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Die Schokolade und der freie Wille. Alexander McCall Smith setzt mit „Das Herz des fremden Toten“ seine philosophische Krimireihe um Miss Isabel fort (2006)

Posted by Giorgione - 3. Juli 2009

Schokolade ist ein großes Problem, sagt Isabel. Nun, das ist so neu nicht. Schon Nina Hagen sang in ihrer guten alten Zeit als TV-Junkie von den Pfunden, die sie sich anfraß: „Ich werd’ fetter und fetter und fetter und – och!“ Aber Isabel meint etwas anderes. Schokolade ist auch ein großes philosophisches Problem: „Es rückte den Begriff der Akrasia, Willensschwäche, in den Mittelpunkt. Obwohl uns bekannt ist, dass Schokolade schlecht für uns ist – und nicht allein aus dem Grund, weil man davon zunimmt – , essen wir häufig zu viel Schokolade. Warum? Es legt die Schlussfolgerung nahe, dass wir einen schwachen Willen haben. Aber wenn wir Schokolade essen, dann deswegen, weil wir glauben, zu unserem eigenen Nutzen zu handeln; unser Wille treibt uns dazu an, das zu tun, was uns gefällt. Unser Wille ist also nicht schwach, im Gegenteil, er ist sogar recht stark, und er veranlasst uns, das zu tun, was wir wirklich wollen, nämlich Schokolade essen. Das Thema Schokolade war sehr heikel.“

Im neuen Buch von Alexander McCall Smith hat Isabel Dalhousie nicht nur mit Schokolade zu tun. Sondern auch mit Freunden und Liebhabern und deshalb auch mit gebrochenen, brechenden oder sonstigen Herzen. (Der Originaltitel heißt denn auch passenderweise „Friends, Lovers, Chocolate“. Warum die deutschen Verlage sich immer so seltsame und häufig (meistens) viel ungenauere und schlechtere Titel ausdenken müssen, weiß der Vertriebsleiter allein. Er schäme sich.) Isabel ist hauptberuflich Philosophin, keine theoretische, pragmatische oder logische, sie ist eine „angewandte Ethikerin“, alltagsnah und praktisch. Die Heldin einer bisher zweiteiligen Kriminalserie, die, wie so viele Krimiheldinnen, eher zufällig über ihre Fälle stolpert. Eigentlich hat sie viel Geld geerbt, gibt die gänzlich unlukrative „Zeitschrift für angewandte Ethik“ heraus und ist dabei, sich Gedanken über eine Sondernummer über „die Ethik des Essens“ zu machen. Da spielen nicht nur die Frühstücksbuffets eine Rolle, bei denen sich manche Gäste wie die Wildsäue benehmen und einfach Brötchen nehmen, so viel sie können. Sondern eben auch die Schokolade.

Auch ihr neuer Fall hat mit dem Essen zu tun. Weil ihre Nichte Cat nach Italien fährt, vertritt sie sie in ihrem exklusiven Delikatessengeschäft. Während der Mittagspause lernt sie Ian kennen, einen Psychologen, der ein seltsames Problem hat: Ihm wurde ein fremdes Herz eingesetzt, gespendet von einem jungen Mann, und nun hat er Visionen, sieht das Gesicht eines Mannes vor sich, den er gar nicht kennt. Obwohl er nicht an Esoterik glaubt, meint er, es könne doch sein, dass das Herz das Gesicht des Mörders gespeichert habe: als letzten Eindruck eines Sterbenden. Es gibt tatsächlich Theorien über so etwas wie ein Gedächtnis der Zellen, des Körpers. So wie man nie verlernt, Fahrrad zu fahren, so wie es die Finger sind, die sich die Fingersätze beim Klavierspielen merken.

Und so macht sich Isabel auf die Suche nach diesem Mann. Denn für einen Ethiker ist klar, dass „der Beruf des Philosophen es eben mit sich bringt, dass man sich engagiert. Du fragst dich, ob du etwas tun sollst und so oft ist die Antwort ‚Ja’.“ Sie schafft es sogar, jemanden zu finden, auf den Ians Beschreibung zutrifft. Sein Sohn, eigentlich sein Stiefsohn, ist bei einem Unfall ums Leben gekommen, der Autofahrer, der ihn totgefahren hat, ist geflohen. Der Mann ist wütend, dass sie in sein Haus kommt, dass sie ihm seltsame Theorien erzählt, dass er sie immer wieder treffen muss (Edinburgh ist klein), dass sie ihn zwangsläufig an den Tod erinnert. Vielleicht hat er ihn ja wirklich umgebracht…

Der zweite Strang des Romans betrifft Isabels Liebesleben. Ihr bester Freund Hugo, der Exgeliebte ihrer Nichte und fünfzehn Jahre jünger als Isabel, hat sich in eine verheiratete Frau verliebt. Nicht nur, dass sie eifersüchtig ist, sie wird jetzt auch noch von Verlassensängsten geplagt, sie beleidigt die neue Freundin ihres Freundes, sie macht alles immer nur schlimmer. Sie weiß auch selber gar nicht, was sie will. Und dann kommt auch noch ein eleganter, geheimnisvoller, schöner Süditaliener, der ihr den Hof macht: ein großes Durcheinander.

Eindeutig ein Krimi aus der „cozy“-Ecke. Es passiert nicht viel, der Kriminalfall ist nicht einmal ein Fall (oder ist das zu viel verraten?). Das Buch ist eine Mischung aus Liebes- und Gesellschaftsroman, mit einer sehr reflektierten Heldin. Isabel analysiert alles, sich selbst, ihre Wünsche und Begierden und ihre Fehler: „Ich bin eine Philosophin, aber ich bin auch eine Frau“, sagt sie einmal zu sich. Sie fühlt sich von Männern angezogen, will sich aber nicht erlauben, sich in ein Abenteuer zu stürzen, schon gar nicht mit einem Süditaliener, der sein Geld im „Import und Export“ oder so etwas Ähnliches verdient: Das hört sich schon sehr nach Mafia an.

Aber Isabel ist eben neugierig, sie ist an Menschen interessiert, an ihren Problemen, an ihren Menschlichkeiten, den Schwächen und Stärken und ihren Eigenheiten. Sie meint, die Aufgabe eines Philosophen sei, sich um Menschen zu kümmern, ihnen zu helfen. Ihre Aufgabe ist es auch, den Dingen nachzuspüren, die sie umgeben, auch die Dinge, die von ihr Besitz ergreifen wollen: Liebe, Freundschaft, Versuchung. So wie die Schokolade. Haben wir nun einen freien Willen, oder werden wir von der Schokolade bestimmt? Oder der Liebe? Oder der Versuchung?

McCall Smith hat keinen Thriller geschrieben, sondern eher ein nachdenkliches Buch. Die philosophischen Überlegungen kommen nicht lehrhaft, sondern ganz alltäglich, immer dicht am Leben. Das wird vielen langweilig sein, die Action wollen. Die sollen das Buch auch nicht lesen, für die ist es auch nicht geschrieben. Sie sollten sich höchstens mal überlegen, ob sie mit der ständigen Action nicht auch vor etwas ausweichen, was vielleicht auch wichtig ist.

Denn es ist doch schon erstaunlich, mit welchen Dingen wir im Alltag alles umgehen, was wir alles benutzen. Und was davon wir alles nicht beachten, was alles allzu alltäglich geworden ist. Isabel beachtet alles, sie denkt über alles nach, alles sagt ihr etwas. Man muss sich eben nur bemühen, zuzuhören, auch den Dingen. Wie sagte Arno Schmidt: „Wenn sich eine Briefklammer derart sperrt, das soll man achten. Oder ‚ehren’? Nee; ehren nich. Aber achtn.“ Das heißt nicht, dass sich nicht auch Isabel verrennt, das Falsche tut, Menschen verletzt. Unabsichtlich. Und doch mit Wucht.

„Das Herz des fremden Toten“ ist ein philosophischer Krimi, den man leicht unterschätzen kann, weil er so leichtfüßig geschrieben ist, weil er eine gemütliche Oberfläche hat, weil er nicht mit Leichen und Blut um sich wirft, sondern auf Alltagsprobleme eingeht. Weil er eine leichthändige Art der Beschreibung hat, die Charaktere, die so langsam lebendig werden (der erste Teil war noch etwas holpriger), sanft und sacht zu sich kommen lässt. Eine noch entwicklungsfähige Reihe für die, die es etwas langsamer und weniger blutrünstig mögen.

Alexander McCall Smith: Das Herz des fremden Toten. Ein neuer Fall für Miss Isabel. Roman.

Übersetzt von Thomas Steger.

Blessing Verlag. 284 S., 16, 50 Euro,

ISBN 3-89667-264-3

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