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Nachruf Robin Cook aka Derek Raymond (1994)

Posted by piekebiermann - 29. Juni 2009

DEAD MAN UPRIGHT

Robin Cook (alias Derek Raymond) ist tot

Für Leute, die er für indiskutabel hielt, fand er 1992 in einem Brief die Formel: „No Jever for them!“ Den Kulturbetrieb in Gestalt prätentiöser Podien mit spitzfingrigen Diskursen und den hochgezogenen Augenbrauen der Ahnungslosigkeit verließ er nach ein paar Minuten gelangweilt, das Päckchen Gauloises-ohne in der Hand, ein charmant-bestimmtes: „I’m dying for a beer!“ auf den Lippen. Damit war der Fall für ihn erledigt, er hatte die Zeit zurückerobert für die wenigen wirklich wichtigen Dinge – das Leben, das Schreiben, die Liebe, den Tod. Die nahm er ernst. Sehr ernst. Keine Chance für all die Frivolitäten der letzten Moden, heißen sie nun Simulationstheorie oder virtual reality, Postmoderne oder Psychopathenkiller-Kitsch.
Geboren wurde Robert William Arthur Cook 1931 in London als Sohn „feiner Leute“, jedenfalls väterlicherseits. Seine Mutter allerdings hatte den Textilfabrikanten Cook nach einem ziemlich bewegten Leben geheiratet – quer durch die Tingeltangel von Europa, mit der polnisch-deutsch-jüdischen Mama. Der Sohn kam, of course, nach Eton, von wo er mit siebzehn türmte. Ab da lief sein „Klassenverrat“, oder in seinen Worten: „Ich hab mein Leben lang die Leiter nach unten genommen.“ Er schlug sich durch und herum, lernte die Londoner Gangsterwelt (als Taxifahrer, Türsteher, Kurier) und das britische Militär (zwangsweise) von innen kennen, verschob Autos und Plattenspieler in Spanien, berichtete für den Standard vom Algerienkrieg, baute in Italien Wein und Öl an, streunte durch Tanger und Paris und New York. Und schrieb, wie er es gewollt hatte, seit er elf war. Zunächst böse, bissige social satire. Dann verschwand er sehr lange in the middle of nowhere, vermutlich im Zentralmassiv. Als er wieder auftauchte, hatte er die Form gefunden, die ihn in Frankreich sofort, in England erst kurz vor seinem Tod zum verehrten und gefeierten Schriftsteller machte: den roman noir, genauer: die Factory-Serie. Insgesamt fünf Romane um einen namenlosen Detective Sergeant einer fiktiven Londoner Polizeiabteilung namens „Ungeklärte Todesfälle“. Werke von einer ungeheuerlichen Dichte und Wucht, thematisch und literarisch. Am ungeheuerlichsten (für die Leser und für den Autor, den das Schreiben fast in den Abgrund mitgerissen hätte) Nr.4, „I Was Dora Suarez“. Der Detective Sergeant kommt einem Frauenmörder auf die Spur, indem er sich in dessen Opfer hineinhalluziniert, eben Dora Suarez wird.
„Es gibt kaum derart unversöhnliche Höllenvisionen. Von Roman zu Roman wühlt sich die Serie tiefer in die nachtschwarzen Seiten menschlicher Existenz, die Verheerungen einer wildgewordenen Zivilisation“, schreibt 1990 sein Freund, der Kritiker Thomas Wörtche, der Cooks Kosmos zwischen „Poe, Kafka und Pulp“ ortet.
In Frankreich wurde er von Jacques Deray und wird er zur Zeit von Claude Chabrol verfilmt. In England entsteht eine Fernsehserie nach den Factories. In Deutschland hat man ihn ignoriert – wie alles, was sich, wenn auch mit Mühe, als „Krimmi“ verachten läßt – und getreu dem bitteren Tucholsky-Satz gekillt durch Übersetzung (und Präsentation). Drei Factories verschwinden in einer Billigreihe zwischen Trash-Autoren unter dem Pseudonym Derek Raymond (damit’s keine Verwechslung mit dem amerikanischen Arzt-Horror-Schreiber Robin Cook gibt), „Dora Suarez“ vegetiert als vermeintlicher Super-Splatter-Roman in einem Winzverlag. In Frankreich erschienen zu seinem Tod halbseitige Nachrufe in den großen Zeitungen – im „Land der Dichter und Denker“ kein einziger.
Als er ins Krankenhaus kam, im Mai, trug er ein T-Shirt mit dem Titel seines fünften Romans „Dead Man Upright“. Darin wollte er beerdigt werden. Er war zeit seines Lebens upright: in seiner Körpersprache (die immer einen Hauch „britischer Kolonialoffizier“ hatte), in seinen vielen anderen Sprachen (sein Italienisch brachte ihm einmal eine Nacht im Knast vom Cattolica ein, aber in jeder schwang bei allem Cockney immer ein Schuß Eton mit), in seiner Fähigkeit zur Freundschaft, die sich Zeit und viel Herz nahm – für seitenlange Korrespondenzen, zum Beispiel.
Seine letzten zwei Tage hat er verbracht wie ein Gentleman aus irgendeinem fernen Jahrhundert – mit seiner fünften und letzten, längst geschiedenen Frau, der Pariser Filmmacherin Agnès Bert, Champagner und Gauloises. Zu seiner Beerdigung erklang Bessie Smiths Musik und schmiß einer seiner beiden Londoner Stamm-Pubs die Party, die bei uns Fellversaufen genannt wird.
Mit Jever galore for us, natürlich!

(der einzige Nachruf in Deutschland, erschienen in DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT, Literaturseite, 26.August 1994)

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