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„Ich ziehe mich immer noch zusammen.“ Zwei neue Montalbano-Geschichten von Andrea Camilleri (2005)

Posted by Giorgione - 3. Juli 2009

Camilleri und kein Ende. So ein unerschöpflich fabulierender, menschenfreundlicher Erzähler, das ist ein Paradies für Leser. Glücklicherweise ist er sehr vielfältig. In diesem Herbst kam ein bitterböser, Bunuelartiger Anti-Entwicklungsroman heraus, der die katholisch-faschistische Erziehung fast zynisch demontierte. Wir haben von ihm „König Zosimo“, eine Dario-Fo-mäßige Geschichtstragikomödie, oder die Totalirritation „Der unschickliche Antrag“. Und natürlich (ich komme jetzt zum Thema) die Kriminalromane und Erzählungen um Commissario Salvo Montalbano. Wie alle Romane von Camilleri spielen auch sie in Sizilien, und das ist bei ihm eine manchmal leicht verzauberte, aber gleichzeitig auch realistische, manchmal mehr psychische, manchmal mal mehr politische, sehr häufig aber auch kulinarische Landschaft.

Zehn Bücher umfassen die Montalbano-Reihe auf deutsch bisher: sieben Romane, drei Erzählungsbände: Jetzt ist der elfte Band erschienen, „Der falsche Liebreiz der Vergeltung“, es sind zwei Kurzromane oder längere Erzählungen, wie man will, „Montalbanos allererster Fall“ und „Immer montags“. Das Personal der zweiten Erzählung ist das schon bekannte: Montalbano, seine Freundin Livia, mit der er in diesem Roman nur telefonischen Kontakt hat wie so oft, die Polizisten Fazio, Mimi Augello, Catarella, das gesamte Personal der inzwischen berühmtesten italienischen Stadt, der erfundenen Stadt Vigàta. Es geht um einen offensichtlich Verrückten, der sich für eine Reihe von Morden auf die Kabbala beruft, die er missverstanden hat. Er erschießt zunächst jede Nacht von Sonntag auf Montag einige Tiere von Besitzern, deren Anfangsbuchstaben Wörter ergeben, und legt Zettel zu seinen Opfern, auf denen es zunächst heißt: „Ich ziehe mich immer noch zusammen.“ Den Polizisten wird es langsam mulmig, und Montalbano befürchtet, dass eines der nächsten Opfer ein Mensch sein wird. Dass es noch viel schlimmer kommt, kann er nicht ahnen. Wie in einem früheren Roman wird der Fall mit der Hilfe eines uralten, ehemaligen Priesters namens Maraventano gelöst, der eine recht sonderbare Gestalt ist, aber das nötige Geheimwissen hat: „Als En-Sof die Weltschöpfung und en Akt der Emanation ersann, zog es sich, um die Vollkommenheit siener Handlungen darzulegen, in den Mittelpunkt genau im Zentrum seines Lichts zusammen. Das Licht konzentrierte sich und zog sich ganz auf diesen zentralen Punkt zurück (… ). Und wenn es sich fertig zusammen gezogen hat, wird es den Menschen in all seinem Licht erscheinen, in all seiner Macht.“

Die erste Geschichte erzählt, wie der Titel schon sagt, von Montalbano allererstem Fall, von seiner Versetzung nach Vigàta. Das ist natürlich insofern falsch, als er ja schon vorher Polizist war. Mag sein, dass er nur minderwertige und keine „richtigen“ Fälle zu bearbeiten hatte, das wird auch angedeutet. Aber auf jeden Fall ist er erst in Vigàta der Montalbano, den wir kennen. Also hat es dann doch schon seine Richtigkeit. Auch diese Erzählung ist eine Mischung aus Politik und Menschlichkeit. Kaum in Vigàta angekommen, bekommt Montalbano schon Besuch von zwei Abgeordneten. Jeder von ihnen steht im Sold einer der ansässigen Mafia-Familien. Und auch im Kriminalfall geht es um einen Mafia-Sprößling, den Montalbano allerdings so kleinkriegt, dass er von seiner Familie geopfert und vorher vorsichtshalber noch einmal ordentlich durchgeprügelt wird.

Der Fall erzählt aber vor allem von der Stadt, den Menschen, den kleinen Eigenheiten und Spleens, von den kulinarischen Entdeckungen und der Atmosphäre des dolce vita siciliana. Montalbano entwickelt sie vor allem in den vielen kleinen, amüsanten Unterhaltungen. Als er Vigàta besichtigt, will er natürlich auch essen gehen. Er geht in die Trattoria San Calogero und fragt den Kellner: „Kann man hier essen?“ Reserviert antwortet der: „Natürlich kann man hier essen.“ Als der Kellner das Menü vorstellt, sagt Montalbano: „‚Spaghetti mit Seeigelsauce muss man können.’. ‚Ich bin diplomierter Seeigel-Koch’, sagte der Kellner. Montalbano hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. Zwei zu null. Zwei kluge Antworten auf zwei bescheuerte Bemerkungen.“ Als zweiten Gang gibt es Fisch: „‚Was für Fisch?’ ‚Was Sie wollen.’ ‚Und wie bereiten Sie ihn zu?’ ‚Kommt auf den Fisch an.’“ Und dann aß er, was der Kellner für richtig befand. (Übrigens in guten Trattorie immer die beste Methode.)

Mit solchen Geschichtchen schafft Camilleri die spezifische, gemütliche, manchmal aber auch politisch rabiate Montalbano-Atmosphäre, die frei von Sentimentalitäten ist, witzig, aber auch aufklärend, hart an der Realität, aber immer bereit für spielerische Ausflüge, abstruse Unterhaltungen, absonderliche Charaktere, die immer so lebendig sind wie man sie sich nur wünschen kann. Man merkt, dass Camilleri ein Theaterautor war (bestes Beispiel ist sein reiner Dialogroman „Der unschickliche Antrag“, in dem man Beschreibungen überhaupt nicht vermisst).

Zwei neue Camilleri-Stories also. Das ist sehr fein. Dafür wird der Verlagsleiter von Lübbe dereinst in den Himmel kommen und mit Spaghetti, Fisch und Tiramisu gefüttert werden ewiglich. Aber ein Tadel muss doch noch kommen. Wieso ist es dem Verlag nicht möglich, auf den Umschlag zu schreiben, ob es sich um einen Roman, Erzählungen oder sonstwas handelt? Bei einigen Büchern war man schon richtig entsetzt, als es plötzlich mittendrin abbrach, weil es eben kein lange atmender Roman, sondern eine flotte Story war. Natürlich: Das hat kaufmännische Gründe: Die Leute kaufen Romane eher. Aber es ist doch eine recht verbitternde Mogelpackung. Also, Verlagsleiter: Wenn Sie doch zuerst ins Fegefeuer kommen, wissen Sie, warum.

Andrea Camilleri: Der falsche Liebreiz der Vergeltung

Übersetzt von Christiane von Bechtolsheim

Bergisch-Gladbach, Lübbe Verlag 2005. 346 S., 19,90 Euro.

ISBN 3-7857-1565-X

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