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„Für SIE immer noch DU!“ (2003)

Posted by piekebiermann - 29. Juni 2009

„Für Sie immer noch Du!“

Reality TV und Kriminalität

Polizist scheint derzeit der Deutschen Traumberuf, glaubt man der „Empirie der Fernbedienung“. Nicht mehr der „Mordinspektor plus Assistent“, der uns die letzten 30, 40 Fernsehjahre in Ost und West mit Märchenstunden versüßt hat. Heute steht uns der Schupo ins Haus, mit und ohne Uniform. Reality tv. Auslöser für den Boom sind, wenn mich nicht alles täuscht, TOTO UND HARRY, die beiden Bochumer Polizeikommissare, die seit Anfang 2002 immer mal wieder auf Sendung bei SAT1 sind. Gefilmt bei ihren Einsätzen in Bochum-Mitte. POK Thorsten Heim und PK Thomas Weinkauf hatten trotz mitternächtlichem Sendeplatz auf Anhieb eine Million Zuschauer. Seit sie um 22.15 Uhr laufen, sind es durchschnittlich 2,8 Millionen. Toto und Harry haben „die Herzen der Zuschauer im Sturm erobert“, meldet stolz das SAT1-Presseheft. Kein Wunder – sie sind Polizisten mit Herz und Schnauze. Intelligent, nachdenklich, lebensklug. Die Schnauze ist Ruhrpott pur.


Die Zeit der ideologischen Scheuklappen scheint vorbei. Die Polizei ist bürgernäher und legt Wert auf ein positives Bild beim Bürger – und der mag seine Polizei endlich auch als Menschen mit einem schwierigen, wichtigen Beruf kennenlernen. Das macht die Arbeit ein bisschen leichter. Erstaunlicherweise sind aber gerade solche Sendungen heftig umstritten – vor allem in der Polizei selbst.
„In Berlin wär so eine Serie nicht möglich“, seufzt Jutta Wegner, die Medienbeauftragte der Berliner Polizei. Bei ihr gehen die Anfragen ein, wenn wieder ein Fernsehteam vorhat, Polizisten bei der Arbeit zu filmen. Oder auch nur mal Mäuschen auf einem Abschnitt zu spielen, um etwas Fiktives, aber Realitätstüchtiges entwickeln zu können. Das alles muss genehmigt werden. Wogegen auch gar nichts zu sagen sei, nur sei leider bei vielen Führungsleuten, die genehmigen dürfen, noch immer zuviel Scheu gegenüber allem Öffentlichen zu spüren. Problem No. 2 sind interne Konkurrenzen. Wer im Fernsehen ist, löst Neid unter Kollegen aus, der sich gern hinter „fachlicher Kritik“ tarnt. Das alles ist menschlich und war auch schon so, als es noch kein Fernsehen gab. Da hatte der Kripo-Kommissar, der zufällig dank Dienstplan ein paar sensationelle Fälle nacheinander hatte, gute Karten bei der Zeitung, aber schlechte bei vielen Kollegen. Andererseits, argumentiert Jutta Wegner seit Jahren: In Zeiten leerer Kassen gibt’s keinen Werbeetat für Imagepflege, da müsste man doch froh sein, wenn Medien selbst das alte Image der Polizei als verknöcherte, obrigkeitliche Behörde in den Köpfen der Bürger durch ein positives, modernes ersetzen helfen.
So ähnlich hat es jedenfalls 2001 der Bochumer Polizeipräsident gesehen, sagt Ulrich Schwind. Der 46-jährige „Vater von TOTO UND HARRY“ kam vom WDR über die damals neu gelegte „Infoschiene“ zu RTL, drehte Magazinbeiträge und die Miniserie „Kripo Duisburg“ und entwickelte aus der Erfahrung mit realen Kripobeamten die Idee mit den Streifenpolizisten. SAT1 war interessiert, und Bochum wurde Drehort, weil der dortige Polizeichef nicht gleich strikt „nein!“ sagte.  Man setzte sich zusammen und fand zwei Polizeikommissare, die auch bereit waren. „Wir wollten zeigen, wie Polizeiarbeit in Wirklichkeit ist“, gibt „Toto“ zu Protokoll. Auch sie bekamen nach der ersten Staffel ein bisschen Kollegenschelte. Die gab sich dann bald. Der Bochumer Polizeipräsident hat seinen Mitarbeitern klarmachen können, erzählt Schwind, dass TOTO UND HARRY kein Lehrfilm für die Polizei ist. Inzwischen haben beide soviel fürs Polizei-Image gebracht, dass sie in den USA längst öffentlich belobigt worden wären.
Wie kriegt man so eine Kooperation hin?
„Für die Behörde war wichtig, dass wir die Einsätze nicht stören und die Datenschutzvorschriften beachten“, sagt Schwind. Privatpersonen werden grundsätzlich unkenntlich gemacht, Namen akustisch ausgeblendet. Ist die Kamera unerwünscht oder hindert die Beamten an der Arbeit, wird sie ausgemacht. Wollen Leute auch gepixelt nicht ins Fernsehen, wird die ganze Sequenz notfalls rausgeschnitten. Klare Absprachen und mittlerweile im dritten Jahr auch Vertrauen. Aber das ist erst die halbe Miete.
„Für uns war das Allerwichtigste die Sprache“, erzählt Schwind. Wer je erst ohne und dann mit Mikrofon und Kamera mit Polizisten geredet hat, weiß, was er meint. „Wir wollten auf keinen Fall Amtsdeutsch – wir brauchten Beamte, die reden wie Bürger.“
Und sowas soll in Berlin nicht machbar sein? Ich wollte das genauer wissen und habe den Berliner Polizeipräsidenten Dieter Glietsch dazu befragt. Zufällig zu einer Zeit, in der es intern ein bisschen Unruhe über ein hiesiges Stück reality tv  gab. In drei Folgen der PRO7-Serie DIE COPS hatte Jens Niehuss eine operative Gruppe von Berliner Polizisten begleitet, die in Zivil, aber nicht undercover  ganz bestimmte kriminelle Ausländergruppen „bearbeiten“ – Betrüger-, Autoschieber- und Menschenhändlerbanden zum Beispiel. Ein raues Pflaster mit gelegentlich rauem Ton. Dass eventuelle Täter oder Zeugen ungepixelt zu sehen sind, geht nicht. Und bei Umgangsformen ist Dieter Glietsch sensibel. Dass Leute bei Einsätzen unterschiedslos geduzt werden, gehe ebenso wenig, sagt Glietsch. So sei Polizei nicht, und so sollte sie auch nicht präsentiert werden. „Man muss nicht jeden duzen, um seine Aufgabe erfüllen zu können, auch nicht in ‘rauen’ Szenen.“
Es lässt nur auch nicht überall vermeiden. Wenn die erste und wichtigste Waffe der Polizei das Reden ist, muss man sicherstellen, dass man verstanden wird. Wo die Klientel kaum Deutsch spricht, ist elaboriertes Siezen leicht kontraproduktiv, wo sie auf Gewalt gepolt ist, ist sie mit höflichen Worten kaum zu beeindrucken. Das ist weltweit so und Glietsch auch klar. Als Polizeipräsident hat er andererseits aber großes Interesse daran, dass „wir unsere Arbeit positiv verkaufen. Und da wuchern wir noch zu wenig mit unseren Pfunden.“ Gleichzeitig ist er verantwortlich für seine Mitarbeiter und muss kalkulieren: „den Aufwand, die Risiken und Nebenwirkungen.“ Wenn ein Kamerateam ein Polizeiteam länger begleitet, bedeutet das tatsächlich eine Menge Extraarbeit. Fühlen sich Kollegen womöglich falsch dargestellt? Leidet das Betriebsklima, also auch die Arbeit, weil einzelne Beamte „Serienstars“ werden.
„Was wir jedenfalls nicht wollen, ist die Darstellung à la Menschen-Tiere-Sensationen. Übertrieben dargestellte Einzelfälle mit schiefen Bildern, die hochgepuscht werden und auch ein falsches Bild von Kriminalität vermitteln.“ Der Bürger soll etwas von der Realität lernen, die Polizei soll etwas dabei gewinnen. Eine angenehm klare Ansage. Seriöse Konzepte, seriöse Aufmachung und Achtung für das Recht jedes Bürgers darauf, dass ihm die Polizei nicht gewohnheitsmäßig Kameraleute ins Haus schleppt. „Ich nehme da für uns ein Auswahlrecht in Anspruch – wir müssen nicht mit Jedem zusammenarbeiten.“
Jens Niehuss, der die drei COPS-Folgen gedreht hat, ist nicht nur ein seriöser Reporter, sondern seit 20 Jahren dabei. Der 45-Jährige kam vom Bayerischen Fernsehen, war Sonderkorrespondent für heikle Themen in der SAT1-Nachrichtenredaktion und hat das PRO7-Mittagmagazin SAM aufgebaut, bevor er „wieder raus“ musste, Reportagen drehen. Sein Gebiet sind die „harten Themen“ – Militär, Technik, Polizei. Er dreht nur selten in Deutschland. Sein Film über den Flugzeugträger USS Roosevelt im Einsatz während der Afghanistan-Invasion bekam den Bayerischen Fernsehpreis. Bei COPS stieg er ein, nachdem er während eines anderen Drehs zufällig den Polizeihauptkommissar Martin Steinhöfel kennen gelernt hatte. Gute Reportagen hängen nun mal von den Menschen ab, die darin vorkommen. „So wilhelminische Uniformträger hätte ich nicht gewollt, die will auch das Publikum nicht“, sagt Niehuss, dessen Folgen 1,5 Millionen Zuschauer hatten. Und die Chemie muss stimmen, sonst lässt sich Vertrauen nicht herstellen.
Aber auch Vertrauen ist nur die halbe Miete. Die richtige Kontrolle an wichtigen Stellen darf schon sein. „Da haben wir handwerkliche Fehler gemacht“, räumt Karsten Gräfe ein, der Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Stab des Polizeipräsidenten. „Wir waren nicht nahe genug dran.“
Peter Daube, sein Pendant in der Direktion 3, in der die in COPS gezeigte AGA arbeitet, sagt es so: „Wir werden künftig bei Endabnahmen dabei sein – wir verhelfen schließlich mit unserer Gratisleistung einem Sender zu Einschaltquoten,  da wird er das akzeptieren müssen.“ Mit dem „rauen Ton“ und den kessen Sprüchen der COPS-Folgen hat Daube kein Problem. Er hätte gern die knallige Aufmachung verhindert: die Trailer, Off-Kommentare und Pressetexte, in denen immer wieder vom „heißesten Pflaster Deutschlands“ und einem „Sondereinsatzkommando Berlin-Mitte“ die Rede ist. Wir leben nicht mehr im Nazistaat mit seinen Sondereinsatzkommandos, das sollten deutsche Fernsehsender eigentlich wissen.
Niehuss, der als Filmautor für Trailer so wenig zuständig ist wie ein Zeitungsreporter für Titel, hat beim Wort „Endabnahme“ gemischte Gefühle. Er und Schwind wissen aber auch, gute Filme über gute Polizeiarbeit sind nur möglich, wenn beide Seiten wirklich kooperieren. Auf die „Schnittmenge“ kommt es an. Dieter Glietsch hält die Berliner Polizei da noch für zu reaktiv und denkt über „pro-aktive Öffentlichkeitsarbeit“ nach: „Wir sollten uns fragen: Was haben wir noch außer Raub-Mord-Totschlag, das alle interessieren könnte? Wo stehen Kollegen nicht dauernd im Blickpunkt und machen wichtige Arbeit?“

in DER TAGESSPIEGEL (Medienseite) 27.11.2003
Titel da: „Hände hoch oder ich filme!“

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