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Joachim Feldmann: Ermittlungen in einer heillosen Welt

Posted by Dieter Paul Rudolph - 30. Juni 2009

Christopher J. Sansoms historische Kriminalromane

Während er in einer ebenso wichtigen wie delikaten Mission unterwegs ist, wird ein hoher Regierungsbeamter auf grausame Weise ermordet. Sein Auftraggeber ist naturgemäß ausgesprochen beunruhigt, also schickt er einen weiteren Vertrauten an den Ort des Verbrechens. Dessen Nachforschungen fördern, obwohl sich der Kreis von Zeugen und Verdächtigen als wenig auskunftsfreudig erweist, manche Merkwürdigkeit zu Tage. Ein weiterer Mord geschieht, und die Anzeichen mehren sich, dass hier ein ebenso raffinierter wie skrupelloser Täter am Werke ist.

Doch die Wahrheit ist, wie der Ermittler zum Ende herausfinden muss, erheblich komplizierter, als es zunächst scheint. In welcher Hinsicht, das sei hier nicht verraten. Es tut auch wenig zur Sache und würde höchstens künftigen Lesern die Lektüre verderben. Schließlich handelt es sich bei diesem Kriminalroman um ein ausgesprochen clever konstruiertes Exemplar einer Spielart des „Whodunnit“, wie sie vor allem von Autorinnen in der Agatha Christie-Nachfolge gepflegt wird.

Bemerkenswert ist der erste Roman des englischen Historikers und Juristen Christopher J. Sansom allerdings aus anderen Gründen. Damit ist zunächst nicht der Umstand gemeint, dass er im Jahre 1537 spielt. Schließlich erfreuen sich historische Krimis derzeit großer Beliebtheit, so dass es viele Autoren reizt, dem Modell des klassischen Detektivromans durch eine entsprechende Kostümierung und die jeweils passende Kulisse zu neuer Attraktivität zu verhelfen. Nicht selten ist das Ergebnis entsprechend. Sansom hingegen begegnet der Gefahr des lächerlichen Anachronismus, indem er das Genre des historischen Romans ebenso ernst nimmt wie den Kriminalroman. Was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass der zu Anfang skizzierte Plot praktisch nichts über das Buch verrät, dem er zugrunde liegt.

„Dissolution“, der schlichte Originaltitel des Romans, verweist zum einen auf die, im Auftrag Heinrichs VIII nach seinem Bruch mit der römischen Kirche betriebene, Auflösung der Klöster, kann andererseits aber auch für den Zustand eines Landes stehen, dessen gesellschaftliche und religiöse Ordnung sich im Umbruch befindet. (Über den Titel der deutschen Übersetzung, „Pforte der Verdammnis“, muss man kein weiteres Wort verlieren.) Der Rechtsanwalt Matthew Shardlake ist ein begeisterter Anhänger der Reformation, seit er die Schriften des Erasmus von Rotterdam studiert hat. Die katholische Kirche erscheint ihm als eine macht- und geldgierige Krake, die sich in alle Bereiche des menschlichen Lebens mischt und ihre Subjekte in religiöser Unmündigkeit verharren lässt. Dass er während seiner Erziehung in einer Klosterschule nicht gerade gute Erfahrungen mit den Mönchen gemacht hat, kommt hinzu. Shardlake leidet seit seiner frühen Kindheit unter einer Deformation seines Oberkörpers, einem sogenannten Buckel, der ihn im abergläubischen 16. Jahrhundert zum Außenseiter macht. Dass er überhaupt studieren konnte, verdankt er dem Vermögen seines landbesitzenden Vaters.

Die juristische Karriere des rhetorisch begabten Anwalts verläuft im Windschatten eines anderen, weitaus erfolgreicheren Aufsteigers, bei dem es sich übrigens um eine historische Figur handelt: Thomas Cromwell, Sohn eines Brauers und Dorfschmieds, ist es gelungen, einige der einflussreichsten politischen Positionen im Reiche Heinrichs VIII zu erlangen. Der überzeugte Reformator nimmt als Lordkanzler und Generalvikar eine Schlüsselstellung bei der Umgestaltung des Landes im Sinne des neuen Glaubens ein. Dass er es auf diese Weise nicht nur zu einem Adelstitel, sondern auch zu erheblichem Reichtum bringt, versteht sich. Dies hat er mit seinem Souverän gemein, der die Auflösung der Klöster weniger aus religiösen, denn aus materiellen Motiven veranlasst hat.

Auch seinem Gefolgsmann Shardlake geht es nicht schlecht. Der Junggeselle bewohnt ein großes Haus in London, das, zur damaligen Zeit ein unerhörter Luxus, sogar über Glasfenster verfügt. Doch die Geldgier seiner unmittelbaren Umgebung ist ihm als idealistischem Vertreter reformatorischer Prinzipien fremd. Seine naive Überzeugung geht so weit, dass er nicht erkennen will, welch niedrige Beweggründe hinter manch religiös begründeter Maßnahme stehen. Allerdings ist Shardlake sich selbst gegenüber ehrlich genug, diese Verblendung zu konstatieren, als die Beweislast erdrückend wird. Denn tatsächlich ist es seine eigene Ermittlungsarbeit, die Stück für Stück zerstört, woran er jahrelang geglaubt hat.

Schon aus diesem Grunde war es eine gute Entscheidung des Autors, seinen Ermittler selbst erzählen zu lassen. Als überzeugter Protestant in der Selbsterforschung geübt, berichtet Shardlake ungeschönt von seinen Ängsten und Zweifeln. Und die werden eben größer, je näher er der Wahrheit kommt, auch wenn er durchaus Freude an seinem detektivischen Gespür empfindet. „Ich hatte mich an die Spinnweben meiner Illusionen geklammert, wie die Welt beschaffen sei, doch kaum waren sie zerrissen, schien mir an die Stelle des Zerrspiegels einer aus klarem Kristall getreten zu sein“, heißt es beispielsweise kurz vor Ende des Buches. Doch dieses Hochgefühl der Erkenntnis ist nicht von Dauer, sondern macht schon bald wieder einer tiefen Verzweiflung Platz. Denn hinter dem Mord, zu dessen Aufklärung ihn Thomas Cromwell in ein Benediktinerkloster an der Küste der Grafschaft Sussex geschickt hat, steckt ein Motiv, das seinen Auftraggeber, und damit auch den König, zutiefst diskreditiert und das deshalb keinesfalls an die Öffentlichkeit gelangen darf.

Gerechtigkeit, das muss Shardlake immer wieder erfahren, ist nie ganz zu haben. In „Dark Fire“ (dt. „Feuer der Vergeltung“), dem im Jahre 1540 spielenden, zweiten Band der Reihe, ermöglicht ihm Cromwell mittels seines Einflusses, Nachforschungen anzustellen, um ein zu Unrecht des Mordes beschuldigtes Mädchen vor dem sicheren Tod zu bewahren. Doch diese Gunsterweisung ist nicht kostenlos. Der mächtige Mann schickt ihn auf die Suche nach dem sagenumwobenen „griechischen Feuer“, einer Wunderwaffe, die Englands Streitmacht stärken soll. Cromwell selbst hofft, so seine Stellung am Königshof zu stabilisieren. Er droht nämlich in Ungnade zu fallen, weil ihn Heinrich für seine unglückliche vierte Eheschließung mit der wenig attraktiven deutschen Prinzessin Anna von Kleve verantwortlich macht. Wie man in den Geschichtsbüchern nachlesen kann, müssen alle Bemühungen Cromwells fruchtlos geblieben sein, denn im Juli des Jahres wird er hingerichtet.

Natürlich handelt es sich bei den Bemühungen, des „griechischen Feuers“ habhaft zu werden, um eine Erfindung des Autors. Der tatsächliche Anlass für die plötzliche Verhaftung und Hinrichtung Cromwells ist ein Gegenstand historischer Debatten. Sansom nutzt diese „Lücke“ in der Geschichtsschreibung für seine Romanhandlung. Und er tut dies wiederum auf eine Weise, die sowohl dem Krimigenre als auch dem historischen Roman gerecht wird. Matthew Shardlakes Ermittlungen finden unter erheblichem Druck statt. Denn während er versucht, durch die Überführung des wahren Schuldigen ein Menschenleben zu retten, gestaltet sich die Suche nach der Wunderwaffe hochgradig gefährlich. Cromwell hat einen mächtigen Gegenspieler, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. So ist es nicht selten die pure Angst, die dem unfreiwilligen Detektiv im Nacken sitzt. Das weiß kaum jemand besser als sein Auftraggeber. Als Shardlake ihn fragt, warum gerade ihm diese Aufgabe zugedacht sei, erhält er unter anderem folgende Antwort: „[…] weil Ihr mich viel zu sehr fürchtet, als mich zu enttäuschen.“ Allein, hier ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Denn so weit geht Sansoms erzählerische Fantasie nicht, dass er den Lauf der Geschichte umschreiben würde. Die Machtverhältnisse wandeln sich, und damit auch die Erfolgsaussichten kriminalistischer Untersuchungen. Während der Gerechtigkeit im Kleinen ein unerwarteter Sieg vergönnt ist, bleiben andere Verbrechen ungesühnt, obwohl Shardlake um die Wahrheit weiß.

Das Licht der Aufklärung, das, wie man weiß, ja auch große Schatten wirft, ist noch fern in Christopher J. Sansoms historischen Kriminalromanen. Matthew Shardlake verfügt über ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und einen bemerkenswerten Spürsinn, doch er bleibt ein Kind seiner Zeit. So ist ihm zwar durchaus bewusst, dass die Folter kein wirklich geeignetes Instrument ist, um die Wahrheit herauszufinden, dennoch läge es ihm fern, ihre generelle Berechtigung anzuzweifeln. Denn die Welt ist schlecht und Gottes Wille, wie Shardlake erkennen muss, für die Mächtigen eine Sache der Interpretation. „Mal sehen, ob wir ein wenig Ordnung in diese böse Welt bringen können“, bemerkt er am Ende von „Dark Fire“ zu seinem Gefährten Jack Barak und ist damit ganz nahe bei G. K. Chesterton, der den Sinn der Detektivliteratur zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie folgt definierte: „Indem sich diese Literatur mit den schlaflosen Wachtposten auf den Vorposten der Gesellschaft befasst, erinnert sie uns daran, dass wir in einem bewaffneten Lager leben und gegen eine chaotische Welt Krieg führen müssen, dass die Verbrecher die Kinder des Chaos, Verräter in unseren eigenen Reihen sind“. Was aber tut man, wenn ein solcher Verräter, wie Shardlake in seinem dritten Fall „Sovereign“ erfährt, an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie steht und eine Revolution undenkbar ist?

Solche Aporien erzählend erfahrbar zu machen, ist das ästhetische Verdienst von Sansoms Romanen. Dass sich dabei wieder einmal die narrative Potenz des unverwüstlichen Whodunnit-Musters erweist, nimmt man dabei fast staunend zur Kenntnis.

 

Christopher J. Sansom: Pforte der Verdammnis. Aus dem Englischen von Irmengard Gabler. Frankfurt am Main 2004. (Originaltitel: Dissolution. London 2003)

Christopher J. Sansom: Feuer der Vergeltung. Aus dem Englischen von Irmengard Gabler. Frankfurt am Main 2005.

(Originaltitel: Dark Fire. London 2004)

Christopher J. Sansom: Sovereign. A Matthew Shardlake-Mystery. London 2006. (noch nicht übersetzt)

G. K. Chesterton: Verteidigung der Detektivgeschichte. In: Ders.: Das Gold in der Gosse. Plädoyers. Stuttgart 1986

Joachim Feldmann

(Erstveröffentlichung: Krimijahrbuch 2008. NordPark Verlag)

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