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Weiberwahrheit: Von Angst im Dunkeln und anderen Barrieren. Else Laudan re: feministische Themen in Krimis

Posted by Laudan - 7. Juli 2009

Weiberwahrheit: Von Angst im Dunkeln und anderen Barrieren

Eine Einlassung zu feministischen Themen in Kriminalromanen von Else Laudan

Als Kind war ich Lederstrumpf, mit elf Donald Lamb (Erle Stanley Gardner/A.A. Fair) und andere Machoschnüffler. Hunderte solcher Metamorphosen begleiteten meine Personwerdung. In meiner Biografie waren die Identifikationsfiguren fast durchgehend männlich, die weiblichen Fiktionen bevölkerten viel langweiligere Welten. Ich zumindest stellte mir lieber vor, Marlowe zu sein als Miss Marple. Doch ab Ende der 1980er generierten feministische Krimis einen neuen Kosmos, in dem Frauen die spannenden Welten bevölkerten. Unsichere Amateurinnen retteten Leben, kluge Ermittlerinnen bremsten Schurken aus, Cop oder Schnüfflerin, mit und ohne Kinder, lesbisch oder hetero. Hardboiled-Lesbenkrimis mit unverschämt heißem Sex lösten die alten Klischees (passiv-)weiblicher Sinnlichkeit ab, Frauen übernahmen Sinnsuche und Berufsalltag.

Antonio Gramsci schrieb in seinen Überlegungen zu populärer Kultur: „Eine der charakteristischsten Haltungen des popularen Publikums zu seiner Literatur ist diese: es kommt nicht auf den Namen und die Persönlichkeit des Autors an, sondern auf die Person des Protagonisten. Die Helden der Popularliteratur lösen sich, wenn sie in die Sphäre des intellektuellen Lebens des Volkes eingetreten sind, von ihrem ›literarischen‹ Ursprung und erhalten die Geltung der historischen Persönlichkeit. Ihr gesamtes Leben interessiert, von der Geburt bis zum Tod.“ [Gramsci: Gefängnishefte, H. 8, §{122}].

Genau das geschah mit den Frauenkrimis. Der neue Typus von „Heldinnen der Popularliteratur“ war bald so unwiderstehlich magnetisch, dass nicht nur eine Lesebewegung entstand, sondern aus der Nische auch eine Mainstream-relevante Marktlücke wurde. Alle großen Verlage legten sich Frauenkrimireihen zu, Kommissarinnen und Lesben eroberten das Fernsehen. Die anfängliche Aufbruchstimmung wich bald dem Warenprinzip: Kult ist, was sich verkauft. Doch der kurze Siegeszug feministischer Kriminalromane, der Frauenkrimi-„Boom“ Ende der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre bereicherte das Genre um aufgeklärte weibliche Perspektiven und diverse Aspekte von Frauenrealität. Milieus und Protagonistinnen rückten näher an ein weibliches Publikum heran, integrierten Elemente alltäglichen Frauenlebens. Das folgende Zitat entstammt einem Krimi aus den 1990ern, doch das geschilderte Szenario ist bis heute nicht unaktuell:

Die Fahrt zur Universität dauerte fünfzehn Minuten. Gerade war ich ausgestiegen und zog mir den Anorakreißverschluss hoch, als ich etwas hörte. Oder meinte, etwas zu hö­ren. Allein auf dem schlecht erleuchteten Parkplatz, blieb ich wie angewurzelt stehen, mit klopfendem Herzen. War das ein Schrei? Sollte ich besser nachsehen? Mein Schatten lag vor mir auf dem Asphalt wie ein spitz zulaufender, makabrer Finger, der auf den dunklen Park zeigte. Ich schluckte trocken. Vielleicht zwei Minuten wartete ich reglos, aber das Geräusch wiederholte sich nicht. Ich atmete aus, hatte gar nicht gemerkt, dass ich die Luft angehalten hatte.

Obwohl wir in den kühnen, unerschrockenen Neunzigern leben, begleitet die Angst jede Frau, die durch dunkle, einsa­me Gegenden gehen muss. Meistens kann ich den Impuls unterdrücken, mich über die Schulter nach hinten umzusehen, aber heute Abend spürte ich ihn überdeutlich. Als eine Eule in einer Roteiche schrie, hob ich fast vom Asphalt ab. Wir sind bald da, Caitlin, redete ich mir gut zu … (Lauren Wright Dou­glas: Artemis’ Töchter)

Die sich hier fürchtet, ist keine zierliche Schülerin, auch keine zarte ältere Dame, es ist eine 40-jährige hartgesottene Berufsdetektivin mit einer 357er Magnum. Caitlin Reece ist eine Erfin­dung. Aber die Panik, die Caitlin im Nacken sitzt, brauchte die Autorin nicht zu erfinden. Sie ist für Frauen nahezu selbstverständlich. Jede Krimileserin kennt die Anspannung einer sol­chen Situation. Welche Frau hat keine Angst im Dunkeln? Natürlich gibt es „Rezepte“ für die Sicherheit. Eine Frau sollte nie allein auf nächtlichen Straßen herumtigern! Wenn sie nachts einen Park durchquert, ist das leichtsinnig, geradezu eine Einladung. Fair ist das zwar nicht. Warum muss sie sich fürchten, nur weil sie einen weiblichen Körper hat? Es klingt ein bisschen nach vorletztem Jahrhundert, wenn Mädchen und Frauen sich verhalten sollen, als wären ihre Körper eine Art Zielscheibe. Aber das ist normal, und wer nachts rausgeht, ist selbst schuld. Vernünftiger wäre es, gar nicht als weiblich erkennbar zu sein, aber das ist wiederum unpopulär. Wann immer ich nachts Highheels die Straße entlanghasten höre, denke ich: Au, ein akustisches Opfer-Signal …

In einer gemischten Diskussion kommt jetzt der Einwand: Moment mal, Männer fürchten sich doch auch! Pardon, wovor? Dass aus einer dunklen Nische eine, zwei oder drei Frauen herausspringen und über sie herfallen? Quark. Frauen lernen von klein auf, sich als leichte Beute zu denken. Und zwar vor allem bezogen auf ihre Körper, in einem klar sexuellen Sinn. Was ist es denn, was wir an der Dunkelheit fürchten? Jede kann sich eine nächtliche leere Straße denken und sich fragen: Was macht mir Angst? Es gilt immer noch als normal, dass Frauen nicht nachts und schon gar nicht ohne Schutz herumlaufen können. Dabei findet sexuelle Gewalt gegen Frauen in Wahrheit öfter im ›sicheren‹ Heim statt als draußen im Dunkeln. Was aber würde passieren, wenn Frauen das Fürchten verlernten? Nach wie vor dient es etlichen Interessen, die Gefahr klar „draußen“ anzusiedeln, so dass Frauen lieber „drinnen“ bleiben, wo sie „sicher“ sind – in jedem Fall werden dann nicht so viele von ihnen versuchen, das „Draußen“ ganz selbstverständlich für sich in Anspruch zu nehmen. Insofern ist die Angst von Mädchen und Frauen, ist ihr Zielscheibencharakter für viele gesellschaftliche Gepflogenheiten nachhaltig wünschenswert. Solange Frauen das Heiraten und Kindergroßziehen als Lebenserfüllung betrachten, arrangieren sie sich leichter mit Kita-Defiziten, die ihnen die Berufstätigkeit erschweren. Solange bestimmte Berufe als unweiblich gedacht werden, gibt es noch Winkel, wo „die Frauen den Männern“ nicht „die Arbeitsplätze wegnehmen“ oder jedenfalls die männliche Alleineignung bedrohen. Wenn alle Frauen ohne Schutz überallhin könnten, müssten alle Männer viel dringender andere Stärken entwickeln …

In Frauenkrimis steckt seit jeher neben Sozialkritik oft ein Stückchen Utopie. Die hartgesottene Detektivin lässt sich von der Dunkelheit zwar noch schrecken, aber sie geht trotzdem hinaus und überlebt. Natürlich genügt es nicht, gute Krimis in die Welt zu setzen und zu lesen. Die Angst hört davon nicht auf, die reale Gefahr und die Gewalt gegen Frauen auch nicht, die Welt wird nicht automatisch besser. Aber vielleicht tragen exzellente Krimis ein wenig dazu bei, die „Normalität“ in Frage zu stellen. Vielleicht inspirieren sie dazu, dass wir uns selbst auch anders denken können, als uns selbstverständlich anerzogen wurde. Zumindest würde ich es gern sehen, wenn die populäre Literatur solche Optionen verfügbar hält.

Wir schreiben das Jahr 2009. Die Blütezeit feministischer Kulturprojekte, auch Krimis, war vor 15 Jahren. Aber die Realität, die Frauen in Gesellschaft vorfinden, hat sich nicht so stark verändert, wie oft behauptet wird. Zwar hat sich der neoliberale Mythos von Erfolgschancen für jeden auf beide Geschlechter ausgedehnt, doch die immer weiter aufgehende „soziale Schere“ samt dazu gehöriger Politik stellt Frauen nicht besser. Trotzdem haben patriarchale Glücksversprechen Konjunktur.

Feministische Kritik an Sozialem und Sozialisatorischem ist „out“, als gäbe es keine geschlechtlichen Barrieren mehr. Zugleich spielt tradierte „Weiblichkeit“ eine wachsende Rolle im auch von Frauen geforderten Selbstmanagement, das für Lebensentwürfe im Konsumzeitalter so wichtige Selbstverkaufsdesign begünstigt einmal mehr die alten Klischees. Aus dem Blick geraten sind die geschlechtsspezifischen Blockierungen, Zutritt-verboten-Schilder und Hürden, die in der typischen Frauensozialisation in die meisten Wünsche, Träume, Ängste und Sorgen eingeschrieben sind. Sie tauchen aber im echten Leben und in guten Kriminalromanen weiterhin auf.

Während ich Vickys Bock durch die Gassen lenkte, über die mit Tüten und Taschen Paare schusselten, die miteinander mehr oder minder alt geworden waren, sehnte ich mich kurz und heftig nach irgendeiner Identität, damit Mütter wie Lotte mich nicht als katholisches Ripp diffamierten, Weiber wie ­Barbara mir nicht vorhielten, ich sei verpeilt und hätte Angst, und Tussen wie Jacky nicht über meinen fetten Arsch und meine Maskerade grinsten. Normalerweise warf ich mich bei Identitätskrisen in einen Anzug und ging Sally beim Kellnern im Tauben Spitz stören. Aber erstens war es noch nicht Abend, zweitens war Stuttgart weit und drittens hatte ich schon einen Anzug an. (Christine Lehmann: Allmachtsdackel)

Die sich hier vorübergehend nach den Bequemlichkeiten einer Schablonenidentität sehnt, ist Lisa Nerz. Sie ist in keiner Rolle verhaftbar, liebt einen Mann, aber auch Frauen, dringt als Kerl dorthin vor, wo sie als Weib keinen Zugang hat. Was sie antreibt, ist die Gier nach der Wahrheit hinter jedem Geheimnis – geistig wie körperlich.

»Was für Beschwerden haben Sie denn?«

»Unterleibsbeschwerden.«

Sie zog die Brauen hoch. Falsches Vokabular. Männer hatten keinen Unterleib, sie hatten einen Unterbauch. Aber waren ­Urologen nicht vielleicht auch für Frauen zuständig? Das vermochte ich momentan leider nicht zu klären. Also weiter im Text. »Ich meine, ich habe Schmerzen beim … beim Wasserlassen. Reicht das?« (ebd.)

Lisas Scharaden verschaffen ihr Einblicke, die nicht für sie gedacht sind. Dadurch stößt sie vor zum Korrupten, zur Egomanie der sicheren Sieger. Der bezeichnende Situationswitz ihrer Fälle entsteht dadurch, dass sie die normalen Erwartungen klar erkennt und geradezu sportlich unterläuft. Das ist subversiv im für mich allerbesten Sinn.

Machten feministische Krimis in der vorletzten Dekade die Benachteiligung von Frauen in Gesellschaft laut, offen und zornig zum Thema, so müssen Autorinnen heute wesentlich subtiler vorgehen, um breite Akzeptanz zu finden. Doch die literarisch und handwerklich besten haben eine gute Chance, im Kriminalroman elegante Seitenhiebe auf die Normalität abzusetzen. Wofür er sich nämlich hervorragend eignet.

Wenn Monika Geier in ihrem rasanten und raffinierten Ovid-Krimi beiläufig einen Schwank aus dem Alltag ihrer allein erziehenden Halbtagskommissarin Bettina Boll einflicht, können alle, die je Kinder hatten, die elegant ironische Aufarbeitung einer typischen Situation genießen.

»Sie wissen, weshalb Sie hier sind?«, sagte Direktor Schmoll quer durch den ungeheuerlichen Lärm, der seit dem Pausenzeichen das Gebäude erfüllte, ein gemeinschaftliches Gebrüll aus gut fünfhundert Grundschülerlungen. Er schloss die Tür zu seinem Büro und dämpfte den Ruf nach Freiheit auf erträgliches Maß. Dann setzte er sich auf seinen Schreibtisch, erhöht und direkt vor Bettina, die lässige Lehrer nicht mochte.

Sie rutschte so weit auf ihrem Stuhl zurück, wie es ging, ohne unhöflich zu wirken. »Wegen Enno«, sagte sie. Eigentlich mochte sie überhaupt keine Lehrer.

»Ihr Adoptivsohn ist intelligent«, sagte Schmoll wohlwollend. »Das ist er.«

Bettina lächelte schwach.

»Er hat Schlimmes durchgemacht«, fuhr Schmoll fort und Bettina wurde es Angst und Bange.

»Aber?«, fragte sie.

Schmoll lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Es sah unbequem aus. Wie eine Yogaübung auf der Tischkante. Der gespannte Schilfstängel oder so. »Er kommt im Unterricht mit, das tut er«, sagte er hinhaltend. »Er hat sogar so etwas wie Freunde.«

Bettina erhob sich.

»He!«, sagte Schmoll, dessen Balance nicht standhielt. Er musste sich mit den Händen abfangen. »Wir sind hier nicht bei Kriminellen.«

Bettina trat zurück und lockerte beschämt ihre Fäuste. Was war denn in sie gefahren? Da war sie einmal als Mama gefordert und machte prompt auf Bulle. Sie schaffte es nicht. Sie war gar keine richtige Mutter. Und auch keine echte Polizistin, als Halbtagskraft. Sie war nichts. Das Oberhaupt von so etwas wie einer Familie mit so etwas wie einem Sohn, der so etwas wie Freunde besaß. »Wieso sagen Sie das?«, fragte sie und überlegte gleichzeitig, ob sie sich ihren drohenden Unterton nur einbildete. »Wieso sind Ennos Freunde bloß ›so etwas wie‹?« (Monika Geier: Die Herzen aller Mädchen)

Lisa Nerz und Bettina Boll sind keine eindimensionalen Pappfiguren. Sie sind weder blonde Trophäen noch von Kastration träumende Männerhasserinnen, auch keine auf weiblich geschminkten Machos, sondern widersprüchliche Personen in einem Erzählkosmos, der unsere Wirklichkeit spiegelt. Was vielleicht die edelste Aufgabe guter Kriminalromane ist. Dass begabte und originelle Schriftstellerinnen wie Geier und Lehmann mit solchen Figuren Erfolg haben können, ist auch Verdienst des feministischen Einzugs ins Genre. Die Verbindung aus gekonnt ausgeübtem Handwerk, eigenständigem literarischem Talent und akkurater Reflektion gesellschaftlicher Realität ermöglicht ein Niveau von Kriminalliteratur, auf dem das Genre auch hierzulande den Kinderschuhen entwachsen kann. Wenn die Protagonistinnen dem Publikum ans Herz wachsen und ihm zugleich brisante Themen und Denkanstöße nahe bringen, so verwirklichen sie den Bildungsauftrag im trivialen Genre Krimi – nicht von oben, sondern von mittendrin.

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