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Joachim Feldmann: Reginald Hill als Krimikünstler

Posted by Dieter Paul Rudolph - 30. Juni 2009

„Now me, I’m a blunt Scottish lad by birth, a blunter Northcountryman be domicile.“ Andrew Dalziel (“A Clubbable Woman“. 1970)

Vor einiger Zeit machte sich Dieter Paul Rudolph in seinem (äußerst empfehlenswerten) Weblog “Watching the Detectives“ über den zweiten Kriminalroman von Jan Seghers a.k.a. Matthias Altenburg, „Die Braut im Schneebett“, her. Durch eine gezielte Analyse der ersten Zeilen des Buches  versuchte er dessen sprachliche Unzulänglichkeit nachzuweisen. Altenburg retournierte prompt auf seiner eigenen Website: dpr habe ja nicht einmal bemerkt, dass er, Altenburg-Seghers, hier den berühmten Auftakt zu Kafkas berühmter Erzählung „Die Verwandlung“ paraphrasiere. So what, mag da mancher diesen Fall intendierter Intertextualität kommentieren. Wenn’s dem Autor Spaß macht, soll er doch auf jeder Seite seines Romans Anspielungen für das gelehrte Publikum unterbringen. Bleibt doch immer die Frage: Was gewinnt ein literarischer Text, vor allem wenn er einem populären Genre entstammt, durch den offensichtlichen Bezug auf kanonisierte Werke der Literaturgeschichte?

 Vergnügliche Erkenntnis

 „It was the best of time, it was the worst of times“. Der Anfang von Charles Dickens Roman “A Tale of Two Cities” (1859) gehört zu den berühmtesten Eingangszeilen der Weltliteratur. Anapher und Antithese zugleich lädt der Satz förmlich zur Anverwandlung ein. So beginnt Simon Schama sein Vorwort zur Everyman-Ausgabe des Romans mit den Worten: It has the best of Dickens  and the worst of Dickens. Denn „A Tale of Two Cities” genießt bei weitem nicht den Ruf anderer Werke des großen Romanciers. Beim Lesepublikum ausgesprochen beliebt, wurde es von der Literaturwissenschaft eher skeptisch beäugt. Der Plot zu krude, die Figuren zu edel oder zu böse: es gab einiges auszusetzen. Dabei liest sich die Geschichte des versoffenen englischen Anwalts Sidney Carton, der seinem Leben einen Sinn gibt, indem er es für einen französischen Edelmann auf der Guilloutine opfert, auch heute noch ausgesprochen gut, was natürlich nicht zuletzt der sprachlichen Gestaltungskraft von Meister Dickens geschuldet ist.

(Die komplizierte Handlung des Romans zu referieren, würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Soviel sei gesagt: Es geht um drei Familien, die deren Geschicke auf tragische Weise ineinander verstrickt sind. Einst erlittenes Unrecht produziert Rachegelüste, die auch auf vollkommen Unschuldige zielen. Die Wirren der französischen Revolution geben den geeigneten Rahmen für das Geschehen ab. Übrigens spielt die Erinnerung eine zentrale Rolle, was, und hier greife ich vor, eines der Motive Reginald Hills gewesen sein mag, dem Dickens-Klassiker eine zentrale Rolle in dem hier vorzustellenden Kriminalroman zuzuweisen.)

Wenn also Reginald Hill im Jahr 1992 seinen dreizehnten Roman über das ungleiche Ermittlerpaar Andrew Dalziel und Peter Pascoe nicht nur nach dem ersten Buch von „A Tale of Two Cities“ benennt, nämlich „Recalled to Life“ (dt. „Ins Leben zurückgerufen“, 2004), sondern auch sämtlichen Kapiteln Zitate aus dem Roman voranstellt, stellt sich nicht nur die Frage nach weiteren Parallelen, sondern auch, ob es einen nachvollziehbaren Grund für diese Art literarischer Spielerei gibt. Und zwar einen Grund, der mehr ist als das Motiv, literaturgeschichtlich bewanderten Lesern Vergnügen zu bereiten.

 

Verbrechen und Tradition – der letzte Mord des „Goldenen Zeitalters“

Im Mittelpunkt der polizeilichen Aufklärungsarbeit steht in „Recalled to Life“ ein Verbrechen, das zum Zeitpunkt der Handlung beinahe drei Jahrzehnte zurückliegt. Damals, es war 1963, im Jahr des Profumo-Skandals, wurden der britische Aristokrat Sir Ralph Mickledore und das amerikanische Kindermädchen Sissy Kohler, seine angebliche Geliebte, des gemeinschaftlichen Mordes an der Ehefrau von Mickledores Freund James Westropp überführt, zu der der Beschuldigte ebenfalls ein amouröses Verhältnis unterhielt. Der Mord fand auf dem Landsitz Mickledores statt, ein Verbrechen wie aus einem Agatha-Christie-Roman. Die Ermittlung leitete Detective Superintendent Walter Tallantire, unterstützt von einem jungen Kriminalbeamten namens Andrew Dalziel.

Mickledore wurde die Ehre zuteil, sein Leben bei der letzten Hinrichtung in Großbritannien zu lassen, während Sissy Kohlers zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Als sie nach fast 30 Jahren entlassen wird, nimmt sich ein amerikanischer Journalist ihrer an, fest entschlossen, ihre Unschuld zu beweisen. Dies ruft auch Dalziel auf den Plan, der nichts unversucht lassen wird, die Ehre seines lange verstorbenen Lehrmeisters Tallantire zu bewahren.

Weitere handlungsbeeinflussende Kräfte sind die zum Zeitpunkt des Verbrechens anwesenden Herrschaften und deren Nachkommen, diverse Geheimdienstmitarbeiter und natürlich Dalziels Sidekick Peter Pascoe, den eine ganz persönliche Beziehungs- und Familienkrise umtreibt. Wie die Sache ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten, so viel sei nur gesagt: Es ist nichts so, wie es aussieht.

  

Sprachlicher Witz

„It was the best of crimes, it was the worst of crimes“, schon bei der Lektüre der ersten Zeilen von „Recalled to Life“ schmunzelt der Literaturkenner, und dieses Schmunzeln steigert sich zu einem wissenden Lächeln, wenn der Autor bis in einzelne Formulierungen hinein die Einleitung des klassischen Werkes umarbeitet und dabei der angelsächsischen Lust am Wortspiel freien Lauf lässt. Wie das geht, möchte ich Ihnen gerne an einigen Beispielen vorführen:

Heißt es bei Dickens: „It was the season of Light, it was the season of Darkness“, scheint es, als ob hier schon die Dialektik der Aufklärung, wie sie sich in den Greueln der französischen Revolution manifestierte, antizipiert sei. Und da, wie wir wissen, die klassische Detektivgeschichte der Vorstellung, mit logischer Deduktion dem Verbrechen zu Leibe rücken zu können, viel zu verdanken hat, zeigt sich bereits hier ein Zusammenhang, der über Parallelen im Plot hinausweist.

Reginald Hill klammert sich hier allerdings nicht an sein Vorbild, sondern benutzt das sprachliche Muster, um mit einem kleinen Ausflug in die populäre Kultur den Wandel Britanniens in den sechziger Jahren zu illustrieren. „Dixon of Dock Green was giving way to Z-Cars, Bond to Smiley, Matt Dillon to Bob Dylan, l.s.d. to LSD, as the sunset glow of the Golden Age imploded into the psychedelic dawn of the new Age of Glitz.”

“Dixon of Dock Green“ war der archetypische freundliche Bobby, Held einer langlaufenden Krmiserie (1955 – 1976) vielleicht am ehesten mit unserem „Großstadtrevier“ vergleicbar. Mit „Z-Cars“ hielt 1962 der soziale Realismus Einzug in die vormals heile Welt. Zu Bond und Smiley muss man hier wohl nichts weiter sagen, und auch Matt Dillon, der Sheriff aus „Gunsmoke“ (Rauchende Colts), der am längsten laufenden Westernserie alle Zeiten, dürfte allen hier bekannt sein. Schwieriger ist wohl das „l.s.d.“ zu interpretieren (die Übersetzerin hat es schlicht ignoriert), die drei Kleinbuchstaben dürften einfach für die drei Einheiten des alten britischen Währungssystems Pfund, Schilling, Pence stehen, die 1971 dem Dezimalsystem weichen mussten.

Allerdings müsste man hier bereits stutzig werden. Wieso sollte das „Jahr des Herrn 1963“ durch eine Währungsreform, die beinahe ein Jahrzehnt später stattfand, charakterisiert werden? Und schaut man genauer hin, entdeckt man noch mehr Fragwürdigkeiten, die allerdings dazu geeignet sind, Hills wahre Meisterschaft zu illustrieren.

 

Doppeltes Vergnügen

 

Beginnen wir mit „Dixon of Dock Green“ und „Z-Cars“. Beide Serien werden in der englischen Fernsehgeschichtsschreibung gerne als repräsentativ für bestimmte Zeitabschnitte gesehen. Dixon, der väterliche Schutzmann, hielt sein wachsames Auge über eine Welt, die noch in Ordnung war, während sich die Polizisten aus „Z-Cars“ mit der „harten Realität“ auseinanderzusetzen hatten. Interessanterweise beharrte Ted Willis, der Autor von „Dixon“ darauf, dass seine Drehbücher ebenso realistisch seien.

Wenn man nun die Laufzeiten beider Serien vergleicht, sieht man, dass sie beinahe parallel ausgestrahlt wurden: „Dixon of Dock Green“ von 1955 bis1976 und „Z-Cars“ von 1962 bis 1978. Dennoch hält sich eine Vorstellung, wie sie auch die Einleitung unseres Romans suggeriert: „Dixon“ gehört in noch in die Zeit der Unschuld vor 1963, „Z-Cars“ hingegen zeigt ein England, das nach dem Profumo-Skandal bis in seine Grundfesten erschüttert ist (und bereit für die Kulturrevolution der späten Sechziger). Die damaligen Fernsehzuschauer waren offenbar anderer Meinung: 1965, beide Shows liefen bereits drei Jahre parallel, betrug die Einschaltzahl für „Dixon“ noch satte 11.5 Millionen.

Und was die anderen Beispiele betrifft: 1963 hat James Bond als Filmheld noch seine besten Zeiten vor sich. George Smiley war erst zwei Jahre zuvor in „Call of the Dead“ („Schatten von gestern“) erstmals in Erscheinung getreten und wurde erst in den achtziger Jahren durch die Verfilmungen mit Alex Guinness zu einem „household name“.

Was also ist in Reginald Hill gefahren, einen der bekanntesten Romanauftakte der Weltliteratur in ein Wortspiel mit fragwürdigen Poptrivia zu verwandeln? Nun, indem er den Autor der besagten Zeilen selbst im Roman auftreten lässt, wird ihr Gehalt bereits relativiert. Es handelt sich um einen Journalisten namens William Stamper, der übrigens als kleiner Junge bei dem Verbrechen im Jahre 1963 anwesend war. Stamper ist Verfasser einer Serie von Radiofeatures unter dem Titel „Das Goldene Zeitalter des Mordes“, einer Art „True Crime“-Show im Agatha-Christie-Stil. Als aus den Rundfunksendungen ein Buch wird, fehlt übrigens eben jenes  Schlusskapitel, das dem Mord auf Mickledore-Hall gewidmet war. Wie gesagt, spielen auch Geheimdienste in „Recalled to Life“ keine geringe Rolle. Nun gilt das letzte Kapitel einem Mordfall beim Pferderennen in Chester aus dem Jahre 1961. Es beginnt aber nach wie vor mit den Worten: „Es war das beste Verbrechen, es war das schlimmste Verbrechen“, ein Umstand, den Hills Erzähler auf einer der letzten Seiten des Romans wie folgt kommentiert: „… was ein Beweis dafür war, dass ein Schriftsteller bei seiner verzweifelten Suche nach Veröffentlichung alles opfert außer einer schönen Formulierung.“  Dies ist übrigens auch die letzte von vielen Sottisen über die Schriftstellerei und den Literaturbetrieb, die immer wieder eingestreut werden.

Reginald Hill gelingt also in „Recalled to Life“ das Kunststück, eine bissige Hommage an den Detektivroman des „Goldenen Zeitalters“ zu verfassen und gleichzeitig indirekt lieb gewonnene Vorurteile über dieses Genre zu zerstören. Dabei ist seine Art der Genrepflege postmodernen Anverwandlungen und Dekonstruktionen allein deshalb überlegen, weil er eine veritable Kriminalhandlung von eigenem Format um den „klassischen“ Fall herumbaut. „Ins Leben zurückgerufen“ wird in dieser Hinsicht eben nicht nur die tragische Figur Sissy Kohler, sondern auch ein ganzes Genre.

Und der Bezug auf „A Tale of Two Cities“? Sowohl am Handlungsaufbau wie auch an einzelnen Passagen ließe sich zeigen, dass Dickens’ Klassiker Reginald Hill sowohl zur Parallelisierung als auch zur Abgrenzung dient. Allein über die Figur des Spions, wie sie in beiden Büchern dargestellt wird, könnte man noch so manches Wort verlieren, aber das möchte ich mir an dieser Stelle sparen.

 

Warnung

Nur noch ein Hinweis: Wer Romane von Reginald Hill ins Deutsche übersetzt, muss sein Handwerk exzellent beherrschen. Und dies nicht nur, weil die Wortwahl des Autors es manchmal selbst für Kenner der Sprache ratsam erscheinen lässt, zumindest das „Shorter OED“ griffbereit zu haben. Xenia Osthelder, die „Recalled to Life“ übersetzt hat, scheint dieser Aufgabe nicht immer gewachsen gewesen zu sein. Dass sie Bob Dylan mit i und Doppel-l schreibt, ist wohl als Gag gedacht. Beunruhigender finde ich ihre Neigung, gelegentlich Fußnoten einzustreuen, um Anspielungen zu erklären. Denn leider tut sie das oft nicht, wo es notwendig wäre. Und manchmal trägt sie zur Leserverwirrung bei. Wenn es im Original heißt: „This mysterious visitor were probably the man from the Pru”, was wohl nicht mehr heißt, als dass es sich vermutlich um einen Versicherungsvertreter (der Prudential) gehandelt hat, wartet Frau Osthelder mit der Fußnote auf, „The Man from the Pru“ sei ein Film. Das stimmt sogar, es gibt einen True-Crime Film aus dem Jahre 1989, der einen Mord aus dem Jahre 1931 dramatisiert. Aber der hat, soweit ich es sehe, mit dem vorliegenden Roman und seiner Handlung überhaupt nichts zu tun. Also: Nicht alles, was ein kluger Autor wie Reginald Hill schreibt, ist eine Anspielung. Und seine Romane sind, bei aller Kunstfertigkeit, eben durch und durch Kriminalromane. Was auch gut so ist.

 Joachim Feldmann

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