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Lebendig begraben. Peter James erzählt eine schaurige Geschichte (2006)

Posted by Giorgione - 3. Juli 2009

Michael Harrison ist reich und erfolgreich und war immer ein Witzbold. Bei vielen Gelegenheiten hat er seinen Freunden Streiche gespielt, hat sie nach der Junggesellenparty betrunken in einen Fernzug gesetzt, so was in der Art. Jetzt will er selbst heiraten, hat vorsichtshalber – man weiß ja nie, wie wild und alkoholisch es wird – die Feier eine Woche vor der Hochzeit angesetzt und macht sich natürlich auf einiges gefasst. Aber was die „Freunde“ ausgeheckt haben, damit konnte er nicht rechnen: Sie stecken ihn in einen Sarg und begraben ihn lebendig. Auf einem abgelegenen Acker. Da kann er ein Weilchen schmoren und über seine Bosheiten nachdenken, bis sie ihn wieder rausholen. Wenn sie das tun. Sehr witzig. Immerhin lassen sie ihm etwas Whisky, eine Taschenlampe und ein Walkie-Talkie in der Kiste. Wahrscheinlich, um ihn noch mehr zu ärgern. Und dann fahren sie davon. Und dann sterben sie alle bei einem fürchterlichen Verkehrsunfall.

Grausiger kann ein Krimi wohl kaum anfangen. Wie fühlt man sich da in der Kiste? „Michael sah hoch, seine Nase berührte beinahe den Deckel. Im Licht der Taschenlampe war er von elfenbeinfarbenem Satin umschlossen. Er trat mit den Beinen, er fand keinen Spielraum. Er wollte die Arme ausstrecken. Auch kein Platz. Als er begriff, wo er sich befand, wurde er vorübergehend wieder nüchtern.“ Es ist grausig, lebendig im Sarg: Man hat keinen Kontakt, es ist dunkel (denn irgendwann ist die Batterie ja auch leer), man kann sich nicht bewegen, man hat nichts zu essen und nur Whisky trinken (Wie lange?). Man weiß, dass man bald sterben wird. Edgar Poe und andere böse Romantiker haben mit diesem Lebendigbegrabenwerden gespielt und ihren Lesern einen gehörigen Schrecken eingejagt, bis man abends kaum noch das Licht ausmachen wollte.

Bei Peter James beginnt damit die Story. Ein kleiner, behinderter Junge, der seinem Vater beim Autoabschleppen hilft, findet das Walkie-Talkie, sagt aber niemandem etwas davon: Sein Vater hat ihm verboten, etwas von Unfallstätten mitzunehmen. Manchmal spricht er mit verstellter Stimme hinein. Natürlich macht das Michael noch viel wahnsinniger, weil er überhaupt nicht mehr versteht, was da vor sich geht. Seine Freunde sind weg, und wer ist dieser Amerikaner, der da unverständliches Zeug redet? Und warum hilft er ihm nicht?

Natürlich ist seine Braut Ashley Harper, die ihn als zuverlässigen Menschen kennt, aufgelöst. Natürlich kann sie die Polizei davon überzeugen, dass man gleich, gleich, gleich anfangen muss zu suchen. Aber James’ Krimi hat noch einige Widerhaken. Denn diese Freundin hat ein Verhältnis mit Michaels bestem Freund Mark, der Minderheitsanteile an der Firma besitzt. Und natürlich hat Mark es so gedreht, dass er beim Vergraben nicht dabei ist. Und ist froh, dass alles so gut läuft, dass alle anderen tot sind. Und zieht dann noch den Atemschlauch aus der Erde.

James, Filmproduzent (u.a. „Der Kaufmann von Venedig“ mit Al Pacino) hat einen sehr verzwickten Thriller geschrieben. Denn es ist noch ein wenig verwickelter als ich es wiedergegeben habe. Vor allem das Ende leidet ein wenig unter der Überkonstruktion, unter den drei, vier intelligenten und komplizierten Windungen zu viel. Da geht es dann um Betrügereien, Kontoschiebungen, die Kaiman-Inseln, Erpressung, Fingerabschneiden und eine Frau, die ständig reiche Männer heiratet und sie dann umbringt. Nein, das Ende ist zu verwickelt gedacht und auch nicht mehr so ganz logisch.

Aber bis dahin ist es ein gradliniger, gruseliger Schocker zwischen Psychothriller und ehrlicher Polizeiarbeit, mit gut entwickelten, sehr unterschiedlichen Charakteren und einer schnörkellosen Sprache. Die Charakterisierung des behinderten Jungen ist einfach und sehr eindringlich, die Qualen des Vergrabenen, seine Hoffnungen, seine Ängste jagen einem Schauer über den Rücken, und die Polizisten, allen voran Roy Grace, dessen Frau Sandy vor einigen Jahren spurlos verschwunden ist, sind glaubwürdig in ihren Schwächen und Stärken, ihrem Schwanken zwischen Glauben und Misstrauen. Vor allem Grace, der wegen seiner verschwundenen Frau gute Kontakte zu Hellsehern hat, die ihm jetzt helfen, wäre ein guter Serienheld. Und so ist dieses Buch (James’ zwölftes) auch angekündigt: als erstes einer neuen Reihe. Entwicklungsfähig.

Peter James:  Stirb ewig. Thriller.

Übersetzt von Susanne Goga-Klinkenberg.

Frankfurt, Scherz Verlag 2005, 330 S., 17,90 Euro.

ISBN 3502-10029-2

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