Krimikultur: Archiv

Materialien zur Krimikultur

  • Im Krimikultur-Archiv

    finden Sie Aufsätze, Diskussionen, Gespräche und andere Arbeiten zum Thema "Krimikultur". Was das ist? Was das werden könnte? Darüber redet die Interessengemeinschaft Krimikultur, der man zwanglos beitreten kann. Weitere Informationen zur IG Krimikultur und die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme finden Sie hier.
  • RSS Krimi-Depeschen

  • Kategorien

  • Archive

Die Crux mit dem deutschen Krimi (2001)

Posted by piekebiermann - 5. Juli 2009

Die Crux mit dem

“deutschen Krimi”

(Radiobeitrag für Deutsche Welle, Sep 2001)

Es ist wirklich komisch: Heute, so scheint es, will alle Welt in Deutschland immer schon Krimifan gewesen sein. Heute werden Krimis groß im Feuilleton besprochen. Heute haben wir endlich sogar den deutschen Krimi.
Haben wir? Nein.
Wir haben auf der einen Seite den Markt, seine Gesetze, seine Lobbys. Deutsche Krimischreiber zum Beispiel. Die würden gern mehr Bücher verkaufen und hoffen auf Verkaufshilfe durch ein Label. Ein kollektives Etikett erspart ja auch individuelle Mühen. Oder deutsche Feuilletons, zum Beispiel. Seit dank US-amerikanischem Marktdruck auch hierzulande Krimis – die klassischen handlichen und billigen Taschenbücher – als Hardcover erscheinen, haben die Verlage Werbe-Etats für Krimis. Also: Geld für Anzeigen.
Auf der anderen Seite haben wir, immer noch, die einzelnen Bücher und sind die, immer noch, zu 90% Schrott & Schotter. Weltweit und egal, ob von Männern oder von Frauen geschrieben. Schnell zusammengematschtes Lesefutter, das sich zu einem guten Roman verhält wie Sägemehlwürstchen zu einer echten Bouillabaisse. Die restlichen maximal 10% sind interessant, nämlich literarisch, also für den öffentlichen Diskurs. Und da, fürchte ich, liegt der Prozentsatz bei dem, was in Deutschland geschrieben wird, noch niedriger als, sagen wir: in den angelsächsischen Ländern. Und das hat historische Gründe und ist auch das Einzige, was ich an “Nationalcharakter” erkennen kann.
Krimis, so wird gern entschuldigend gesagt, haben keine Tradition in Deutschland. Das ist zwar Unfug – an Heftchenschrott hat es auch hier nie gemangelt. Aber selbst wenn – na und? Dann arbeitet man sich eben umso freier ab an den Traditionen aus aller Welt und aus allen andern Genres!
Was diesem Land dagegen tatsächlich fehlt, ist die Tradition des “Erzählens auf Augenhöhe”. Literatur, die “einen Sitz im Leben” hat. Erzähler, die sich nicht über ihre Leser stellen, sondern zutiefst interessiert sind an allem Menschlichen. Kriminalliteratur ist solches “Erzählen auf Augenhöhe”, nämlich per definition und par excellence demokratische Literatur. Demokratische, auf die Freiheit des Individuums verpflichtete Gemeinwesen sind nun aber alles, bloß keine deutsche Tradition.
So einfach ist das. Und so unangenehm. Vor allem für die Leser, die neben der Pflicht, ihr Geld für ein Buch auszugeben, auch das Recht haben, nicht für blöd gehalten, gelangweilt, mit sogar langfristig gefährlichem Quatsch malträtiert zu werden. Deutsche Krimischriftsteller schreiben nämlich zum Beispiel immer noch allzu oft über Polizeiermittlungen, ohne je einem einzigen Polizisten über die Schulter oder gar in die Augen gekuckt zu haben. Heraus kommt oft ein völlig schiefes Bild von dem, was Polizei darf und kann und welche Rechte Bürger haben. Mit so etwas möchte man lieber keine Tradition begründen.
Die anderen Elemente – unglaubwürdige, blasse Figuren, unmögliche Plots, viel Ideologie und papierne Sprache – bedürfen keiner neuen Tradition. Sie sind Tradition. Heftchentradition. Sägemehlküche. Nicht ernst gemeint. Stoff für ein Feuilleton, das auch nur noch “mit Sägemehl kocht”.

Advertisements

Eine Antwort to “Die Crux mit dem deutschen Krimi (2001)”

  1. […] Krimikultur: Archiv ist zugänglich (falls hier jemand lesen sollte der dort nicht liest). […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: