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Ein Kommissar im Untergrund. Die deutsche Entdeckung des Sarti Antonio aus Bologna (2006)

Posted by Giorgione - 3. Juli 2009

Ein Kommissar geht in den Untergrund. Unglücklicherweise für den Kommissar ist das ganz wörtlich zu verstehen: Unter Bologna laufen Flüsse, die voller Abwasser sind. Und wie im „Dritten Mann“ Orson Welles und Joseph Cotton muss auch Antonio Sarti tief hinabsteigen. Und gerät dabei auch immer tiefer in die Geschichte der Stadt, in die Abwässer der Politik und in die Kloaken der Gesellschaft. Dass dabei nicht alles Dreck ist, was stinkt, ist bei einem modernen Kriminalroman allerdings nicht weiter verwunderlich.

Der Fall, den Loriano Macchiavelli in seinem Krimi „Unter den Mauern von Bologna“ beschreibt beginnt an der eisernen Battiferro-Schleuse, wo man einen Toten aus dem Kanal fischt. Die Leiche hat drei Löcher im Rücken, ist übel zugerichtet und völlig unkenntlich, es gibt keinen Ausweis, keine Papiere, nichts. Gefunden wurde der Tote, der schon ein paar Tage lang im Wasser liegt, von spielenden Kindern, Vando und Pietro, genannt Pedro. Der ist zu seiner Mutter gelaufen, und da bekommt Sarti einen Espresso: „Ich mache einen ziemlich guten Espresso.“ Auf seine Bemerkung, dass ihr Mann dann aber ein Glückspilz sein muss, antwortet sie nicht, „auch wenn der Gesichtsausdruck der Frau ihm Hoffnung gemacht hat.“ So beginnt der Fall, und so beginnt auch die Liebesgeschichte dieses Romans. Schwierig beginnen sie beide, denn Sarti erfährt nach und nach, dass der Vater zwar seit Jahren verschwunden ist, aber die Mutter nachts arbeitet, und denkt gleich, dass sie eine Prostituierte ist.

Es stellt sich heraus, dass der Tote Mainardi Zodiaco, genannt Oroscopo, ist ein Kollege von Sarti, der von Sizilien nach Bologna versetzt wurde. Angeblich soll er sich mit der Mafia eingelassen haben. In einer Schublade zu Hause fand man nach seinem Tod eine Tüte mit weißem Pulver. Auf seinen Recherchen trifft Sarti nicht nur ständig Frauen und Barmänner, die ihm unterschiedlich guten Espresso machen, denn: „Er ist ein Espressotrinker von Gottes Gnaden“. (Grausig sind für ihn die Automaten, „die einen Kaffee versprechen und einem etwas servieren, was keinerlei Ähnlichkeit damit aufweist“.) Seine wichtigsten Helfer sind Pellicano Marmocchi und ein seltsamer Intellektueller namens Rosas. Pellicano ist ein alter Mann, der bei der Befreiung Bolognas von den Faschisten ein kleiner Junge war, aber sich noch gut an alles erinnern kann, ein Grappa-Trinker von Gottes Gnaden. Rosas arbeitet in der Universität. Er „trägt abgetretene Sandalen, auch im Winter, wie ein Klosterbruder. Zerknitterte Hosen, ein noch zerknitterteres Hemd und, wenn es kalt ist, eine fadenscheinige Jacke, die ihm um den dürren Leib schlottert. Bei schlechtem Wetter zieht er manchmal einen Trenchcoat über, der Peter Falk zur Ehre gereichen würde.“

Zusammen steigen sie in den Untergrund, werden beinah von den Fluten ertränkt, weil sich eine Schleuse plötzlich öffnet, werden dreckig und nass und stinken und finden seltsame Gänge und verschlossene Türen. Gemeinsam treffen sie gesellschaftlich Ausgestoßene: Leute, die sich immer verstecken, Afrikaner, die keine Aufenthaltserlaubnis haben, Menschen, die nicht einmal, wenn sie könnten, sich wieder eingliedern würden. Einige von ihnen kommen ums Leben, als Sarti beginnt, Fragen zu stellen. Der Fall entwickelt sich nämlich nicht nur in Richtung organisiertes Verbrechen, sondern auch in die faschistische Vergangenheit, in eine alte Auseinandersetzung mit der Kirche, in die alltägliche Korruptheit einer normalen italienischen Stadt mit alten aufrechten Politikern, die sich mit den neuen Bürokraten zoffen und wegen irgendwelcher Dokumente ermordet werden. Und so wundert es nicht, wenn der Staatsanwalt mit Namen Marino Mozart (Mozart ist der Vorname) abgelöst wird und sein ungeliebter Vorgänger wiederkommt.

Aber das Interessante an diesem Krimi ist nicht nur die flotte Story mit dem sozialkritischen Plot, sind nicht die politischen und sozialen Verzweigungen, schon gar nicht die Lust des magenkranken Sarti Antonio an gutem Essen und feinem Espresso (mit richtiger Crema). Das eigentlich Interessante ist der Stil. Dass Sarti ein Polizist ist, „der oft von Zweifeln gequält wird“, ist noch normal. Dass er sich selbst immer wieder in Frage stellt, dass die Zweifel auch seine Person betreffen, ist schon etwas ungewöhnlicher. Aber dann die Art, in dem der Erzähler mit seinem Kommissar umgeht. Er ist sehr persönlich, fast beteiligt. Er hat ein intimes Verhältnis mit Sarti, er ist „sein Kommissar“. So heißt es: „Mein Polizist muss immer aufgestachelt und angetrieben werden.“ In einem anderen Krimi fährt er ihn zum Dienst und lässt ihn dann allein, als er sich beruhigt hat.

Solch ein liebevoll-ironischer Stil unterhält sehr gemütlich, er schafft eine persönliche Sympathie und Nähe zum Kommissar, aber er ist auch sehr hintersinnig. Der Erzähler ist stets ganz mild ironisch, schildert seine Schwächen, aber macht ihn dadurch nur umso sympathischer. Man ist Sarti so nah, dass man auch seine Selbstzweifel auf sympathetische Weise mit übernimmt, man steht nie außerhalb, sondern schwimmt mit ihm durch seine Liebesaffäre, durch die Verwicklungen des roten Bologna und durch alle Seltsamkeiten, die Stadt und Fall zu bieten haben. Nie ist man sich sicher, wohin er treibt, selbst seine Affäre beginnt nicht besonders vielversprechend. Als er Federica nach ihrem ersten Abend heimbringt, überkommen ihn sofort die Zweifel: „Es ist nicht richtig, eine alleinlebende Frau auszunutzen; jetzt erwartet sei wer weiß von mir; ein Kind steht zwischen uns; ich bin wirklich ein Esel, und so weiter, bis er zu Hause ankommt. Unerträglich. Gefickt ist gefickt. Aus Federicas Verhalten im Bett zu schließen und aus dem, was sie in dieser Zeit getan und gesagt hat, hat es ihr nicht übel gefallen. Und angesichts der Situation im hause Sarti ist das nicht gerade wenig. Aber es hilft alles nichts: Zum Dummkopf wird man nicht aufgrund von Theorie und Praxis, als Dummkopf wird man geboren!“ Leicht ist alles geschrieben, nichts wird wirklich bedrohlich. Selbst als es ein Treffen gibt, bei dem Sarti fast erschossen wird, heißt es: „Der letzte Schlag vom Campanile der Kirche San Niccoló erklärt einen Tag offiziell für tot und den nächsten für geboren.“ Bei diesem Ton kann man natürlich in aller Ruhe die Spannung, die Entwicklung, die Verwirrung und die vielen Eigenheiten genießen.

Auch die Personen sind sofort lebendig, präzise geschildert, mit vielen Ticks und Absonderlichkeiten. Lange, die Handlung völlig retardierende Dialoge, in denen sich die Freunde streiten, sind eines der vielen witzigen Elemente dieses außergewöhnlichen Krimis (Über den Vorgesetzen berichtet der Erzähler, dass er Schuhe hat, die knistern). Und so wird es einem gehen, wie dem Erzähler: Man liebt seinen Kommissar.

„Unter den Mauern von Bologna“ ist ein literarisch anspruchsvoller, aber doch sehr leicht geschriebener Kriminalroman, mit einer spannenden, glaubwürdigen Story, abstrusen Ent- und Verwicklungen und sonderbaren Menschen. „Seine mehr als dreißig Bücher werden in seiner Heimat zur Zeit neu entdeckt und erstmals ins Deutsche übersetzt“, heißt es vom Verlag. Sehr schön. Immer her damit.

Loriano Macchiavelli: Unter den Mauern von Bologna

Übers. von Sylvia Höfer.

Piper Verlag, München 2005 (Piper Taschenbuch). 348 Seiten, 9 Euro.

ISBN 3-492-24543-2

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