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Fernsehkrimi, deutsch (1998)

Posted by piekebiermann - 29. Juni 2009

Stichwort: Fernsehkrimi, deutsch

Bevor gleich ein Schlaumeier abwinkt („Hah! Gotcha!“): Ja, ich rufe hier auf zum Vergleich von Äpfeln und Birnen. Und: Nein, das ist nicht unfair. Sie haben nämlich manches gemein, zum Beispiel ein Gehäuse mit Kernen.
Manches gemein haben auch Fernsehkrimis aus verschiedenen Ländern und Zeiten, sofern sie Geschichten aus der Realität von Verbrechen und Gesellschaft erzählen wollen. Meistens wollen sie das, und wir wollen das von ihnen. Die anderen, die von vornherein als gehobene Kreuzworträtsel für Legastheniker, als Märchen, gemeinten, lassen wir hier mal beiseite (obwohl auch sie bei jeder Ausstrahlung zumindest in die Realität gehen, wenn sie schon nicht aus ihr kommen).
Vor ein paar Wochen hat an dieser Stelle Uta-Maria Heim einer neuen Krimiserie des Kommerzfernsehens attestiert: „Im wirklichen Leben hätte dieser Polizist ein Disziplinarverfahren zu gewärtigen, das ihn bis ins Grab verfolgt, aber bei den Privatsendern gelten Gesetzesbrüche und Behördenwillkür als Voraussetzung für Realitätsnähe. So werden wir immer mehr zu Insassen einer virtuellen Diktatur.“ Das klingt polemisch überspitzt und ist, nach meiner Beobachtung, doch noch untertrieben. Wir sind längst solche Insassen. Denn erstens ist dieses Missverständnis von unseren öffentlich-rechtlichen Sendern (also denen, die unsere Gebühren verarbeiten) eingeführt und seitdem gepflegt worden; und zweitens haben wir Bürger deshalb seit Jahrzehnten ein ganzes Netzwerk aus falschen Vorstellungen über das eingetrichtert bekommen, was in diesem Land Polizei muss, darf und kann.
Ich fürchte, auch bei uns gilt längst, was der Londoner Jurist Marcel Berlins, Krimikritiker für die TIMES, rechtspolitischer Kolumnist für den GUARDIAN, bei seinen Landsleuten bemerkt hat: Haarsträubende Uninformiertheit und galoppierende Unsicherheit in Sachen, Polizei usw. Die Bewohner der Britischen Inseln, mokierte er sich 1997 bei einer Konferenz, erwarten inzwischen von ihren Anwälten, dass die sich aufführen wie in einem US-amerikanischen court-room drama (inkl. Jury und Kreuzverhör), britische Autoren lassen ahnungslos Scotland Yard oder gar die Londoner Metropolitan Police im schottischen Moor nach Spuren herumirren, und im Zweifel fällt nicht mal der „alten Tante BBC“ etwas auf.
Hierzulande ist die Ahnungslosigkeit selbstgemacht und gefällt sich immer schon in der Pose: „Wir können das auch, und wir machen keinen amerikanischen Dreck, denn wir haben Niveau!“ Was vom Kommissar über Derrick und alle Alten bis zum Gros der Tatorte über Verbrechen und Verbrecher, Strafverfolgung und Ermittler im eigenen Land erzählt wird, ist ein unappetitliches Gemansche aus glatten Lügen, paternalistischem Kitsch, hanebüchenen Plots, Pappfiguren ohne jede Erdung und einer Dramaturgie, die noch „Straßenszenen“ zu Kammerspieltheatralik knautscht. Es ist Ideologie pur – im Westen wie im Osten. Die neuerdings gern als „legendär“ getätschelten DDR-Polizeirufe waren auch in diesem Punkt eine Kopie mit (manchmal) umgekehrten Vorzeichen.
Der deutsche Fernsehkrimi ist in aller Regel ein Polizeikrimi. Das hat Räsong. Erstens wären Rockford & Co. hierzulande, wo im Gegensatz zu den USA jeder Wohnungswechsel behördlich erfasst wird, chronisch unterfordert; zweitens sind interessante Menschen und Berufe immer guter Stoff und gehören PolizistInnen zu den interessantesten. Die müssen nämlich ein Dilemma verkörpern: Einerseits sind sie kleine endliche Menschlein wie wir alle (Macken, Ängste, Wünsche, Talente inbegriffen) – andererseits sind sie die Fleischwerdung einer der empfindlichsten Einrichtungen moderner demokratischer Gesellschaften: des staatlichen Gewaltmonopols. Die Polizei hat gefälligst demokratisch zu sein, sie ist ein Organ der Demokratie, denn sie vertritt (notfalls unter Gefahr für Leib und Leben) rechtsstaatliche Verabredungen (vulgo: Gesetze) gegen diejenigen, die sie verletzen.
Interessant an Polizisten – genauer gesagt: Kriminalpolizisten, denn die ermitteln bei uns Verbrechen in der Realität – ist auch, dass sie Teamarbeit zu machen haben. Sowas wie Kommissar mit Assistent, gern auch männlich-weiblich besetzt, gibt es in der Wirklichkeit keines Landes. Stattdessen gibt es jede Menge hochspannende, dramaturgisch reizvolle, sogar sozial/politisch lohnende Realitäten der Kripoarbeit. Nur ein paar Beispiele: Teamarbeit braucht Betriebsklima und Kommunikation-Kommunikation-Kommunikation; Verbrechen hält sich nicht an Dienstzeiten, und unberechenbare Dienstschichten schmeißen einem das Privatleben durcheinander; gearbeitet wird nach einem Kanon von Vorschriften und Erfahrungswerten, ermittelt wird gerichtsfest, und das heißt: in alle Richtungen; Selbstgefährdung ist ebenso verboten wie Willkür gegenüber Verdächtigen und Zeugen; Verbrechen hält sich auch nicht an örtliche Vorlieben, und Tat- und Fundorte sind voller eigener Stimmungen, Gerüche, Geräusche, Anblicke; ein Team besteht aus Menschen, die zu all dem ihre individuelle, zufällige oder charakteristische, „Befindlichkeit“ mitschleppen, ihre Mentalitäten und Idiosynkrasien, mal sozialverträglich, mal als Ekel vom Dienst. Und so weiter.
Alles nicht der Rede wert? Bloß Unterboden für gute Kriminal-Fiction? An sich: Ja. Nur in Deutschland nicht. Hier gilt: Kripoarbeit an sich ist stinklangweilig, Krimi soll aber spannend sein. Deshalb darf hierzulande jeder sein eigenes Schindluder damit treiben. Schließlich macht Phantasie auch nicht soviel Arbeit wie Recherche. Und so feiert – en passant, denn das wird immer auch miterzählt – das alte Führerprinzip greuliche Urständ: Chef kriegt alle Informationen, gibt selbst aber keine und löst genial den Fall. Deshalb willkürt es aufs Frivolste: Da wird „verhört“, aber nie gesagt, ob als Zeuge oder als Verdächtiger – letzteres beinhaltet im wahren Leben nun aber automatisch das Recht auf einen Anwalt; da wird in U-Haft verfrachtet, aber von Haftrichtern kein Hauch; da wird genötigt: „Wenn Sie uns nicht in Ihre Wohnung lassen, sind Sie verdächtig und müssen mit aufs Präsidium!“
Was bei all solch unterschwelliger Indoktrination herauskommt, ist aber nicht nur Uninformiertheit und Rechtsunsicherheit – es ist Einübung in Un-Demokratie und Einschüchterung. Demokratie und Polizei als Teil von ihr haben in Deutschland bekanntlich keine lange stolze Tradition, weshalb ja auch hiesige Kriminal-Fiction keine hat. Um aber zurückzukommen auf die Äpfel und Birnen, also die Kerne: Die Realität der Kripo ist weder langweilig noch unverfilmbar. Es gibt mindestens zwei aktuelle Gegenbeispiele. Das eine kommt aus England, heißt Für alle Fälle Fitz und läuft derzeit wieder jeden Dienstag im recht öffentlichen ZDF; das andere heißt Homicide, spielt in Baltimore und macht genau so süchtig wie die Realität. Nachher um 0.05 läuft die 17.Folge auf VOX. Vergleichen Sie mal…

für Der Tagesspiegel, Medienseite 4.Mai 1998, Titel da: „Verbrechen hält sich nicht an Arbeitszeiten“

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