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Joachim Feldmann: Die Revolution kam nie bis Peterborough

Posted by Dieter Paul Rudolph - 1. Juli 2009

Wie Kriminalromane mit der Gegenkultur der sechziger und siebziger Jahre umgehen

 „Here comes the cop, all dressed in blue, he’s after me, he’s after you”, sang der New Yorker Straßenmusiker und Drogenpropagandist David Peel im Jahr der Revolte 1968 (nachzuhören auf der Platte “Have a Marijuana”). Nein, das Verhältnis zwischen den Aktivisten der Gegenkultur der späten sechziger Jahre und den Hütern der staatlichen Ordnung war kein gutes. Während die einen Liebe, Frieden und Glück auf ihr Banner schrieben und an das Gute im Menschen glauben wollten, waren die anderen nicht davon abzubringen, dass es durchaus böse Zeitgenossen gibt, die man mit Gewalt davon abhalten muss, arglosen Mitmenschen ihre Habe abzunehmen und ihnen vielleicht sogar den Schädel einzuschlagen.

Leider war es schon damals nicht immer eindeutig zu bestimmen, wer denn der Böse und wer der Gute ist. Viele junge Menschen in den USA und anderen Ländern der westlichen Welt mochten nicht mehr daran glauben, dass man den armen Südvietnamesen zur Hilfe kommen musste, um sie vor der kommunistischen Bedrohung zu bewahren. Und es wirkte auch nicht sehr überzeugend, wenn bewaffnete Polizisten sie davon abhalten wollten, diese Skepsis öffentlich zu bekunden. Das Vertrauen in die staatlichen Institutionen war, wenn man so will, nachhaltig erschüttert. Zumal die Überzeugung, Verbrechen seien vor allem eine Folge der repressiven gesellschaftlichen Verhältnisse, immer mehr Anhänger fand.

Der traditionelle Kriminalroman tat sich naturgemäß schwer mit dieser Entwicklung, basierte er doch darauf, dass durch die Aufklärung einer Straftat die Ordnung wiederhergestellt wurde. Auch die harten amerikanischen Detektivromane der Hammett-Chandler-Schule waren, obwohl alles andere als staatsgläubig, nicht die rechte Antwort. Denn mit den Träumen der Hippies waren sie erst recht nicht kompatibel. Am ehesten ließ sich noch der Sozio-Krimi, wie er, inspiriert durch das schwedische Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö, vor allem in der Bundesrepublik Deutschland eine kurze, aber heftige Blütezeit erlebte, mit der Gesellschaftskritik der Protestgeneration vereinbaren. Selbst eine strukturell konservative Kriminalserie wie „Der Kommissar“ ließ wenig Gelegenheiten aus, den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Missständen und Verbrechen aufzuzeigen. Teil jener kriminalitätsfördernden sozialen Verhältnisse war allerdings für Kommissar Keller (Erik Ode) und seinen Erfinder Herbert Reinecker in nicht geringem Maße die Gegenkultur selbst. In Diskotheken lauerten skrupellose Drogendealer auf potentielle Opfer, und zu den Klängen von Black Sabbath, Iron Butterfly oder Jimi Hendrix mordete es sich offenbar besonders gut. Vor allem junge Frauen, die versuchten, in der Großstadt den beengten Verhältnissen ihres kleinbürgerlichen Elternhauses zu entkommen, wurden leicht zu Opfern der drogenvernebelten Scheinwelt. So endet eine von Sabine Sinjen dargestellte Provinzlerin in der berühmten Folge „Grau-roter Morgen“ (1971) erschossen neben ihrer Gitarre am Isarufer. Und auch dem jungen Paar, das sich durch Drogenschmuggel ein sorgenfreies Leben in einem griechischen Inselparadies finanzieren will („Mykonos“, 1972), wird zu spät klar, auf welch ein gefährliches Unternehmen es sich eingelassen hat. In dieser Episode geht es übrigens auch unfreiwillig komisch zu, wenn nämlich Fritz Wepper (alias Harry Klein) als Hippie verkleidet unter Drogenabhängigen in der Diskothek „Nirwana“  ermittelt.

Die Unbeholfenheit, mit der sich der junge Kriminalist im Milieu bewegt, könnte stellvertretend für die Art und Weise stehen, mit der sich der zeitgenössische Krimi, sei es als Film oder im Buch, der rebellischen Jugend näherte.

1973 veröffentlichte Ruth Rendell (damals Anfang 40) einen weiteren Roman ihrer, bis heute erfolgreichen Serie um den väterlichen Chief Inspector Wexford: „Some Lie and Some Die“ (dt. „Phantom in Rot“, 1977). Hintergrund der Handlung ist ein Rockfestival, das in der Nähe von Wexfords Einsatzort Kingsmarkham stattfindet. Detective Inspector Burden ist empört: „Warum hier? Warum müssen die alle hierher kommen? Es muss doch Tausende von Plätzen im ganzen Land geben, wo man so ein Spektakel abhalten könnte, ohne dass jemand zu Schaden kommt. Die Highlands zum Beispiel. Oder Dartmoor?“ Und er zögert auch nicht, die heranströmende Menge junger Leute mit jenen Nagetieren zu vergleichen, die einst ebenfalls einem Musikanten folgten. Aber da ist er bei Wexford an den Falschen geraten. Warum er nicht ein bisschen toleranter sein könne, will der Vorgesetzte wissen. Schließlich handle es sich doch nur um ein paar Kinder, die ihren Spaß haben wollen.

Einig werden sich die beiden nicht. Der misslaunige Burden fürchtet Vandalismus und Gewalt, während sich der verständnisvollere Wexford wünscht, wieder jung zu sein. Diese Haltung nützt ihm übrigens nichts, als er versucht, das junge Publikum von der Bühne aus zu bitten, bei allem Spaß die Rücksicht gegenüber den Anwohnern nicht zu vergessen. „Er war Polizist und das reichte. ‚Runter, runter, runter’, hatten sie geschrieen und ‚Bullen raus’.“

Die Verhältnisse sind klar, und auch tolerante Polizisten richten da wenig aus. Dann wird die Leiche gefunden. Eine junge Frau ist ermordet worden, die Nachforschungen beziehen natürlich die Festivalbesucher und auch einige der Musiker ein. Denn die Tote hatte offenbar eine Beziehung zur Hauptattraktion der Veranstaltung, einem charismatischen Sänger, der als Zeno Vedast auftritt. Ein selten blöder Name, den sich Ruth Rendell da ausgedacht hat, und auch ein ziemlich unsympathischer Typ. Zynisch und egozentrisch verkörpert er das Negativbild des Rockidols, wie man es bereits seit den späten Sechzigern kennt. „Love, Peace and Happiness“ sind eben doch nur Schlagworte, an die die naiven Fans glauben mögen. Den Protagonisten der Jugendkultur geht’s vordringlich ums Geschäft und um ihr Ego. Als ob es Burden, dessen Sohn zu den Verehrern des Stars gehört, nicht geahnt hätte. Welche unheilvolle Rolle Zeno Vedast im Zusammenhang mit dem Mordfall spielt, sei hier nicht verraten. Nur so viel: Der Täter ist er nicht.

Während Wexford als typischer Vertreter der liberalen Mittelschicht sich um Ausgleich mit den rebellischen Jugendlichen bemüht, durchaus in dem Wissen, dass seine Anstrengungen nicht selten fruchtlos bleiben, wird Burden, übrigens Witwer, als engstirniger Kleinbürger dargestellt, der vor allem Kontrollverlust befürchtet. Darunter leidet er, wie man am Umgang mit seinen  halbwüchsigen Kindern sieht, am meisten selbst. Im Grunde  genommen ist er es, der hier einer Art Lernprozess, angestoßen durch Wexford, unterzogen wird. (In späteren Romanen der Reihe ist die zunehmende „Humanisierung“ Burdens, auch durch den Einfluss einer neuen Lebenspartnerin, ständiges Them a.) Dass die Handlung des Romans letztendlich eher eine grundlegende Skepsis gegenüber der Popkultur anklingen lässt, bringt Wexford nicht aus dem Konzept. Als Burden gegen Ende die Vedast-Platte seines Sohnes zerbrechen will, hält ihn der väterliche Vorgesetzte zurück. Er traut der Jugend zu, selbst genügend kritische Distanz zu ihren Idolen zu entwickeln. So endet der Roman auf einer positiven Note und bestätigt im Grunde genommen eine Haltung, wie sie Teile des britischen Establishments schon in den sechziger Jahren auszeichnete, als  die Times  ihren berühmten Leitartikel zur Verteidigung der Rolling Stones, die damals wegen Drogenbesitz angeklagt waren, veröffentlichte. Der Kommentar trug die Überschrift (in Anlehnung an ein Alexander-Pope-Zitat): Who breaks a butterfly on a wheel?

All das ist mittlerweile Geschichte. Für heutige fiktive Ermittler gehört die Popkultur zu ihrer eigenen Sozialisation. So ist Ian Rankins Inspector Rebus ein bekennender Stones-Fan, der sich sogar neueren Tendenzen in der Rockmusik gegenüber aufgeschlossen zeigt. Nostalgische Gefühle lassen die Erinnerungen an die Jugendkultur der sechziger und siebziger Jahre allerdings kaum aufkommen. Eine gründliche Entmystifizierung nimmt beispielsweise Mark Timlin in seiner Kurzgeschichte „By Hendon Central Station I Sat Down and Wept” (1995) vor. Privatdetektiv Nick Sharman hat sehr private Motive, als er Allie Parker, einen alten Freund seines Bruders Bob, abholt, der nach 25 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird. Aber Bob ist tot, er wurde 1965 erstochen und Parker wegen dieser Tat verurteilt. Beide gehörten damals zu den Mods, man nahm Aufputschpillen, hörte The Who und die Small Faces und fuhr mit Motorrollern durch die Gegend. Natürlich ist Allie Parker unschuldig und auf Rache am wahren Täter aus. Aber auch dazu kommt es nicht mehr. Was am Ende bleibt, ist vor allem Trauer über eine verlorene Jugend, die konserviert als Schallplattensammlung in Allies altem Zimmer steht.

Auch in Peter Robinsons neuem Roman „Piece of my Heart“ (2006, noch nicht auf Deutsch erhältlich) ist die Vergangenheit zwar kein fremdes Land, aber als Sehnsuchtsort taugt sie ebenfalls nicht. Für den Rockjournalisten Nick Barber endet seine Beschäftigung mit der Geschichte der (fiktiven) Rockband The Mad Hatters sogar tödlich. Bis Chief Inspector Alan Banks diese Zusammenhänge erschließt, muss auch er ausgiebige kulturhistorische Studien betreiben. Am Ende klärt er sogar noch einen weiteren Mord auf, der 36 Jahre zuvor einen anderen Kriminalisten fast zur Verzweiflung getrieben hat. Stanley Chadwick nämlich ist im Herbst des Jahres 1969 damit betraut, das Verbrechen an einer jungen Frau zu klären, die während eines Rockfestivals erstochen wurde. Der Weltkriegsveteran macht sich zielstrebig an die Arbeit und schließt den Fall sogar, wie es scheint, erfolgreich ab.

Chadwick ist ein harter Kerl mit Prinzipien. Die Protestgeneration, zu der leider auch seine sechzehnjährige Tochter Yvonne gehört, versteht er einfach nicht, manchmal gruselt es ihn sogar. Banks ist in mancherlei Hinsicht das genaue Gegenteil. 1969 ist er College-Student in London und kommt mit der Gegenkultur in direkten Kontakt. Er sieht die berühmten Bands, diskutiert nächtelang mit seinen Mitbewohnern und zieht ab und an mal an einem Joint. Aber er bleibt ein Mitläufer. Und in seiner Erinnerung sind die Schrecken jener Zeit, der Mord beim Rolling Stones- Konzert in Altamont, die grauenhaften Taten von Charles Manson und seiner Bande, fast lebendiger als die idealistischen Träumereien.

Diese Sichtweise spiegelt sich in der Romanhandlung wider. Die alternative Wohngemeinschaft, in der Yvonne ein zweites Zuhause findet, beherbergt auch einen ausgesprochenen Psychopathen. Ihr Freund Steve entpuppt sich als einer jener Zeitgenossen, die die Parolen von der sexuellen Befreiung vor allem zu ihrem eigenen Vorteil interpretieren. Und dass es auch im Popgeschäft vor allem um Geld geht, beweist der schmierige Festivalveranstalter Rick Hayes, während der psychisch kranke Vic Greaves, vormals kreativer Kopf der Mad Hatters, eine beinahe tragische Figur abgibt. Hier hat sich Peter Robinson ausgiebig bei der Biographie des im Sommer 2006 verstorbenen Pink Floyd-Mitbegründers Syd Barrett bedient.

Dass viele Versprechen der Gegenkultur nur schöner Schein waren, daran lässt dieser Roman also keinen Zweifel. Aber er stellt auch nicht das Recht der Jugend in Frage, ihre persönlichen Freiräume zu erobern. Das Verhältnis zwischen den Generationen, das in den sechziger und siebziger Jahren fast ausschließlich gesellschaftlich interpretiert wurde, erscheint wieder als Angelegenheit von Kindern und Eltern. Der oberflächlich entspannte Umgang, den Banks mit seinem erwachsenen Sohn pflegt, ist nur eine Variante dessen, was möglich ist. An dem Schicksal der Zeugin Kelly Soames, die von ihrem Vater wegen eines amourösen Abenteuers fast tot geschlagen wird, zeigt sich, dass sich die Gesellschaft nur in manchen Bereichen geändert hat. Aber das ist Banks eigentlich schon lange klar. Ein Indiz ist für ihn, dass der Song „Release me“ des Schnulzensängers Engelbert Humperdinck im Jahre 1967 verhinderte, dass „Strawberry Fields Forever“ Platz 1 der Hitparade erreichte. Und warum das so war, ist für ihn, der im provinziellen Peterborough aufwuchs, keine Frage.

 

Literatur:

 Gerald Grote: Der Kommissar. Der TV-Klassiker – Die Serie und ihre Folgen. Berlin 1999.

Ruth Rendell: Some Lie and Some Die. An Inspector Wexford Mystery. London 1973.

Peter Robinson: Piece of my Heart. A Chief Inspector Banks Novel. London 2006.

Mark Timlin: „By Hendon Central Station I Sat Down and Wept”. In: Maxim Jakubowski: No Alibi. Manchester 1995. pp.273ff.

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