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Tunnelblicke auf Kriminalität (2008)

Posted by piekebiermann - 29. Juni 2009

Auszug aus dem Vorwort zu DER ASPHALT UNTER BERLIN, Kriminalreportagen (Pendragon 2008)

Der öffentliche Blick auf Kriminalität ist ein Tunnelblick.  Man kann ihn sich, grob verknappt gesagt, vorstellen wie eine Doppelröhre – die eine Röhre ist die Dritte Gewalt, die andere die Vierte Gewalt. Also Justiz und Presse. Beide arbeiten täterzentriert.
Im rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren muss die Schuld des Täters zweifelsfrei nachgewiesen werden. Dazu gehört einerseits, dass die anklagende Staatsanwaltschaft (und damit die Polizei) immer auch ermittelt, was gegen den Tatverdacht sprechen könnte, und andererseits, dass den Lebensumständen und Befindlichkeiten des Täters jeder nötige Raum gegeben wird. Das ist oft unerträglich für die Opfer. Sie kommen nur am Rande vor, als Material für die Wahrheitsfindung. Aber es ist dennoch gut so.
Die freie Presse operiert auf einem immer rigoroseren Markt.  Dessen oberstes Gesetz, verschärft durch die Allgegenwart digitaler Informationsströme, heißt: Sei der Erste mit dem attraktivsten Angebot!  Die Vierte Gewalt heute ist auch nicht mehr „die Presse“, sondern verschiedene Medien, aber der Druck trifft alle Redaktionen – Print, Radio, Fernsehen, Online. Unterschiedliche Qualität hängt nicht vom Medium ab, sondern einerseits von der Zeit, die es sich leistet, seine Journalisten eine Nachricht recherchieren und formulieren zu lassen, und andererseits von dem, was seine Kundschaft (mutmaßlich) attraktiv findet. So wie der Verriss eines Kunstwerks leichter ist als das Lob, so sind, wenn’s um Kriminelles geht, Täter die leichtere Übung: „Böses“ zieht immer, Negativschlagzeilen sind sexier, Bilder schnell zu haben, die Stories mindestens vor-recherchiert (von der Polizei) oder sogar ausermittelt (bei Prozessberichten). Das ist womöglich noch unerträglicher für die Opfer. Sie kommen auch hier nur am Rande vor, in gewissen Medien als Material für die Profitmaximierung. Und das ist gar nicht gut so.
Es prägt nämlich nicht nur den privaten Blick auf Kriminalität – so kommt es zum Beispiel, dass alte Menschen am seltensten Opfer von Jugendgewalt werden, sich aber ständig davon bedroht fühlen -, auch seriöse Medienmacher sind gegen den verengten Blick nicht gefeit. Denn nach dem Prinzip bad news is good news arbeitet selbst die edelste journalistische Disziplin: investigative journalism. Der Jagdinstinkt, der lange Atem beim Pirschen, Sorgfalt, Engagement und Intensität der Investigation sind – unbewusst und sicher ungewollt – auf eine Dimension fokussiert: Wo ist der Dreck, der verborgen war oder bleiben soll? Das Negative ist das erregende Skandalon. Das Positive langweilt. Obendrein kommt der Ruf danach meistens aus ideologisch suspekten Kreisen. „Wo bleibt das Positive, Herr Kästner?“ Herr Kästner hat seinerzeit lakonisch gekontert: „Ja, wo bleibt es denn?“
Die Kriminalreportagen in „Der Asphalt unter Berlin“ funktionieren genau andersrum. Enthüllungen zu Taten und Tätern sucht man hier vergeblich. Es geht um all die anderen, die beteiligt sind an der Sorte sozialer Interaktion, die wir Kriminalität nennen. Diese Reportagen sind auf die anderen Dimensionen fokussiert: Wo sind die Überlebensbrocken, die auch in die gesellschaftliche narration gehören, aber kaum je einfließen dürfen? Wo in all dem erlebten Schrecklichen steckt das Humane, das aus dem lähmenden Schrecken und zurück ins Leben führen kann? Sie investigieren nach dem Prinzip Hoffnung.

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