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Die Ausbrecherinnen – Else Laudan re Genre-Breakerinnen

Posted by Laudan - 5. Juli 2009

Das Folgende ist ein Artikel aus dem längst vergriffenen „Ariadne Forum“. Ich stelle ihn hier ein, a) weil er einige interessante Gedanken dazu enthält, was die feministische Öffnung des Genres für Veränderungen brachte, und b) weil ich es bis heute liebe, wenn ein Krimi mit den Erwartungen bricht und etwas Neues probiert.

Die Ausbrecherinnen

Else Laudan über Frauenkrimis als „Genre-Breaker“

Krimis sind was Feines. Manche bevorzugen Landhauskrimis, andere tauchen lieber in die schnoddrig-düstere Romanwelt der hardboiled-Schule, wieder andere lieben den klassischen Psychothriller … und manche sind vor allem von Büchern fasziniert, die den Rahmen Krimi auf das Eigentümlichste dehnen, verzerren oder gar sprengen: Das sind die Ausbrecher der Gattung, die Genre-Breaker. Die Literaturform Krimi hat seit ihrer ersten Blüte einen Berg von Regeln mit sich herumgeschleppt, die alles Mögliche vorschreiben. Und sie hat immer Ausbrecher aus diesen starren Katalogen hervorgebracht, abweichende Krimis, die zunächst seltsam hervorstachen, die aber letztlich oft das ganze Genre in eine neue Richtung getrieben haben. Einige dieser Ausbrecher sind eigentlich Ausbrecherinnen. Damit meine ich: Ihre Andersartigkeit hat damit zu tun, dass ihre Handlung sich um Frauenthemen dreht. Angesichts der Begeisterung, mit der heutzutage Frauenkrimis verschlungen werden, ist es interessant, sich ein paar dieser Ausbrecherinnen anzusehen – vor allem im Kontext der Entwicklung des Genres.

Die gängige Literaturwissenschaft, sofern sie sich auf Krimis überhaupt einlässt, siedelt den Beginn des Genres bei Edgar Allan Poe an und bei Sherlock Holmes‘ Erfinder Sir Arthur Conan Doyle. Feministische Literaturwissenschaftlerinnen sehen den Ursprung des Krimis in den vor allem von Frauen geschriebenen und ihrerzeit enorm beliebten Sensations- und Schauerromanen des 19. Jahrhunderts. Sicher ist, dass die erste große Blüte des Genres Krimi, das ›Goldene Zeitalter‹, in den Jahren zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg stattfand. Unter den erfolgreich Schreibenden waren damals schon auffallend viele Frauen. Seitdem ist viel über Bedeutung, literarischen Stellenwert und Seriosität von Krimis verhandelt worden, aber ihre Beliebtheit als Ent-/Spannungslektüre hat trotz einiger Schwankungen nie sehr gelitten.

Was ist ein Krimi? Ich kann natürlich einfach erklären: Ein Krimi muss spannend sein. Wenn er gut ist, enthält er Einzelheiten oder Ideen, die mir neu sind, amüsiert mich und lässt sich nicht aus der Hand legen. Wenn er richtig Klasse ist, macht er mich nachdenklich und außerdem gierig auf den nächsten der Autorin. Aber damit habe ich noch lange nicht beschrieben, was einen Krimi von einem sonst wie gearteten Roman unterscheidet. Hierzu gibt es ungezählte Erörterungen (etliche versammelt bei J. Vogt). Viele davon sind von überholtem Zeitgeist ge­prägt, andere werden nach wie vor als gültig betrachtet. Sucht man so etwas wie einen gemeinsamen Nenner, der die Entwicklung des Genres und seiner Vorlieben irgendwie berücksichtigt, so stößt man auf ein mehrfach festgehaltenes Schema, das „den Krimi“ schlechthin beschreibt. Das Schema lautet: Ordnung – Störung der Ordnung – Ermittlung bis zur Behebung der Störung -Wiederherstellung der Ordnung. Näher erläutert klingt das etwa so: Wir finden eine friedliche, gerechte Welt vor (Zustand der Ordnung). Dann geschieht ein Verbrechen! Damit stellt sich heraus, dass der Friede zerbrechlich war, die Ord­nung ist gestört. Der folgende Ermittlungsprozess dient der Findung des Täters (und bringt häufig noch allerlei andere Störungen an den Tag: Nebenfiguren haben Dreck am Stecken, diverse unbescholtene Wesen haben etwas zu verbergen, so kommen falsche Fährten ins Spiel). Die ermittelnde Figur hat den Job, die Ordnung wiederherzustellen: Erst, wenn die Gerechtigkeit gesiegt hat, ist die Aufgabe gelöst. Manche Fachleute meinen, dass genau hierin die Erklärung für die Beliebtheit von Krimis liegt, weil das Genre die allgemeinen, alltäglichen Ängste so erfrischend distanziert zuspitzt, dass beim Lesen der kleine genüssliche Schauer möglich ist, und weil eine sich stetig ändernde Welt im Krimi die tröstliche Versicherung findet, dass am Ende alles gut wird. In jedem Fall verankert das Schema der heilen, verletzten und reparierten Ordnung den Krimi im Feld der Moral: Die ermittelnde Person hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Unmoral (zumindest im Bereich des gegebenen Verbrechens) besiegt wird. Schreibende und Lesende des Genres einigen sich jeweils auf ein moralisches Urteil, das alle zu befriedigen vermag.

Was ist wichtiger: die Regel oder das Spiel?

Zu den historisch bedeutendsten Organen des Genres gehört der britische Detection Club, eine Einrichtung, die den Krimi und seine Blüte feierte und diskutierte, und zugleich eine Quelle von Regeln und Gesetzen. Aus dem Club gingen Genrevorschriften wie die „Zwanzig Regeln“ von S.S. Van Dine oder die „Zehn Gebote“ von Ronald Knox hervor. Es genügte keineswegs, einen Mord und eine Ermittlung zu schildern, vielmehr gab es haufenweise Gesetze und ebenso viele Tabus. So sollte (nach Van Dine) ein guter Krimi „keine langen beschreibenden Passagen, kein literarisches Verweilen bei Nebensächlichkeiten, keine subtilen Charakteranalysen, kein intensives Bemühen um „Atmosphäre“ enthalten“, es darf nur einen Detektiv geben, „Der Täter muss eine Person sein, die dem Leser vertraut ist und für die er sich interessiert“ und vor allem: „Es darf keine Liebesgeschichte geben“!

Folgen Sie mir bitte zu einem kurzen Abstecher in ein anderes Feld. Der wohl berühmteste Sozialforscher zum Thema Entwicklung der menschlichen Moral, Jean Piaget, gewann seine Erkenntnisse durch Untersuchung des Spielverhaltens von Kindern: „Die Kinderspiele sind bewundernswerte soziale Einrichtungen. Das Murmelspiel der Knaben z.B. enthält ein System mannigfacher Spielregeln; ein vollständiges Gesetzbuch und eine ganze Rechtsprechung“ Zu Piagets Entzücken waren die untersuchten Knaben mit fortschreitender moralischer Entwicklung mehr und mehr damit beschäftigt, die Regeln ihrer Spiele zu definieren, zu ändern und neu festzulegen, bis ihr Murmelspiel aus mehr rituellem Regelwerk als Spielakt bestand! Einen ähnlichen Eindruck hatte ich bei der Lektüre einschlägiger Texte zur Kriminalliteratur: Die Fachmänner tummeln sich in Fragen wie: Was ist ein echter Detektivroman, wo fängt er an, wo hört er auf, was ist doch eher ein Kriminalroman, handelt es sich um Literatur oder nicht, wie muss der Held sein, wie muss die Lösung sein …, und dabei zitieren sie einander ohne Ende, Piaget hätte seine Freude an ihnen.

Doch Monsieur Piaget erfuhr eine bittere Enttäuschung, als er seine Untersuchung auf beide Geschlechter ausdehnen wollte. So sehr ihn der Erfindergeist der Knaben faszinierte, so sehr frustrierte ihn die Haltung der Mädchen, bis er sich zu der Aussage hinreißen ließ: „Schon allein die oberflächlichste Betrachtung zeigt, dass der juristische Geist bei kleinen Mädchen viel weniger entwickelt ist als bei den Knaben. Wir konnten bei den Mädchen kein Gesellschaftsspiel mit so vielen Regeln und vor allem mit einem so schönen Zusammenhang in der Organisation und Kodifizierung dieser Regeln entdecken …“ Armer Piaget. Und es kommt noch schlimmer: „ Statt dessen haben die Mädchen, obwohl sie das Spiel sehr lieben und viel mehr spielen als die Knaben, ihre Phantasie hauptsächlich darauf verwendet, neue Figuren zu erfinden.“ Betrachte ich die Kriminalliteratur, so scheint mir, Frauen bringen auch hier ganz gern die vom Fach-Mann erwarteten moralischen Prioritäten durcheinander und erfinden einfach neue Figuren. In der Chronologie der Ausbrecherinnen halte ich die folgenden für besonders einschneidend.

Aufruhr im Goldenen Zeitalter

Dorothy L. Sayers war Mitbegründerin des Detection Club und glühend überzeugt von der Wichtigkeit all seiner Regelkataloge. Sie war sicher, nur so sei es möglich, den Krimi seriös und als Literaturform publik zu machen. Und dennoch: Die Grande Dame des Kriminalromans Dorothy Sayers verstieß bald gründlich gegen etliche Regeln – sogar gegen das scharfe Romantikverbot, das sie selbst zuvor so leidenschaftlich unterstützt hatte. Vielleicht haben sich ihre fiktiven Figuren einfach selbständig gemacht, denn die ganze Unordnung beginnt mit der Einführung von Harriet Vane, einer sehr emanzipierten Krimiautorin, in die sich der unbestechliche Serienheld Peter Wimsey ernstlich verliebt (Starkes Gift, 1930). Diese Harriet muss Sayers zunehmend von den Spielregeln abgelenkt haben.

Der wegweisendste aller Genre-Breaker entstand 5 Jahre später: Gaudy Night, deutsch Aufruhr in Oxford, erfüllt zwar etliche Gebote eines Krimis, verletzt aber die meisten Verbote seiner Zeit. Neben der Krimigeschichte und diese übertrumpfend, erzählt der 500 Seiten lang spannende Krimi eine Geschichte der frühen britischen Akademikerinnen, zu denen Harriet gehört. Diesen „Blaustrümpfen“ gehört die Sympathie der Autorin, und gegen die Vorschriften strickt sie ihren Plot um drei Probleme: Erstens, die massiven Vorurteile ihrer Zeit gegen weibliche Bildung. Zweitens, die Komplikationen der Liebesgeschichte zwischen einem hoch privilegierten Mann und einer emanzipierten berufstätigen Frau (kompliziert vor allem für Harriets Identität!). Drittens, und dieser Punkt bestimmt das ganze Krimirätsel und seine Lösung, die fatale Macht der herrschenden Normalität, die bewirkt, dass die Landgewinnung der Frauen auf dem Gebiet der Bildung ihnen den Hass des eigenen Geschlechts einträgt: Der bis heute lebendige Mythos, weibliche Kompetenz sei nur auf Kosten unschuldiger männlicher Opfer möglich, macht die enttäuschte Ehefrau eines gestrandeten Opportunisten zum Racheengel.

Der Roman verschiebt das Prinzip Ordnung – Störung derselben – Wiederherstellung der Ordnung, er „spielt“ damit. Das hier erzählte Schema ließe sich nämlich auch so beschreiben: Ordnung – Entlarvung der Ordnung als problematisch. Zwar wird der Mordfall schließlich von Peter aufgeklärt, doch das eigentliche Problem wird nicht gelöst. Diese Nichtlösung ist ein Vorgriff auf Markenzeichen des späteren Frauenkrimis. Es gibt noch andere Parallelen, zum Beispiel die Verlagerung der Spannung vom Kriminalfall auf das Feld der Biografien und Beziehungen. In jedem Fall ist Aufruhr in Oxford einer der ersten großen Krimis, die das Aufspüren der Risse und Dissonanzen im gesellschaftlichen Gefüge zum Thema haben – und damit vielleicht der bedeutendste Genre-Breaker in der Geschichte des Frauenkrimis.

Die Rächerinnen von Paris

Ein völlig anderes Kaliber, von der Absicht bis zur Ausführung, ist die „romance policiere“ (franz. Untertitel der Krimipersiflage) von Nicole-Lise Bernheim und Mireille Cardot: Die Rächerinnen von Paris. Zwei Feministinnen, die beide gern Krimis lasen, schrieben 1977 diese „Kriminalromanze“ (dtsch. Untertitel) als Tummelplatz für Sprach- und Kulturexperimente und zugleich humoristisch-unterhaltsame Verewigung der vielen Themen und Debatten ihrer Bewegung.

Eine brave Strafzettelschreiberin findet die Leiche der „Mutter der Frauenbewegung“ und wird von radikalen Schwestern angeworben. Parallel zur Polizei fahnden die Frauen nach dem Täter … Der Krimiplot war hier nie zentral, sondern Mittel zum Zweck: Es geht um ein Spiel mit Worten, denen alles Männliche entrissen wird (der Titel Mersonne ne m ‚aime heißt etwa: Niefraud liebt mich) als eine Art verbale Gegengewalt, mit der realistische Geschichten zur Parodie zusammengestellt werden. Anspielungen auf Ikonen der französischen Frauenbewegung stellen das Personal (die Ermordete heißt Brigitte de Savoir), die Handlung besteht aus Anekdötchen um alltägliche Konflikte zwischen feministischem Anspruch und Normalität. Heraus kommt eine Burleske, ein kulturfeministischer Streifzug durch literarische Genres. Bei allem Mangel an Ernst oder vielleicht gerade deswegen ist das Ergebnis ein Lehrstück, wie das „Prinzip Krimi“ für unbefangen komödiantische Kulturkritik einsetzbar ist. So ist auch dies ein Meilenstein abweichender Krimikultur im Fraueninteresse. Die feministische Stärke liegt in der Selbstironie ohne den peinlichen Hang zur Abgrenzung, zum Besserwissen: Ein Rummelplatz, auf dem zwinkernd das Männliche in der Sprache ermordet wird, ohne zu meinen, die Welt sei dadurch schon besser.

Unheile Ordnung als Tendenz feministischer Krimis

Rund ein Jahrzehnt nach Entstehen dieses Krimis begannen Feministinnen das Genre zu erobern und brachten eine Lawine ins Rollen. Denn feministische Krimis verfahren anders mit dem traditionellen Muster der wiederherstellbaren Ordnung. Die Verbrechen, die untersucht werden, sind oft Bestandteil der gesellschaftlichen Ordnung und nicht Verletzung derselben. Diese Krimis verschieben also zwangsläufig die Spielregeln oder stoßen sie um oder ignorieren sie ganz. In meinen Augen ist das nur schlüssig: Wo die weibliche Perspektive bewusst eingenommen wird, liegt auf der Hand, dass die Aufklärung des Falles nicht so einfach das Ziel verfolgen kann, die gegebene Ordnung zu stabilisieren oder zu renovieren – denn die gegebene Ordnung beruht klar auf einer Besitz- und Machtverteilung zu Ungunsten von Frauen. Ermittelt muss im weiblichen Interesse also werden, wo die gegebene Ordnung versagt oder ungerecht ist. Aufgeklärt werden muss, was sie Frauen zufügt bzw. vorenthält und was Frauen dagegen tun können – oder auch gerade nicht tun können.

Hier lässt sich erstmals die Frage stellen: Sind diese feministischen Krimis noch Ausbrecherinnen? Oder ist hier bereits ein eigenes Genre entstanden, gleichsam die Schwester des traditionellen Krimi-Genres? Die feministische Krimiexpertin Maureen Reddy bescheinigt vor allem Krimis mit lesbischen Heldinnen, dass sie die bekannten Muster umstülpen, indem sie nahe legen, „dass Lesben (und Heterofrauen), die einander beistehen, die patriarchale Ordnung letztlich überwinden … Die Kriminalliteratur ist also nicht mehr das Vehikel der beruhigenden Botschaft, dass Gott im Himmel thront und auf Erden alles mit rechten Dingen zugeht, sondern transportiert die Hoffnung, dass die Welt in Ordnung gebracht werden kann. (Reddy, Maureen T.: Detek­tivinnen. Guthmann & Peterson)

Diese Rolle hat Lesbenkrimis eine Zeitlang sogar unliebsam festgelegt. Während die Aussage Gewalt geht meist von Männern aus Realität spiegelt, ist es doch der Spannung abträglich, wenn sich allzu viele Lesbenkrimis auf das Schema Mord ist männlich reduzieren lassen. Aber gute Autorinnen haben sich rasch freigeschwommen und auch damit wieder gebrochen, z.B. seinerzeit Barbara Wilson, die mit ihrem Dreiteiler um Druckerin Pam Nilsen die allerersten feministischen (und Lesben-) Krimis schrieb, jedoch mit zunehmender Verbreitung feministischer Krimis wieder rastlos wurde und eine neue Heldin erfand, die sich – dem „neuen“ Genre angemessen – schillernder und auffälliger präsentiert: Cassandra Reilly, Globetrotterin, deren erster Fall (Ein Nachmittag mit Gaudí) sogar ganz ohne klassische Kapitalverbrechen auskommt.

Viele inzwischen bekannte Autorinnen haben mit dem Genre wild herumexperimentiert. Sind die Stoner McTavish-Romane wirklich noch Krimis oder eher komödiantische Fantasy? Der Fliegerinnen-Krimi Die Hälfte des Himmels ist historisch, der Thriller von Elizabeth Wilson futuristisch. Der Krimi-Hit Die dünne Frau ist in Wirklichkeit eine dick aufgetragene romantische Schatzsuche, die Maggody-Serie von Joan Hess blanke Satire mit Mord als Nebensache. Kim Småge und Sarah Schulman schreiben drastische Hochliteratur im Krimiformat. Die Britin Liza Cody hat mit der Eva Wylie-Trilogie eine geniale Antiheldin geschaffen, deren Blick auf die Welt schräg und wirr, aber mitreißend ist und allen Klischees trotzt.

Die Inland-Affären

Deutschsprachige Krimis haben insgesamt keinen leichten Stand im Genre. Gern wird unterstellt, Krimis seien nur in anglophoner Tradition richtig echt, obwohl etliche Autorinnen mehrfach das Gegenteil bewiesen haben. Und auch hierzulande sind Schriftstellerinnen sichtlich vom Experiment mit dem Genre verlockt.

Dagmar Scharsich ist eine Literatin, die eine zeitgeschichtliche Geschichte zu erzählen hat, für die sie das Medium Krimi auswählte. Und ihr Roman Die gefrorene Charlotte zeigt eindrücklich: So mancher Realität kann nur ein Krimi gerecht werden! Der Bruch mit der Krimitradition liegt hier in der Besetzung der Hauptfigur. Denn Krimiheldin Cora Ost ist für die Rolle der Detektivin denkbar ungeeignet: Eine sanfte, stille Ja-Sagerin ohne besondere Talente, die buchstäblich offenen Mundes vor den Ereignissen steht, die im Sommer 1989 den Ostteil Berlins erschüttern. Seltsamerweise geht die eher passive Anti-Heldin keineswegs auf Kosten der Spannung. Den Krimi-Suspense trägt aber kein Mord, sondern die subtilere Bedrohung, dass man nie weiß, was für Interessen jemand in Wirklichkeit verfolgt. So fragt sich die Leserin nicht fiebernd: Wer war es? sondern vielmehr: Wem soll sie trauen? Was kann sie tun?

In diesem Punkt verwandt und doch ganz anders ist Verbrechen lohnt sich doch! von Ann Camones. Von allen Regeln des Kriminalromans hat hier nicht eine einzige überlebt: Der Mord lässt bis Seite 273 auf sich warten. Die Täterperson ist auf Anhieb bekannt. Von irgendeiner Ordnung, die wiederhergestellt werden könnte, ist weit und breit nichts zu sehen. Die Heldin ist keine Detektivin, sie ist ein siebenjähriges Kind. Und sie vervollkommnet nicht etwa ihren Spürsinn im Verfolgen von Verbrechern, sondern ihre eigenen kriminellen Talente. Das allerdings mit Fleiß. Dieser Roman ist eine waschechte Ausbrecherin. Und doch ist alles da, was Krimifans erwarten: Unrecht, Verbrechen (geradezu massenhaft!), Spannung, Unklarheiten, Opfer und Täterinnen, Tempo und Action, Phantasie und Realität. Autorin Camones bedient sich freimütig bei den anrüchigen Mit-Vorfahren des Genres, dem Horrorschinken, der Räuberpistole und dem Abenteuerroman, und braut daraus einen hypermodernen Krimi, für den man sie im Goldenen Zeitalter vermutlich auf den Scheiterhaufen geworfen hätte. Keine Tabus – das Genre ist da, um gebrochen zu werden.

Fazit: Ein Plädoyer fürs Genre-Breaking

Vielleicht würde Piaget mich hassen, aber ich komme zu dem Schluss: Jede gut gebrochene Regel macht das Genre reicher. Wozu sich auf Schemata festlegen? Solange es spannend und interessant bleibt, sollte alles erlaubt sein. Was uns als Leserinnen zu einem Krimi greifen lässt, ist doch die Hoffnung auf eine gute Geschichte, bei der wir Zeit und Raum vergessen und mitfiebern können. Es mag sein, dass die Regeln dem Krimi einst zur Seriosität verholfen haben. Doch heute macht es viel Spaß, zu sehen, wie das Genre umgepolt und neu ausgekleidet wird. Was Feministinnen mit dem Genre anstellen, ist faszinierend. Der Krimi gerät vom Moralorgan (das Recht wird siegen) zur Stimme der Moralkritik (das Recht ist Unrecht). Es ist eine Erkenntnis der letzten Dekade und damit der Blüte des modernen Frauenkrimis, dass Kriminalromane, ganz der leichten Leselust verschrieben, zugleich ideales Medium sind, um die faulen Stellen der geltenden Normalität zu entlarven. Und hat den Grundstein dafür nicht schon Dorothy Sayers gelegt?

Das tabulose Kegelspiel mit den Regeln – welche fällt um, welche bleibt stehen? – durchsetzt inzwischen viele Untergattungen. Die hardboiled-Schule wimmelt von Privatdetektivinnen, die Frauen lieben und mitten im Plot ihre Kindheit aufarbeiten, zum Beispiel bei J.M. Redmann. Der lang tradierte Uni-Krimi hat als Helden plötzlich ein Weichei von Professor, der zu viel denkt und nicht handlungsfähig ist, wie bei Frigga Haug. Die rechtschaffene Polizistin wirft ihren Job hin wie bei Doris Gercke oder lässt dauernd Täterinnen laufen wie bei Sabine Deitmer. Die körperlich fitte Superkämpferin ist ein einsam mürrisches Trampeltier wie bei Liza Cody. Christine Lehmann spielt mit Sex und Gender, ihre Lisa Nerz liebt und lebt beide Geschlechter. Mehr davon! Wir dürfen gespannt sein, was Autor/innen mit Anliegen noch alles einfällt.

Literatur:

Beguin, ReBecca: Die Hälfte des Himmels. Ariadne

Bernheim, Nicole-Lise u. M. Cardot: Die Rächerin­nen von Paris. Frauenoffensive

Camones, Ann: Verbrechen lohnt sich doch! Ariadne

Canncll, Dorothy: Die dünne Frau. Ariadne

Cody, Liza: Was sie nicht umbringt; Eva sieht rot; Eva langt zu.

Deitmer, Sabine: Kalte Küsse; Dominante Damen; NeonNächte. Fischer

Dreher, Sarah: Stoner McTavish u.a. Ariadne

Gercke, Doris: Weinschröter, du mußt hängen u.a. Goldmann

Haug, Frigga: Jedem nach seiner Leistung. Argu­ment

Hess, Joan: Die 755 Seelen von Maggody; Aufruhr in Maggody. Ariadne

Piaget, Jean: Das moralische Urteil beim Kinde. Suhrkamp

Reddy, Maureen T.: Detek­tivinnen. Guthmann & Peterson

Redmann, J.M.: Mississippi; Stirb, Jokaste!; Sag niemals ja. Ariadne

Sayers, Dorothy L.: Starkes Gift; Aufruhr in Oxford. Rowohlt

Scharsich, Dagmar: Die ge­frorene Charlotte. Ariadne

Shaw, Marion u. S. Vanacker: Miss Marple auf  der Spur. Argument

Vogt, Jochen: Der Kriminalroman I und II. W. Fink

Wilson, Barbara: Mord im Kollektiv; Ein Nachmittag mit Gaudi u.a. Ariadne

Wilson, Elizabeth: Come on, Justine. Bastei

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