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Afrika und die Kunst des Autoreparierens. Alexander McCall Smiths fünftes Buch über Mma Ramotswe (2006)

Posted by Giorgione - 3. Juli 2009

Passieren tut hier gar nichts. Muss in einem Kriminalroman etwas passieren? Sollte man meinen. Aber nur, wenn man denkt, es ginge in einem Krimi um Verbrechen und Aufklärung (oder Schuld und Sühne). Es geht aber, wie in jedem guten Roman, immer auch um etwas anderes. Um eine Erzählung vom Leben. Unseres. Oder das von anderen Menschen. In anderen Umständen, in anderen Ländern. Mit anderen Denk- und Lebensweisen.

Und was könnte anders sein als das Leben in Botswana? Wissen wir etwas von Botswana? Nichts wissen wir von Botswana. Wikipedia meint: „Botswana, ist ein Land im südlichen Afrika. Der Name leitet sich von der Bezeichnung des Volkes der Tswana ab. Nationalfeiertag ist der 30. September, Tag der Unabhängigkeit (1966). Botswana grenzt an Südafrika, Namibia, Sambia und Simbabwe.“ So.

In diesem uns völlig unbekannten Land spielt eine schöne, kleine Kriminalromanserie des schottischen Autoren Alexander McCall Smith. Seine Heldin heißt Mma Ramotswe, ihr schöner Vorname ist Precious. Sie unterhält die „The No. 1 Ladies’ Detective Agency“ in der Hauptstadt des Landes (die wie heißt? 100.000-Euro-Frage – eben), in Gaborone. Sie ist nicht dick, sie ist „traditionell gebaut“, wie sie immer wieder betont. Sie hat eine Sekretärin, die sie unlängst zu ersten Hilfsdetektivin ernannt hat, Mma Makutsi, sie hat ihren Verlobten Mr. J.L.B. Maketoni (so wird er von allen, auch von ihr genannt), der eine Autoreparaturwerkstatt hat mit dem Namen „Tlokweng Road Speedy Motors” und zwei ziemlich unnützen Lehrlingen. Und sie legt sehr viel Wert auf die Tradition.

Ihre Kriminalfälle, die sie jetzt schon im fünften Band löst, sind alles mögliche, aber sie sind niemals aufsehenerregend, sie sind nicht spannend, sind nicht kompliziert, sind nicht blutig, oft sind sie nicht einmal Kriminalfälle. (Wahrscheinlich ist das allein schon eine gute Beschreibung der Alltagsarbeit einer normalen Detektei: Da geht es ja auch nicht zu wie bei Sam Spade.) Eigentlich passiert seitenlang, kapitellang überhaupt nichts. So auch im neuen Buch, „Ein Fallschirm für Mma Ramotswe“. Da besucht die Detektivin ihre Kusine, sie denkt über ihren letzten Fall nach und über ihren Verlobten, sie unterhält sich mit Mma Makutsi und trinkt Rotbuschtee. Dann bekommt sie eine neue Klientin (die auch nicht aussieht wie Brigid O’Shaugnessy): Die reiche Mma Holonga sucht einen Mann und bittet Mma Ramotswe, die Kandidaten zu überprüfen, vor allem, ob sie nicht nur hinter ihrem Geld hinterher sind.

Das ist schon alles. Natürlich gibt es eine ganze Menge Nebenhandlungen. Da ist Mr. J.L.B. Maketoni, „der beste Automechaniker Boswanas“, der entdeckt, dass ein anderer Mechaniker Pfuscharbeit macht und viel Geld dafür verlangt. Was tun? Ihn einfach anzeigen, seine Kunden abwerben? Schwierig. Regelmäßig fährt Maketoni zum Waisenhaus, um dieses und jenes zu reparieren, Leitern, Wasserpumpen, Autos, meistens umsonst. Einmal hat ihn die Leiterin des Waisenhauses überredet, zwei Kinder bei sich aufzunehmen. Diesmal lässt sich der leicht depressive Mechaniker überreden, für sie einen Fallschirmsprung zu wagen – als Highlight einer Wohltätigkeitsveranstaltung für die Waisen. Einmal versprochen, weiß der ängstliche Mann nicht mehr, wie er sich da wieder herauswinden kann. Und der Termin rückt näher. Und Mma Ramotswe weiß nicht, wie sie ihn davon überzeugen kann, dass er jetzt sein Eheversprechen auch hält und sie bald heiratet. Nicht, dass er sie nicht mehr heiraten will. Aber er ist zu zögerlich, und so überlistet sie ihn. Es ist zu seinem eigenen Besten.

Alexander McCall Smith (geboren 1948 in Simbabwe) ist Schriftsteller und Jurist, Professor der Rechtswissenschaften, und lebt in Edinburgh. „The No. 1 Ladies‘ Detective Agency“ (der erste Teil der Serie) wurde bei seinem Erscheinen von „The Times Literary Supplement“ zu den Büchern des Jahres gewählt und vom „Booker Prize Committee“ empfohlen. Er hat auch wissenschaftliche Werke und Kinderbücher geschrieben („The Criminal Law of Botswana”, „Errors, Medicine and the Law”, „Changing People: The Law and Ethics of Behavior Modification” und viele andere). Bekannt ist hierzulande auch seine Krimreihe um die philosophische Miss Isabel. Und auch in dieser Reihe passiert nicht viel, keine Action, keine Verfolgungsjagden. Aber viel Nachdenken, viel menschenfreundliche Reflektion und Selbstreflexion.

McCall Smith beschreibt in einem schönen, langsamen Rhythmus seine Heldin und das Leben, das sie führt. Langsamkeit, Ruhe, Freundlichkeit, Zeit zum Nachdenken und Nachsinnen – das sind die Tugenden, die Mma Ramotswe dem schnellen, modernen, menschenunfreundlichen, hektischen Leben entgegensetzt. Botswana ist ein Land, etwa so groß wie Frankreich, aber es zählt, auch durch die Kalahari, zu den am wenigsten besiedelten Ländern Afrikas. Die Hauptstadt hat gerade einmal 200.000 Einwohner. Aber auch hier weichen die Traditionen immer mehr auf, haben immer weniger Gewicht. Mma Ramotswe bedauert das. Denn schließlich haben die Traditionen dem Land die Stabilität gegeben, die es heute hat, sie garantieren ein zufriedenes Leben. Zu den Traditionen gehört die Höflichkeit, mit der Gäste empfangen werden (Rotbuschtee gehört immer dazu), auch die Zeit, die man ihnen widmet, eine schöne lange Unterhaltung, die Sorge um die älteren Verwandten und um die nächste Generation. Es gehört auch dazu, dass man als Frau nicht zu mager ist, eben „traditionell gebaut“.

Es passiert also nicht viel in diesem Buch. Mma Makutsi zieht in ein größeres Haus, das sie sich leisten kann, seit sie eine Schreibmaschinenschule für Männer gegründet hat, ein Haus mit zwei Zimmern und fließendem Wasser. Die Überlegungen zu diesem neuen Luxus nimmt viel Platz ein, die Beschreibung ihrer Freude, mit der sie über die kleinen Mängel im Boden hinwegsieht, ist sehr anrührend und dabei sehr verständlich. Ebenso lang ohne Langatmigkeit, locker über die Seiten verstreut, füllen die Reflektionen über Männer und Frauen die Seiten, über Betrug und Pfusch, über Afrika und die Kunst des Autoreparierens, über die jungen Männer von heute, über die Rolle des Radios in der modernen Welt, über Liebe und Beziehungen. Auch über die Intuition, denn meistens löst Mma Ramotswe ihre Fälle mit gesundem Menschenverstand, viel Menschenkenntnis und etwas Eingebung. Und manchmal ist sie einfach geradeheraus. Das hilft dann auch.

Es ist also ein schönes Land, dieses Botswana der Mma Ramotswa. Ein Land im Umbruch, aber noch voller Menschen mit Respekt vor der Tradition. Die Heldin ist eine freundliche und weise Frau, der man sich wohl gerne anvertrauen wird, wenn man jemanden braucht mit einem großen Herzen. Manchmal mehr eine Therapeutin als eine Detektivin, die selber genau weiß: „Wenn Leute dich um Rat fragen, nehmen sie ihn doch nur sehr selten an. Meistens gehen sie und machen doch, was sie wollen.“

Das ist eine der vielen Stellen, in denen McCall Smiths Humor deutlich wird. Mit viel Witz erzählt er von seinen Charakteren, wie sich die Klientin und Mma Ramotswe gegenseitig beäugen und beide von der anderen meinen, sie sehe freundlich aus und wohlgenährt, aber sie sollte doch ihre Kleider zwei Nummern größer kaufen. Es ist ein wenig wie bei Father Brown von G.K. Chesterton: ein wenig Selbstironie, sanfter Humor, ein Blick auf das Leben von außen.

So plätschern die Geschichten vor sich hin, man erfährt viel über Botswana und viel darüber, wie schön das Leben sein könnte, wenn alle so freundlich wären. Und dann muss man wieder raus ins hektische Leben. Und vielleicht, nach einigen Remplern, nachdem man von Radfahrern auf dem Fußweg fast umgefahren wird, von Autofahrern abgedrängt wird, vielleicht erinnert man sich dann wieder einmal daran, dass es so nicht immer sein muss.

Alexander McCall Smith: Ein Fallschirm für Mma Ramotswe. Neues von der No. 1 Ladies ‚Detective Agency’. Übersetzt von Michael Kubiak. Verlag Ehrenwirth. 270 S., 16,90 Euro. ISBN 3-431-03678-3

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