu klischeehaft, sie ist kein „Detektiv in Seidenstrümpfen“ (würg!). Aktuelle Frauenbild-Schablonen, die befreiten Konsum feiern und ihr begütertes Leben mit der Fernbedienung regeln, werden ganz beiläufig als hohl und künstlich entlarvt (und sofern sie einen hübschen Arsch haben, auch mal vernascht). Lisa Nerz dringt in tabuisierte Zonen vor, überschreitet Grenzen von Geschlecht und Konvention. Macht beeindruckt sie nicht, sondern fordert sie heraus, ihr Herz gehört den Ohnmächtigen und ihre Sympathie den Outlaws. Wie eine moderne Piratin legt sie sich mit der bestehenden Ordnung an, plündert im Filz der modernen Wohlstandsgesellschaft, segelt den gängigen Kompromissen davon. So kann sie anprangern, was hier und heute um uns geschieht, ohne dass die Autorin den Leser/innen mit erhobenem Zeigefinger Gesinnung predigen müsste. Das ist vorbildliche feministische Kultur in den Sinne, wie ich Feminismus verstehe: Es geht um eine bessere Welt für alle! Ganz aktuelle gesellschaftliche Themen, die wir uns in Krimis aufgegriffen wünschen, sind Sozialabbau, Hartz IV, Arbeit/Arbeitslosigkeit. Neoliberale/kapitalistische Durchdringung von Werten, Alltag, Moral, Arbeit, Identität. Isolation der Einzelnen durch Entstaatlichung von Institutionen und Strukturen (hier auch: Anstieg von Kleinkriminalität und Drogen-, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch). Medien/Glücksversprechen (Information/Werbung), Konsumzwang, Verheißungskultur (Erfolg, Karriere, Liebe/Heteronormativität/Kinder/Familie). Technologie/Glasmenschen (was früher Science-Fiction-Thema war, wird jetzt Krimithema, weil es schon Realität ist: grenzenlose Erfassbarkeit der Person über Handy, Personalausweis, Kreditkarten usw.). Globalisierung (Wohlstandsschere, Billigarbeitskräfte im In- und Ausland, Allmacht der Märkte). Umwelt/Klima/Ressourcen/Nahrung. Heranwachsen in diesen Verhältnissen, Schule, Beruf und Bildung, Zukunft. Nichts davon berührt Frauen weniger als Männer, jedoch werden im Patriarchat viele Missstände besonders gut reproduziert.

Ob sich gute Krimiautorinnen nun offiziell zum Feminismus bekennen oder nicht, ist ihre Sache. Immerhin hat sich der Feminismus noch nicht als Staatsform in Verruf gebracht, soweit ich weiß. Es geht um eine bessere Welt für alle! Das feministische Kulturprojekt muss von uns und anderen fortgesetzt werden, um die endgültige Absage an weibliches Opfertum und Mittäterinnenschaft einzulösen und vor allem: eine Absage an Herrschaft. Nun wird es wieder Bestürzung geben, wie die einzelnen Krimis solche Riesenansprüche einlösen sollen, ohne belehrende Traktate zu sein. Ist gar nicht unmöglich: Man muss die Wahrheit sagen, man muss sie so gut erzählen, dass es alle fasziniert lesen können, und man muss dafür sorgen, dass es unterhaltsam um etwas Wichtiges geht – J.M. Redmann nannte das: Make it count! Zeige im kleinen Krimi-Kosmos, dass es durchaus die Welt retten kann, sich Courage und Konsequenz zu leisten. Zeige, wer wen verarscht und damit durchkommt, und warum. Oder zeige, wo wirklich Mittäterschaft anfängt, oder wie sympathisch aufmüpfige Selberdenkerinnen sind. Geht doch.

Dpr: So ziemlich alles, was Sie eben genannt haben, vom gläsernen Menschen bis zur Hartz IV-Existenz, kann auch auf Männer gemünzt werden. Gewiss trifft es Frauen in vielem härter, sei es bei sexueller Gewalt, ökonomischer Ausbeutung oder Rollenklischees, aber wenn ich Ihre Thesen zu Ende denke, dann ist der feministische Kriminalroman ein Zwischenschritt auf dem Weg zum geschlechtsunabhängigen, aufklärerischen Kriminalroman. Nun gehen Sie dabei beinahe didaktisch vor und stellen das Positive in den Vordergrund, dass man die Welt retten, sich Courage und Konsequenz leisten kann. – Nun komme ich persönlich von der entgegengesetzten Seite, also mit der Grundhypothese, dass man die Welt mit Courage und Konsequenz eben NICHT retten kann, weil ihre Fundamente zu sehr „verbrecherisch“ sind. Und uns auch selbst betreffen. Wenn ich heute Geld bei einer Großbank anlege, finanziere ich damit etwa den Betrieb südamerikanischer Kupferminen, in denen Arbeiter kaum älter als 30 werden, oder ich finanziere hübsche kleine Rohstoffkriege in Afrika. Was halten Sie von dieser eher pessimistischen Arbeitshypothese beim Schreiben von Kriminalromanen? Zu negativ, zu wenig hilfreich? Oder sind beide Konzepte nur die Seiten einer Medaille? Und – fällt mir gerade noch ein – wäre in diesem Zusammenhang eine „Ariadne-Heldin“ denkbar, die eben genau das Gegenteil von dem ist, was eine Lisa Nerz verkörpert? Ein in seinen vorgegebenen Grenzen gefangenes, nicht opponierendes, instrumentalisiertes armes Hascherl, das am Ende scheitern muss?

EL: Stimmt – das Positive im Vordergrund ist meine persönliche Macke, damit ich heiteren Herzens weitermachen kann, obwohl ich genau weiß, dass wir den Laden an die Wand fahren (ich rede von dieser Kugel, nicht vom Argument Verlag). Rohstoffkriege in Afrika finanziert schon mit, wer nur ein Handy kauft (Coltan, nachzulesen im Genre z.B. bei John le Carré und Lena Blaudez), und eine Autorin, die das weiß und der die globale Kriminalität bis ins Detail bewusst ist, kann um einiges stärkere brisante Geschichten erzählen (wenn sie erzählen kann). „Make it count!“ heißt ja nicht, dass man sich die Bedeutung, die Brisanz des Geschehens künstlich ausdenken muss – es geht ja in Wirklichkeit um unsere Lebenswelt, und so gut, wie das globale Kapital organisiert ist, bietet es ohne Ende Stoff. Und so leichtgläubig, wie gerade Wohlstandsbürger sind, müssen diese bitteren Geschichten dringend erzählt werden – ich fürchte, vor Mankells Romanen wusste in Deutschland nur eine Handvoll notorische Linke und Skeptiker, dass die Weltbank nicht so was Ähnliches wie die UNO ist … was aber auch wieder belegt, dass ein gewisses Maß an Aufklärung sogar im Mainstream durch Krimis möglich ist, und Autor/innen, die ein Anliegen haben, wissen das auch. Und ich vermute (ausgehend von mir selbst und den mir bekannten Leserinnen), dass der beste Weg zum Herzen der Leserinnen über positive Identifikationsfiguren führt, echte „Heldinnen“, die (unbedingt!) widersprüchlich genug sind und hinlänglich Blessuren davontragen, um nicht unrealistisch zu erscheinen, aber doch auch utopisches Potenzial verkörpern und damit die Hoffnung auf den Sieg der Gerechtigkeit – ein sehr ernst zu nehmender Wunsch, der zuweilen das Beste in Menschen zum Vorschein bringt. Das (Anti-)“Heldinnen“-Profil, das Sie ansprechen – „ein in seinen vorgegebenen Grenzen gefangenes, nicht opponierendes, instrumentalisiertes armes Hascherl“ – gibt es bei Ariadne schon in verschiedenen sehr spannenden Ausprägungen, zum Beispiel die lieb-begriffsstutzige Cora Ost in Dagmar Scharsichs „Gefrorener Charlotte“, die naive Stella bei Charlotte Jay in „Das Gift der Neuen Welt“ (geschrieben 1951) oder die sozial überforderte, mit sich hadernde Charlie in Nora Miedlers „Warten auf Poirot“. Um so eine Figur glaubwürdig hinzukriegen, ohne dass sie zu sehr nervt, muss man literarisch verdammt diszipliniert und sprachlich wirklich sehr gut sein. Zudem ist es mit solchen Gestalten fast unmöglich, in Serie zu gehen. Ich liebe solche Bücher, aber erstens haben sie es noch schwerer, Leser/innen und Kritik zu überzeugen, und zweitens möchte auch ich nicht NUR so was lesen. Aber es ist wahr – in eine solche literarische Gestalt passt sehr viel bittere Wahrheit, und es ist eine Herausforderung, daraus noch glänzende Unterhaltung zu machen. Und um ehrlich zu sein – in allen genannten Beispielen scheitert „das Hascherl“ am Ende nicht, sondern es gibt ein offenes oder gar ermutigendes Ende. Was mir persönlich aber auch mehr liegt … die Wirklichkeit ist deprimierend genug. Womit sich der Kreis schließt: Ich bin keineswegs geneigt, Ihrer Grundhypothese zu widersprechen, „dass man die Welt mit Courage und Konsequenz eben NICHT retten kann, weil ihre Fundamente zu sehr „verbrecherisch“ sind. Und uns auch selbst betreffen“, aber das ist kein Grund, bei dem hartnäckigen Versuch, es besser zu machen, auch nur einen Zoll nachzugeben. No way.

Dpr: Erheben wir uns zum Abschluss unseres Gesprächs ins Historische und Bedeutend-Allgemeine. Ich vertrete ja die putzige Theorie, dass sich die Kriminalliteratur – zumindestens die deutsche – langsam dorthin zurück entwickelt, wo sie vor ungefähr 150 begonnen hat. Damals war Krimi in vielen Fällen politisch unbequem und sozial engagiert. Er hat sich des Trivialen bedient, um, allgemein gesagt, unterdrückte Meinungen und Stimmungsbilder als ebenso spannende wie aufklärerische Lektüre unters Volk zu bringen. Wenn ich mir Ihre Skizzierung der Ariadne-Zielsetzungen so anschaue und auch die anderer kleiner Verlage, habe ich schon fast ein déjà-vu-Erlebnis. Vielleicht, weil die Zeiten danach sind? Ist es eine primäre Aufgabe von Kriminalliteratur, gegen Manipulation und als „Unterhaltung“ getarnte Beruhigungsmittel zu opponieren? Und – geht der engagierte Kriminalroman da nicht herrlichen Zeiten entgegen? Oder ertränken uns die Verleger=Betriebswirte am Ende doch wieder im Sud des Belanglosen?

EL: Seufz. Ich fürchte, ich kann mich gar nicht guten Gewissens ins Historische erheben, da mir dazu die nötige Orientierung fehlt. Statt redlich die soziohistorischen Wurzeln des Genres zu studieren, bin ich nämlich relativ burschikos von der Seite in die Kriminalliteratur eingestiegen: Auf frühe kindliche Plünderung des mütterlichen Krimiregals mit spontaner Suchtbildung folgte später der Wunsch, ausgehend vom eigenen Leben und eigenen Lesevorlieben den politischen Veränderungswillen in populäre Kultur zu übersetzen. Da erwies sich der Krimi als ein ganzes Genre voller Machos und Erzpatriarchen, bis dato fast unberührt von feministischem Gedankengut und doch von klein auf heiß geliebt. Somit bot sich ein geradezu ideales Feld für kulturelle Erneuerung und Landgewinnung, und am meisten interessierten mich dabei die Figuren, die Prototypen und wofür sie stehen, das Utopische am neuen feministischen Protagonistinnentyp. Vereinfacht und zugespitzt: Wenn die Heldinnen von massenhaft gierig verschlungenen Krimis die Wahl haben, Männerberufe zu ergreifen, Männerräume zu betreten, vielleicht Frauen zu lieben, jedenfalls gegen frauenfeindliche Realitäten anzutreten – dann wird der Gedanke, dass wir diese Wahl haben könnten, sollten, wollen, ein populärer Gedanke. Insofern ist es durchaus eine politische, ja agitatorische Energie, die mich als Kulturschaffende in genau das Genre gezogen hat, in dem ich mich als Leserin schon seit meiner Kindheit gern getummelt habe. Ich wollte ein neues Frauenbild schaffen helfen, das weniger begrenzt und patriarchal ist, das abrückt von der Korrumpiertheit klassischer trivialer Frauenlektüre und doch die Lust am trivialen Unterhaltenwerden zu würdigen weiß.

Historisch habe ich hauptsächlich die Spur der Frauen verfolgt, und auch das nicht umfassend genug. Immerhin stieß ich nach und nach auf die subversiven und aufklärerischen Traditionen, die das Genre auch hat. Natürlich hab ich von Glauser gehört und der politischen Zensur, die sein Verlag ausübte, aber ich weiß erbärmlich wenig über die Literaturlandschaft von vor 150 Jahren. Andererseits habe ich zahllose schlecht übersetzte Krimis aus den 1970ern gelesen und später im Original erkannt, dass Autoren wie Chandler und MacDonald der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, und wie raffiniert, wie gut geschrieben ihre Geschichten eigentlich sind. Also betrat ich das Genre im Grunde ganz naiv, um es politisch zu nutzen, und stellte dann fest, dass es schon immer politisch war.

Im Vergleich zum Zukunftsroman, der in den 1970ern als politische Utopie eine Hochzeit kapitalismuskritischen, feministischen und ökologischen Gedankengutes erlebte und damit bis in die Massenkultur vordrang, war der hierzulande massenhaft verlegte und gelesene Krimi allerdings bis Ende der 1980er noch erschütternd banal, stilistisch anspruchslos (haarsträubende trivialisierende Schlecht-Übersetzungen fluteten den Markt) und inhaltlich konservativ-patriarchal. Dagegen an zu verlegen erwies sich eine Zeitlang als dankbare Großbaustelle. Mit wachsendem Knowhow und hinzudrängender Konkurrenz der Großen stiegen unsere Ansprüche: Wir wollten etwas wirklich Gutes zur Kultur unserer Gesellschaft beitragen und lernten auf die harte Tour, von Kompromissen lieber abzusehen. In dieser Praxis kam es zu dem unbedingten Postulat, dass ein guter Kriminalroman a) exzellent geschrieben sein muss, b) Facetten der sozialen Realität zeigen sollte, die etwas mit der Wirklichkeit des Publikums zu tun haben, und c) dass Autorinnen mit einem Anliegen, einem gewissen Weltverbessererimpuls die für mich besten Kriminalromane schreiben.

Für uns und die meisten unserer Autorinnen ist es tatsächlich eine primäre Aufgabe von Kriminalliteratur, gegen Manipulation und Verblödung zu opponieren und herrschende Normen zu bezweifeln bzw. zum Selberdenken und Selberzweifeln anzuregen. Es geht darum, die Lesenden da abzuholen, wo sie sind, ihnen aber auch die Intelligenz zuzusprechen, gute Schreibe von schlechter zu unterscheiden, sie mit einem tollen Plot und faszinierenden Figuren zu packen und zugleich an Selbstverständlichkeiten zu rütteln, die gesellschaftliche Ungleichheit reproduzieren und zementieren. Der Krimi ist seiner Natur nach eine Ode an die Aufklärung, an das Hinterfragen des vordergründig Sichtbaren.

Aber ob der engagierte Kriminalroman so bald herrlichen Zeiten entgegengeht, weiß ich noch nicht. Zurzeit beschleicht mich häufig der Eindruck, das Diktat des Marktes unterwirft sich straflos mehr und mehr neuralgische Punkte unserer Kulturverbreitung. Jetzt in der beginnenden Krise wird die Werbung noch aggressiver, der Konsumterror noch panischer, was unheilvolle Verflechtungen nach sich zieht. Der Rückzug des Buchhandels aus der größtmöglichen Angebotsvielfalt ist ja keine Kulturverachtung, sondern eine Panikreaktion auf akute ökonomische Not. Dennoch sind die Produktionen kleiner unabhängiger Verlage dadurch weiter im Abseits als je in den letzten Dekaden. Im Krimikultur-Blog war schon mehrfach die Rede von solchen Notständen, dazu gehört auch die rapide abnehmende Resonanz von Rezensionen, ebenso die um sich greifende Praxis von Journalen mit so genannten Buchkritiken bzw. Buchempfehlungen, die in Wahrheit bezahlte Werbebeiträge sind: schon wieder ein selbst- bzw. kapitalreferenzielles System, das dem Publikum so gar nicht transparent ist. Wir brauchen eine Kritikkultur, die sich gegen solche in Millionenauflagen kostenlos ausliegenden Kommerzblüten auch zur Wehr setzt und zeigt, inwiefern das Verarschung ist. Denn das sind Werkzeuge, mit denen es der „Sud des Belanglosen“ immer wieder schafft, Omnipräsenz für sich zu reklamieren, oft auf erschreckend niedrigem Niveau.

antonio_gramsciEiner der umsichtigsten und leidenschaftlichsten Denker und Weltverbesserer, die ich gelesen habe, war Antonio Gramsci, der im Knast jahrelang an der Frage arbeitete, wie Kultur und Politik zu verknüpfen seien. Er kritisierte die Haltung Intellektueller gegenüber dem Volk als „ein Verhältnis väterlicher und wichtigtuerischer Protektion, das ›süffisante‹ Gefühl einer eigenen unangefochtenen Überlegenheit, ein Verhältnis wie zwischen zwei Rassen, von der die eine für überlegen, die andere für unterlegen gehalten wird, ein Verhältnis wie zwischen Erwachsenen und Kindern in der alten Pädagogik und, schlimmer noch, ein Verhältnis à la ›Tierschutzverein‹ oder wie das der angelsächsischen Heilsarmee gegenüber den Kannibalen von Guinea.“ Ziel einer lebendigen Politik des Kulturellen hingegen muss es sein, „die Aufmerksamkeit, die Achtung und Liebe der Öffentlichkeit zu erringen, sich ein Publikum heranzubilden“. Mehrfach forderte Gramsci dazu auf, gerade die als trivial geschmähten Literaturgattungen für den Aufklärungsanspruch ernst zu nehmen. Dazu „muss das Vorurteil abgebaut werden, das den Popularroman in die Niederungen der Literatur verbannt. Durch dieses Vorurteil ist das Volk der Willkür von Spekulanten ausgeliefert, deren Vorgehen korrumpierend wirkt.“ So verstehe ich den Bildungsauftrag, den ich mir und allen nicht nur von Profitgier angetriebenen Kulturschaffenden auf die Fahne schreibe. Die Aufgabe besteht darin, wie es Gramsci nannte, „konkret vorzuführen, dass man Besseres leisten kann und dass es möglich ist, um einen kulturellen Brennpunkt ein Publikum zu scharen, sofern dieser Brennpunkt wahrhaft lebendig ist und Wärme ausstrahlt“. (alle Zitate: Gramsci, Gefängnishefte). Ich suche diese Gedanken in eine Praxis zu übersetzen, die die Lesenden ernst nimmt. Ich will realitätsnahe, originelle Kriminalromane für Herz und Verstand liefern, statt Leuten Versicherungen anzudrehen oder abgedroschene Glücksversprechen zu reproduzieren.

Das Internet ist insofern eine echte Chance, als hier mit wenig Kapitalressourcen der Kontakt zum Publikum möglich wird. Eine so gute Option darauf, qualitativ hochwertige Gegenkultur zu entwickeln, hatten wir lange nicht mehr. Wenn ich sehe, wie leicht erpressbar Medien und Einzelhandel sind, sich stets nach der Willkür der Marktmächtigen ausrichten zu müssen, dann kann eigentlich Neues nur noch entstehen, wo eine ganz andere Währung gilt. Klar, clevere Betriebswirte verkaufen auch schon Klicks. Aber wenn es darum gehen soll, Inhalte anzubieten und fundierte Reflektionen und Kritiken, hat es wenig Sinn, sich vorwurfsvoll bei denen zu beschweren, die selbst zugrunde gehen, sobald der Rubel nicht rollt, wie er soll. Wir müssten abseits des Warenprinzips eine Kultur aufziehen, die stilistische und inhaltliche Kriterien höher bewertet als Verkaufszahlen. Der Charme einer solchen nichtkommerziellen Kultur könnte, wenn sie die Lesenden ernst nimmt und einbezieht, durchaus größer sein als die Macht des Kommerzes.

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3 Antworten to “Ein Gespräch mit Else Laudan”

  1. Fesselndes Interview mit Else Laudan, wenn auch schon aus 2009, so doch sicherlich inhaltlich richtungsweisend.
    Inspiration für mich, ein Manuskript nach entsprechender Vorarbeit einzureichen.

    Danke für die differenzierten Einschätzungen eines „Marktes“ der aus Menschen besteht, die zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch feministische Frauen sein können.

    Verbundene Grüße von Marion J.

  2. […] Die Philosophin Frigga Haug rief die Reihe ins Leben, die Leitung des Programms übernahm Else Laudan, bis heute. Zu den wichtigsten und beliebtesten Autorinnen gehörten Sarah Dreher, Katherine V. […]

  3. Pembe Özkan said

    Hallo, ist es möglich das der neue Krimi von Jean M. Rrdmann, M. Knight reihe von Englische ins Deutsche übersetzt wird? Ich und auch ein paar andere M. Knight Fans würden sich sehr freuen. Wissen sie, ich lerne allein wegen diesem Krimi schon Englisch, donnoch habe ich probleme das gelesene zu verstehen. Also dachte ich, ich frage sie als Ariadne Krimi Fan, ob sie die Übersetzung veranlassen würden. Können sie mir dann antworten, das wäre sehr nett. Danke
    Mit freundlichen Grüßen
    Pembe Özkan

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