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Elementar, mein lieber Watson. Zwei neue Sherlock-Holmes-Romane (2006)

Posted by Giorgione - 3. Juli 2009

1893 geschah eines der schrecklichsten Verbrechen der Literaturgeschichte: Der Arzt und Schriftsteller Arthur Conan Doyle brachte Sherlock Holmes um, den beliebten Detektiv. Engumschlungen mit seinem Erzfeind Professor Moriarty stürzte Holmes in die Reichenbach-Fälle. Das Entsetzen war groß, der Aufschrei gewaltig: „You beast!“ schrieb ein, ansonsten bestimmt zurückhaltender englischer Leser an Doyle. Natürlich ließ sich der Autor erweichen und schrieb dann weitere Abenteuer dieses Superdetektiven, ließ ihn in einem der nächsten Fälle sogar auferstehen: Er hatte, anders als der Superbösewicht, den Sturz in die Tiefe überstanden.

Sogar nach Doyles Tod gingen die Abenteuer weiter. Viele Autoren sahen sich aufgefordert, Sherlock Holmes zu ihrem Helden zu machen. Manche schrieben in Doyles Stil, manche parodierten ihn, andere ließen ihn auf Dracula, Dr. Jekyll, Tarzan, Annie Oakley, Oscar Wilde, Jack the Ripper, Bertrand Russell oder Aleister Crowley treffen, Laurie King nahm eine weibliche Heldin namens Mary Russell hinzu (Holmes war immer ein eingefleischter Junggeselle geblieben, für den nur Irene Adler zählte), und kaprizierte sich auf den alten Holmes, der sich nach Sussex zurückgezogen hat und dort Bienen züchtete, bis er Mary schließlich heiratete. Die literarischen Ergebnisse sind naturgemäß recht unterschiedlich. Von der bloßen Kopie über mehr schlecht als recht geschriebene Unterhaltungsromane bis zu eigenständigen Krimis ist alles dabei.

Zwei neue Romane nehmen diese schon ziemlich alte Krimitradition jetzt wieder auf: „Das letzte Rätsel“ von Michael Chabon und „Sherlock Holmes und der Fall Houdini“ von Daniel Stashower. (Wobei gesagt werden muss, dass auch die Verbindung zwischen Holmes und dem großen Zauber- und Entfesselungskünstler Harry Houdini nicht ganz neu ist, als schönstes Beispiel sei hier „Eskapaden“ von Walter Satterthwait zu nennen, das auf dem Fakt beruht, dass Doyle und Houdini befreundet waren). Zwei ganz unterschiedliche Bücher: Stashower konstruiert einen neuen Fall um das ungleiche Gespann, den Doktor Watson in bewährter Manier erzählt; Chabon macht sich einen kleinen Spaß daraus, Sherlock Holmes als alten, schon etwas tatterigen Mann darzustellen (so wird er im Roman durchgängig auch bezeichnet: „der alte Mann“) und ihn an der komplexer gewordenen Gesellschaft scheitern zu lassen.

Denn Holmes’ Stärke und seine Schwäche war, dass das viktorianische England eine fest gefügte Gesellschaft war, in dem man ziemlich sicher vom Äußeren aufs Innere schließen konnte. Die sozialen Schranken waren dicht, die Zeichen eigentlich unverkennbar, wenn man sie nur deuten konnte: „Elementar, mein lieber Watson“, waren sie eben nur für wenige. Nur so aber konnte Holmes von kleinen Spuren auf das große Ganze schließen, konnte aus einem zurückgelassenen Stock ersehen, dass sein Besitzer ein Landarzt war, der einen kleinen Hund hatte. Ein paar Jahre später kamen die hard-boiled Krimiautoren, Hammett und Chandler, die uns ein für allemal zeigten, dass die Gesellschaft ganz und gar undurchschaubar war, dass man eine Menge Spuren finden konnte – und keine einzige führte irgendwohin. Zu Holmes’ war das noch anders.

Und so funktioniert auch Stashowers Holmes’-Krimi in altbewährter Manier, und es macht nicht nur deswegen Spaß, ihn zu lesen. Stashower ist auch ein Zauberkünstler (er selbst meint, er wäre kein so besonders guter), der sich in den Tricks und dem komplizierten Charakter von Harry Houdini sehr gut auskennt, und er ist sogar ein hochgelobter Doyle-Biograph. Er kennt sich also sehr gut aus in Zauberei, in der Kunst der Kriminalliteratur, im Übersinnlichen (an das Doyle ganz fest glaubte). Aber was viel wichtiger ist: Er ist ein guter Autor, der einen spannenden Plot stricken, lebendige Charaktere in eine gut erzählte Umgebung stellen und auf intelligente Art und Weise unterhalten kann. Der Fall ist dabei ein richtig typischer Holmes-Fall: Harry Houdini, der mindestens so arrogant wie Holmes ist, wird der Spionage verdächtigt (schließlich ist er jüdisch-ungarischer Herkunft, und ein reichlich geheimnisvoller Mensch, der sich „sogar“ aus Scotland-Yard-Gefängnissen ohne Weiteres befreien kann (übrigens auch das authentisch, als Reklamegag Houdinis)), und Sherlock Holmes gelingt es, seine Unschuld zu beweisen, während Houdini vor allem dabei ist, seine Überlegenheit gegenüber allen anderen zu beweisen. Stashower ist für den deutschen Markt eine richtige Entdeckung. Mehr davon!

Chabons kurzes Buch ist etwas ganz anderes. Bei ihm ist Holmes ein 89-jähriger Eigenbrötler, der sich im ländlichen Sussex um seine Bienen kümmert. 1944 taucht plötzlich vor seinem Haus ein Junge auf, ein jüdischer Flüchtling, der einen Papagei auf der Schulter trägt. Der Vogel kann nicht nur schön singen, sondern rattert auch unentwegt Zahlenkolonnen herunter: Codes, schweizer Kontonummern? Mehrere Männer interessieren sich für den Jungen und vor allem das Tier, und dann ist einer von ihnen tot. Da die Polizei nicht weiterkommt, fragt man Holmes. Wie immer…

Chabon spielt vor allem mit den bekannten, literarischen Versatzstücken und einem enorm gealterten Holmes konfrontiert, der nun wirklich nicht mehr auf der Höhe seines Könnens ist: „Sein strapaziertes Arteriensystem bemühte sich, das plötzlich zum Himmel strebende Hirn mit dem notwendigen Blut zu versorgen.“ Nicht mehr Watson ist der Trottel, sondern Holmes selber tapst durch die Gegend und schafft es nicht, das wichtigste Rätsel, das der Zahlenkolonnen, zu lösen. Und er kommt zu der erschreckenden Erkenntnis: „Dass die unlösbaren Probleme – die falschen Spuren und auf Eis gelegten Fälle – die wahre Natur der Dinge offenbarten. Dass all die scheinbaren Bedeutungen und Regelmäßigkeiten nicht mehr Sine saßen als das Geplapper eines Graupapageis. Das mochte man daraus folgern; gewiss, dachte er, das war durchaus möglich.“

Und das ist nun wahrhaftig ein hübscher, düsterer, passender Abgesang auf den wohl berühmtesten Detektiv der Weltgeschichte, ein Mann, der, wie Orson Welles einmal sagte, „ein Gentleman, der nie gelebt hat und daher niemals sterben wird“.

Daniel Stashower: Sherlock Holmes und der Fall Houdini.

Übers. v. Michael Ross.

Verlag Bastei Lübbe, 222 S., 6,95 Euro.

ISBN 3-404-15422-3

Michael Chabon: Das letzte Rätsel.

Übers. v. Andrea Fischer.

Verlag Kiepenheuer & Witsch. 128 S., 6,90 Euro.

ISBN 3-462-03626-2

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