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Der Diaspora Detective: Charyn, Sidel & die Bronx Connection (2001)

Posted by piekebiermann - 29. Juni 2009

Der Diaspora-Detective

Charyn, Sidel und die Bronx-Connection.

»Er hatte nicht mehr alle Tassen um Schrank, und es wurden ständig weniger. Das Justizministerium und Frederic LeComte hatten ihn gesponsort, den hebräischen Police Commissioner, der Latinos und Schwarze in die Polizei geholt, der einen türkischen Obersten Richter, chinesische Bevollmächtigte und einen Rastafari-Anwalt hatte. An die Namen der meisten konnte er sich jedoch nicht mehr erinnern.«

Führt man so – und gleich im zweiten Kapitel – die Hauptfigur eines Romans vor? Ja! Wenn man Jerome Charyn ist, diesem Isaac Sidel und seinem unglaublichen Soziobiotop »New York« zuvor bereits sechs Romane gewidmet hat und weiter widmen wird. Ja! Wenn man ein poetisches Verfahren entwickelt hat, das nur halluzinatorische Chuzpe genannt werden kann – mit dem man paradoxerweise einer surréalen Realität am realistischsten beikommt.

»Montezumas Mann« (von 1993) erscheint jetzt endlich auch auf Deutsch – als Nummer sechs. Den vierten Roman »Secret Isaac« hatte uns der Rotbuch-Verlag zwar oft versprochen, aber bisher nicht gebracht. Charyn selbst schreibt zur Zeit an Nummer elf (»The Eye of God«), hat aber noch nicht ganz mit sich geklärt, ob damit das dritte Quartett eventuell komplett ist. Womöglich muß er den armen Isaac nach US-Präsident doch auch noch Papst werden lassen?

Stringent und kurz nacherzählen, wovon richtig gute Kriminalliteratur handelt, das ist ein Unding. Bei einem wie Jerome Charyn schon gar. Aber für alle, denen die Charynsche »Mengenlehre« noch nicht chaotisch genug ist, hier ein paar Appetithäppchen aus »Montezumas Mann«. Als Einstiegsdroge für alle, denen die extrem delikate Charynsche Mélange aus Realität, Geschichte, Fiktionen und Pop-Mythen unbekannt ist, und natürlich als Lockstoff für alle, die ihrem Suchtpotential schon erlegen sind.

Isaac Sidel ist jetzt 56, der schwierigste Polizeipräsident, den die Stadt je hatte und demnächst ihr Bürgermeister. Von innen aufgefressen von einem realen Wurm, aber auch vom Kummer über den Verlust seines Partners »blue-eyed Manfred« Coen, der seine Tochter »Marilyn the wild« vielleicht hätte zähmen können, und von seiner ewig unerfüllten, ganz großen Liebe zu Margaret Tolstoi aka Anastasia aus der »Little Angel Street« (so heißt Roman Nr.8) Odessas.

Sidel stammt aus der Bronx und wurde im selben Jahr 1937 dorthin geworfen wie Charyn selbst. Er trägt noch immer die »Haute Couture der Orchard Street«, jenes schäbigen Fleckchens downtown Manhattan, wo Chinatown, Little Italy und die Lower Eastside sich ineinander verfransen und wo Charyn 1993 selbst gern nach Schnäppchen gestöbert hat. (Ich war dabei.) Sidel hat auch immer noch seine »Baker Street Irregulars«, nur heißen seine Schützlinge eben »Delancey Giants« und sind das Jugend-Baseballteam der Police Athletic League. Aber Sidel ist ja auch nicht Holmes und seine Stadt nicht das London der vorletzten, sondern New York vor der letzten Jahrhundertwende. Und Charyn spielt noch immer leidenschaftlich Ping-Pong wie Manfred Coen, wenn heute auch meistens in Paris.

Das mit dem Bürgermeister ist nicht Sidels Idee. Das wünschen interessierte Kreise mit Befehlsgewalt. Allen voran LeComte, der stets blau trägt und jedem jederzeit das FBI auf den Hals hetzen kann oder eben nicht. LeComte will Manhattan. LeComte ist auf Antimafia-Kreuzzug. LeComte setzt folglich auf Männer der Mafia. Sidel ist einer. Ein veritabler assassino, wie er anderen assassini in Palermo, der »Stadt der Leichen«, später klarmachen wird.

Ihm zur Seite tritt – als Chauffeur und »Schatten« von LeComte – diesmal Joe Barbarossa, Urenkel amerikanischer Ureinwohner mit dem ziemlich unamerikanischen Stammesnamen Nez Percé (durchstochene Nase auf französisch). Joe hat auch italienisches, irisches und afrikanisches Blut, den Vietnamkrieg tischtennisspielend und drogendealend in der Saigoner Botschaft verbracht und eine suizidbesessene Schwester Roz in einem sündteuren Pflegeheim. Weshalb er – als inzwischen höchstdekorierter New Yorker Polizist – noch immer dealt. Bis LeComtes Schattenwirtschaft ihm diese Pflegeversicherungsquelle verstopft. Also ziehen Joe und Isaac sich hin und wieder schwarze Strumpfmasken über und räumen Etablissements der Drogenkonkurrenz aus, in Händen die Glock, im Kopf die »Delancey Giants«, Schwesterchen Roz und die Panik, aus Versehen einen alten Mann mitabzuknallen.

Bis Joe die wilde Marilyn trifft und heiratet, wechseln die Tatorte nach Sizilien, stirbt Sal Rubino, zertrümmern Jerry di Angelis‘ Leute die Tischtennisplatte in Schillers Kneipe (an der Coen starb, die Joe als Büro dient), restaurieren sie aber auch liebevollst und wehen Bilder, Namen und Figuren durch den Erzählstrom wie magische Schleier, als wäre alles ein Traum. Ein Schiff namens »Appomattox« beschwört den amerikanischen Bürgerkrieg herauf, der dort mit der Kapitulation der Südstaaten-»Rebellen« endete. Isaacs kleiner Bruder und seine Kleptomanie-ohne-Not lassen den zweiten Weltkrieg wieder hochkommen. Isaac selbst hatte Leo im Lebensmittelmarkenklau ausgebildet, in der Bronx der Kriegsjahre. Der Kleine kam durch jede Kontrolle, und Isaacs kleine Freundinnen waren scharf auf Seidenstrümpfe.

Die Bronx der 40er Jahre ist das nie verblassende Millimeterpapier unter allem, unter Sidels mörderischer Melancholie ebenso wie unter Charyns Programm der Selbstfindung durch poetische Selbstinszenierung und -stilisierung. Um seine Mama führen Gangsterbosse Krieg, behauptet er in »Die dunkle Schöne aus Weißrußland«. Meyer Lansky schickt sogar seinen Leibarzt Katz für Faigele Charyns Erstgeborenen Harvey.

Damals ist der riesige Bezirk im Norden Manhattans längst nicht mehr die Kuridylle, in die 1846 Edgar Allen Poe mit seiner tuberkulosekranken Frau Virginia zieht. Auch nicht mehr der borough of the universities wie in den 30ern. Obwohl sein Friedhof Woodlawn auch weiter amerikanische Geistesriesen beherbergen wird – Melville, Pulitzer, Scribner etwa.

Die Bronx der frühen 40er ist »rohe Intelligenz und Witz«, erzählt Jerome. Sein Bruder Harvey, der belesene, clevere, wird später Detective und bearbeitet New Yorker Morde. Jerome wird Detective seiner selbst, der Zeit und des Orts. Er lernt das Lesen mühsam und gemeinsam mit der allseits begehrten dark lady, während Vater Sam Pelze zusammennäht und nachts als Luftschutzwart umgeht. »Wir waren die Kehrseite der jüdischen Erfolgsstory – des Sprungs von Ellis Island zum Studium der Zahnmedizin in einer lausigen Generation«, heißt es in »Metropolis New York«, fünfzig Jahre später geschrieben.

Es war wohl wirklich »eine dunkle, romantische Zeit«, in der die russischen und polnischen Juden, die ab 1880 den Iren und Italienern in die Bronx gefolgt waren, nur überleben konnten, indem sie sich als Amerikaner selbsterfanden. Amerikaner wie den ebenso verehrten wie gefürchteten Mobster-König Arnold Rothstein auch, zum Beispiel. Wenn man das weiß, weiß man, warum dieser »Wolf, der wurzellose, neu gemachte Mann« für Jerome Charyn ein role-model wird und warum Isaac Sidel diese paradoxe Karriere machen muß.

Sie sind beide aus der Generation, deren Schule die Straße und das Kino sind. Daher bezieht Charyn die unendlichen narrativen Fäden, die sich ewig neu ineinander verschlingen und tiefe Wahrheit aufblitzen lassen, wenn sie sich zu Perlen einer Kette verknoten. Daher seine manchmal rotzfreche Ignoranz gegenüber den Gesetzen von Logik und Gesellschaft. Daher diese faszinierend schwerelosen Überblendungen ganz realer, banaler Oberflächen mit geradezu atavistischen, versunkenen Erinnerungsfetzen, Bildern, Eigenschaften.

Jerome Charyn selbst kann in unbeobachteten Momenten solche Überblendungen provozieren. Ich erinnere mich noch genau, wie wir – um die Zeit von »Montezuma’s Man« ironischerweise – zusammen auf Lesereise kreuz und quer durch England im Zug saßen. Und irgendwo zwischen Manchester und Halifax bekam die trübe Landschaft draußen etwas seltsam Vergangenes,  zwischen industrieller Revolution und bäuerlicher Tradition Schwebendes. Und plötzlich verwandelte sich der über seinem Buch eingenickte Charyn in einen mageren, abgerissenen bocher auf dem Weg in irgendein shtetl, irgendeine shul, die ihn ernähren und lernen lassen würde.

Das war kein Bild von Chagall, nicht bunt, nicht vogelfederleicht. Es war wie der Name. Szary heißt auf Polnisch, sierij auf Russisch grau. Die Familie stammt aus der weißrussischen Gegend, in der beide Sprachen zu Hause sind. Die Verwandlung in Charyn ist vermutlich – wie bei vielen europäischen Namen – im »Geburtskanal Ellis Island« passiert.

So jemand muß eines Tages, nach Mißerfolgen als Mainstream-Autor, mitten in einer Schreibkrise und mithilfe des amerikanischsten aller literarischen Genres – der detective novel – auf Isaac Sidel stoßen. Und sich selbst als Erzähler neu erfinden mitsamt dieser ebenso modernen wie zeit-losen, ebenso universalen wie ortsgebundenen Figur.

Sidel ist ein Geschöpf aus Armut und Schmerz, Verlust und Sehnsucht. Ein neuer »ewiger Jude«, der alles Menschliche durchwandert, gut wie böse, liebevoll wie grausam. Der alles Menschliche verknüpfen kann und von überall etwas mitnimmt und mitbringt. Ein homo universalis, der ständig einschleppt, rausträgt, verbreitet – die unendlich vielen Bits und Bytes nämlich, aus denen die Menschheit ihre Menschlichkeit, ihren kulturellen Reichtum generiert.

Die »Tassen im Schrank«, könnte man auch sagen. Die nur dann »ständig weniger« werden, wenn irgendwer partout die Eine Einzig-Wahre Tasse hochhält.

© Pieke Biermann, 2001, gekürzt in “Jüdische Allgemeine”, vollständig in kaliber .38

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