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Sie muss lernen, mit ihren Schatten und Dämonen zu leben. Oliver Bottini hetzt den Leser seines zweiten Krimis durch viel Befindlichkeitskitsch (2006)

Posted by Giorgione - 2. Juli 2009

Schwarzwaldklinik und Bollenhut? So idyllisch, wie es die Fremdenverkehrsvereine wollen, ist der Südwesten auch nicht mehr. Denn plötzlich brennt ein kleiner Schuppen auf einem Feld bei Kirchzarten. Als die Feuerwehr kommt, explodiert er, ein Feuerwehrmann stirbt: Unter dem Schuppen war ein großes Waffenlager versteckt. Und dann trifft Louise Bonì bei der Spurensuche im Wald auf zwei Männer, deren Sprache sie nicht versteht: junge Südosteuropäer. Sie wird angeschossen. Und dann taucht ein Mann aus dem Nichts auf, bis zur Unkenntlichkeit vermummt, der ihre Wunde versorgt und wieder im Nichts des Waldes verschwindet.

Waffenschmuggel. Ex-Jugoslawien. Oder ein Lager von Islamisten? Pakistani? Attentäter? Alte Nazis, neue Nazis? Die Handlung in Bottinis neuem Roman „Im Sommer der Mörder“ ist sehr verwickelt, die Spuren führen mal hierhin, mal dorthin. Klar scheint nur, dass internationale Banden daran beteiligt sind, böse und gute Geheimdienste und Politiker und ein paar naive Menschen, die ja nur helfen wollen. Und deswegen bleibt es nicht eine Aufgabe der Kriminalpolizei Freiburg, deren verschiedene Abteilungen zusammenarbeiten müssen, sondern es wollen auch noch andere Dienste mitmischen: der BND und das BKA. Vielleicht sogar der CIA.

Endlich ein Krimistar: Oliver Bottini. Alle jubeln: Origineller, guter Plot, stimmige Sprache. Deutscher Krimipreis fürs Debüt. Und jetzt hat er eine Fortsetzung seines Romans „Mord im Zeichen des Zen“ geschrieben. Aber so gut wie der erste ist der zweite lange nicht. Zunächst der Plot: Der ist so verschachtelt und kompliziert aufgebaut, dass man die Verwicklungen kaum noch mitverfolgen kann. Man komme jetzt nicht damit, dass die Protagonistin, aus deren Perspektive das Ganze erzählt wird, selbst nicht durchsteigt. Oder dass das politische Leben eben so verwickelt ist. Das ist nur eine Ausrede.

Dann die Hauptpersonen. Die eigentlich nur eine ist: Louise Bonì, die Kommissarin. (Alle anderen spielen fast immer nur Stichwortgeber.) Bonì wird so stereotyp geschildert, dass es einem nach spätestens fünfzig Seiten reichlich auf die Nerven geht. Wie das jetzt im Kriminalroman Vorschrift ist, ist sie eine gebrochene Person, hat viele, viele persönliche Probleme, die seitenweise ausgebreitet werden und die mit dem Fall und der Handlung nicht das Geringste zu tun haben. Wie gesagt: Das ist inzwischen Vorschrift für den avancierten Kriminalroman.

Und so ist Bonì verantwortlich für den Tod eines Menschen, sie ist Alkoholikerin, bis ihr Chef sie beurlauben musste. Sie war dann einige Monate in einem Zen-Kloster und ist jetzt trocken. Zudem hat sie einen französischen Vater, den sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und gesprochen hat. Und sie hatte einmal einen Bruder, der vor vielen Jahre gestorben ist. Das ist alles ein bisschen viel auf einmal, kein Wunder, dass die Kommissarin ein wenig verstört ist. Und der Leser auch ein wenig verstört zurück bleibt. Denn es ist sehr wenig glaubhaft, wie Bottini das alles beschreibt. Er legitimiert noch jede unsinnige Wendung damit, dass Louise Bonì eben nicht recht durchblickt. Politisch nicht, kriminaltechnisch nicht und persönlich schon gleich gar nicht. Denn er versucht zwar, sie als eine sehr sensible Person zu schildern. Aber sie bleibt bei all dem Persönlichen, was man erfährt, trotzdem blass und blutleer. Das liegt an der so wenig sensiblen Sprache. Dazu später.

Natürlich ist der böse Ami schuld. Übrigens der böse Ami, dem sie vertraut, ohne überhaupt zu wissen warum. Ja, so sind die Amis, will uns Bottini sagen: Kaum traut man einem, ist er doch der Böse. Bis man sich bis dahin durchgewurschtelt hat, präsentiert Bo(tti)nì viele mögliche Antworten, viele Gerüchte, viele Informationen, die sich manchmal als bloße Irrtümer, falsche Schlussfolgerungen, manchmal aber auch als böswillige Desinformationen herausstellen. So ist halt das Leben: Keiner blickt durch, lernt man aus diesem Roman. Auch das ist ein wenig arg platt. Bonìs Fazit ist: „Hängt es nicht alles irgendwie zusammen?“ Tja, allerdings. Irgendwie.

Diese vielen inhaltlichen Unsicherheiten und Unklarheiten könnte man vielleicht noch verschmerzen, könnte den Roman als Durchgangsstation zum dritten, wieder in sich stimmigeren Roman werten. Aber da ist auch noch Bottinis Sprache. Weit entfernt davon, neu und frisch zu sein, wie manche Kritiker behaupten, ist sie über weite Strecken schablonenhaft wie die meisten Personen, wie ihr geheimnisvoller Retter und manche ihrer Kollegen. Viele von ihnen bleiben schemenhaft angedeutet, nebelig unklar, wie der mit einer Japanerin verheiratete Zen-Buddhist Richard Landen, mit dem sie so gerne schlafen würde und der über den Zen-Buddhismus auch nur Gemeinplätze von sich gibt. Wie redet Bonì von ihrer Sucht? Das sind immer „lauernde Dämonen“. Und zwar nicht nur einmal, sondern phrasenhaft immer gleich. Wer wirklich wissen will, wie man das Innere einer Alkoholikerin literarisch umsetzt, sollte A.L. Kennedys „Paradies“ lesen. Bei Bottini bleibt diese Facette von Louises Leben mehr als platt. Recht häufig versteigt er sich auch zu solchen Drewermann-artigen Gutmensch-Sentenzen: „Almenbroich hatte Recht. Obwohl sie sich so verändert hatte, blieb sie, was sie gewesen war.“

Im Schlussteil wiederholt Bottini alle paar Seiten, dass sowohl Bonì als auch ihr Kollege Thomas Ilic für die multinationale Arbeit am besten geeignet sind, weil sie selber multinational sind: sie französisch-deutsch, er kroatisch-deutsch. Selbst wenn das stimmen sollte, was bei gesundem Menschenverstand zu bezweifeln ist: Das hatte man längst schon beim ersten Mal verstanden, die ständigen Wiederholungen nerven gehörig. „Mal ist man deutsch, mal nicht“, heißt es ständig. So wie dieser unsinnige Satz sind viele seiner Bilder und Metaphern häufig abgedroschen und oberflächlich. So etwa, beim zufällig Aufschlagen gefunden: „Richard Landens Augen glühten. Er war unrasiert, trug Jeans und T-Shirt. Sie sah und spürte, dass er auf dem Sprung in ein neues Leben war. Aber der Abschied vom alten fiel ihm nicht leicht.“ Oder: „Ihre Schatten würden in ihr bleiben. Sie würde lernen müssen, mit ihnen zu leben.“ Das ist purer Befindlichkeitskitsch.

Bottini pflegt eine Stummelsprache, die den Leser immer weiter hetzt. Einen ruckartigen Holperstil, der kurz ist. Der treibt. Der das brüchige Leben anreißt. Das „musivische Dasein“ wiedergibt, das „Tablett voll glitzernder snapshots“, wie es Arno Schmidt mal genannt hat. Bottini verstärkt das Gehackte noch durch viele Absätze, die den Lesefluss weiter zerreißen. Das mag noch stimmig sein, um Bonìs zerhacktes Empfinden und ihr assoziatives Denken zu charakterisieren. Aber man merkt doch schnell, dass Bottini zu einem schwingenden Rhythmus und stimmigen Sprachbildern gar nicht fähig ist. Und das klingt bei ihm dann immer so: „Sie musste schmunzeln. Sie waren im selben Jahrzehnt kulturell geprägt worden, das schlug manchmal durch. Sie begann, sich sehr wohl zu fühlen. Die Musik vermittelte ihr ein Gefühl von Heimat.“ Da ist dann ganz schnell gar kein Gefühl mehr in der Sprache, keine Musik und keine Heimat.

Und immer wieder, mit einer stupiden Stereotypie, die den Leser nicht ernst nimmt, sondern ihn mit dem Holzhammer bearbeitet, verfällt Bonì in private Assoziationen, die wohl ihre große Sensibilität und ihre Verstörtheit andeuten sollen. So wie bei ihrem Besuch bei Landen: „Sie hielt das (Espressotässchen) am Rand, den Henkel hätte sie vermutlich abgebrochen. Sie tranken im Stehen. Niksch war da und nicht da. Vielleicht war die Erinnerung an ihn nur deshalb noch so schmerzhaft, weil sie ihn damals im Wald gefunden hatte. Weil sie ihn wenige Minuten, nachdem er gestorben war, in den Armen gehalten hatte. Wenn sie ihn nicht gefunden hätte, hätte sie sich auf eine andere, schönere Weise an ihn erinnert. Wenn sie ihn nicht in den Tod geschickt hätte. Aber sie hatte ihn nicht in den Tod geschickt. Sie hatte ihn nur gebeten, auf Taro aufzupassen.“ (Taro ist der Zen-Mönch im ersten Band, Niksch ein Polizist. Häufig wird derart etwas angerissen, was jemand, der den ersten Band nicht gelesen hat, gar nicht verstehen kann. Auch kein besonders gelungener Trick, die Leute zum Kaufen auch des ersten Bandes zu zwingen.)

So wie in dieser Passage fallen Bonì ihre Verstörungen, ihre Ängste, ihre Neurosen zwischendurch immer wieder ein, gerne bei einer Hetzjagd im Wald, wenn viel action angesagt ist. Oder in der Polizeistation. Oder im Auto. Immer wieder wird überdeutlich gesagt bzw. behauptet, dass Louise Bonì ganz besonders sensibel ist, dass sie deswegen tiefer blickt, dass sie genau deswegen so verstört ist und gegen ihre Dämonen kämpft wie sonst neimand. Und das ist nun ganz besonders platt und nervig.

Bottini gelingen immer mal wieder schöne Bilder, er hat Ansätze von Plots, die spannend und glaubhaft sind. Aber er hat, das beweist er in seinem zweiten Roman, keine Sprache, die dem Inhalt angemessen wäre, penetrant flüchtet er sich in Floskeln und Befindlichkeitskitsch, die die Ansätze von Lebendigkeit, von Glaubhaftigkeit, von Charakter immer wieder zerstören. Am Stil, an der Sprache muss er noch gehörig arbeiten, um ihnen die Schwülstigkeit austreiben. Dann wird aus der behaupteten Sensibilität seiner Hauptperson eine wirkliche, auch erzählerische.

Oliver Bottini: Im Sommer der Mörder.
Scherz Verlag. 460 S., 14,90 Euro.
ISBN 3-502-11000-x

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