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Ein Hauch von Surrealem, eine Spur von Sadomasochismus. Endlich erschien eine Ausgabe mit Stories von Edogawa Rampo auf deutsch (2006)

Posted by Giorgione - 3. Juli 2009

Eigentlich hieß er Hirai Taro. Aber sein großes Vorbild war Edgar Allan Poe, und so nannte er sich als Schriftsteller Edogawa Rampo. Spricht man es korrekt japanisch aus, oder einfach nur schnell und macht entsprechende Pausen: Edoga Aran Po – da hat man’s. Fast. Wie Poe die Detektivgeschichte im Allgemeinen erfand, wurde der Japaner mit seiner Geschichte „Die Zwei-Sen-Kupfermünze“ von 1923 der „Vater des japanischen Krimis.“

Mit dem Namen Poe aber verweist er nicht nur auf den Erfinder der Kriminalliteratur, sondern auch auf den Meister der psychologischen Horrorstories. Denn wie Poe auf die düsterste Romantik und die angstmachendsten Phantasien zurückgriff, griff Rampo die japanische Gespensterliteratur auf, die in Japan eine lange Tradition hat und verknüpfte beide Genres zu einem eigenständigen Neuen. Seine Stories sind oft auch Schauergeschichten, eingebettet in eine Rahmenhandlung, erzählt vom Bösewicht selbst. Als Geständnis. Oder so zur Unterhaltung. Und manchmal weiß man gar nicht, ob die Geschichten auch alle wahr sind, denn Bösewichter haben es nun mal an sich, dass sie auch lügen. Wie in der hintersinnigen Geschichte, die ein Clubmitglied erzählt. Im „Roten Zimmer“ (und hört sich nicht schon allein dieser Dekorbegriff schön schaurig nach Poe an, nach Pest und Tod?) sitzen ein paar Herren in blutroten Polstersesseln um einen runden Tisch mit einer blutroten Samtdecke, die Kerzen flackern, und es ist alles schön gespenstisch, als Herr T. seine Geschichte zum Besten gibt.

Gelangweilt hat er sich: „In Gedanken ging ich zwar manche Arten des Zeitvertreibs durch, verwarf aber eine nach der anderen: Die eine war reizlos, die andere langweilig.“ Bis ihm dann doch etwas einfiel: Er könnte doch ein paar Leute umbringen. Und zwar so, dass es niemand merkt. „Seit ich diesen Spaß entdeckte, habe ich an die hundert Personen, Männer, Frauen und Kinder getötet, um mir die Langeweile zu vertreiben.“ Sein erster Mord geschah, als er einen Mann aus Versehen falsch schickte, der dringend einen Arzt suchte, weil er jemanden angefahren hatte. Er kam zu spät, sein Unfallopfer war tot. Daraufhin systematisierte Herr T. seine Bemühungen. Er ruft einer Frau „Aufpassen!“ zu, die gerade über die Straße geht, so dass sie vor Schreck anhält und überfahren wird, einen Blinden lässt er in eine tiefe Grube stürzen, ein Kind verleitet er, auf ein Starkstromkabel zu pinkeln. Auch der Schluss dieser Geschichte ist ein kleiner Schocker.

Edogawa Rampo schrieb aber nicht nur Psychothriller, sondern auch schwarzromantisch angehauchte Geschichten von Doppelgängern wie in „Zwillinge“. Da entscheidet sich der jüngere Zwillingsbruder, seinen Bruder zu ermorden. Kaltblütig und planmäßig geht er vor, tut so, als wenn er selbst auf Nimmerwiedersehen verschwinden würde, bringt den Älteren um. Er nimmt dann sogar seine Rolle ein und begeht Verbrechen. Und um den Verdacht von sich abzulenken, hinterlässt er Fingerabdrücke von seiner früheren Existenz, dem scheinbar spurlos verschwundenen jüngeren Bruder. In einer anderen Story erzählt ein Mann die Geschichte, wie er einmal als Schlafwandler Menschen bestahl, ohne es zu merken, dass er sogar jemanden umbrachte. Aber dann macht ihn sein Zuhörer auf einige Ungereimtheiten aufmerksam. Aber stimmen die? Und wer ist dieser Zuhörer? Vielleicht der wahre Täter? Spricht er die Wahrheit? Oder quält er den Erzähler nur noch mehr?

Rampos Geschichten scheinen immer ganz plausibel, und doch liegt ein Hauch von Surrealem über der Szenerie und über der Binnenerzählung, wie in manchen Geschichten von Poe oder E.T.A. Hoffmann. So haben die Titelgeschichte „Spiegelhölle“ oder „Der Sesselmann“ so wenige Krimielemente, dass sie eher Horror- als Kriminalgeschichten sind. Nur wenige sind das, was wir heute unter einer Kriminalstory verstehen würden, wie „Der psychologische Test“: Da gerät ein Verbrecher, der kühl und überlegt handelt, der alles einplant, der sich sogar auf einen psychologischen Test vorbereitet, an einen Polizisten, der dann doch einen Tick schlauer ist, der genau das planmäßige Vorgehen bemerkt und daraus auf die Schuld schließt und sie dann sogar beweisen kann.

Obwohl er einer der einflussreichsten Schriftsteller der japanischen Literatur vor dem zweiten Weltkrieg war, über zwanzig Romane und viele Kurzgeschichten geschrieben hat, gibt es nur wenige Übersetzungen ins Deutsche: nur ein paar Geschichten in Anthologien. Interessant ist vor allem die oft eher unmerklich unter den Zeilen hervorschimmernde sexuelle, vor allem sadistische und masochistische Atmosphäre. Da versteckt sich ein Tischler wochenlang in dem engen Hohlraum eines von ihm selbst gebauten Sessels, um dem Körper einer Frau möglichst nahe zu sein. Da quält eine scheinbar normale Ehefrau ihren an Armen und Beinen amputierten Mann und es heißt knochentrocken: „Es war ihr nicht wirklich unangenehm, die Qualen der Angst in seinen Augen zu sehen.“ Mit solchen Elementen werden Rampos Stories zu den schwärzesten noirs.

Und damit werden seine Geschichten auch zu einer bitteren Bestandsaufnahme der japanischen Gesellschaft. Bei Rampo besteht sie aus lauter Außenseitern, die sich so gut angepasst haben, dass man sie nicht entdeckt, Außenseiter, die ihre abstrusen Vorstellungen ausleben, ohne Rücksicht auf andere, egal ob sie jemanden töten, berauben, quälen. Menschen, die nach den gewalttätigen, modernen Kriegen (China, Korea, Mandschurei, Russland) ihren Horror irgendwie loswerden müssen. Es ist eigentlich ein Schock für alle, die denken, dass die japanische Gesellschaft aus lauter einförmigen, gleichförmigen, überangepassten Automatenmenschen besteht.

Eine neue Ausgabe in einem Kleinverlag versammelt jetzt acht Geschichten von Edogawa Rampo in einem kartonierten, schön gemachten Bändchen. Leider fehlt ein Nachwort, in dem man mehr von ihm erfahren würde als was im Klappentext steht. Ein einführender Essay wäre gerade bei diesem hierzulande doch sehr unbekannten Autor sehr wichtig gewesen. So erfährt man nur, dass er 1894 geboren wurde und 1965 starb, 1923 seinen Durchbruch hatte, 1947 die Japanese Mystery Author’s Association gründete und dass 1953 ein Krimipreis nach ihm benannt wurde. Es fehlen aber noch ein paar wichtige Details, dass manche seiner Geschichten im Weltkrieg verboten waren und dass er nach dem Krieg nur noch wenig schrieb, dass aber eine seiner Figuren, „Detektiv Conan“ es als Manga zu Weltruhm gebracht und als Anime bis ins deutsche Fernsehen geschafft hat. Vor allem wäre es wichtig gewesen, ihn im Zusammenhang der japanischen Literatur- und Sozialgeschichte darzustellen und die Unterschiede zu Kollegen und westlichen Autoren herauszuarbeiten. Wie soll denn ein Normalleser beurteilen können, was die Leistung dieses Mannes war? Schade auch, dass die neue Ausgabe teilweise in ziemlich schlechtes Deutsch übersetzt ist und dass ausgerechnet seine berühmteste Geschichte fehlt. Trotzdem: Das kleine Buch ist hübsch gemacht und eine schöne Pionierleistung. Warum das nur immer die Kleinverlage machen müssen…

Edogawa Rampo: Spiegelhölle.

Übersetzt von Martina Berlin, Frank Böhling, Reiko Sato, Ingrid Schuster

JBook / Maas Verlag, Berlin 2005

220 Seiten, 16,80 Euro,

ISBN 3-929010-97-6

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