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Mainstream: Beobachtungen am Ol’ Man River

Posted by Dieter Paul Rudolph - 9. Januar 2013

Wer morgens zum Behufe der geistigen Ertüchtigung durch die Krimilandschaft joggt, durch die Urwälder der Imagination, vorbei an den endlosen englischen Rasenflächen des normierten Genres, immer dem großen Fluss zu, der kann sie beobachten. Wie sie selbst dem großen Fluss zueilen, Männer und Frauen mit fürchterlichem kreativen Harndrang, watschelnden Ganges, wie er nur Menschen eigen ist, die kurz vor der Entschlackung stehen. Und tatsächlich: Endlich unten am Fluss, stehen und hocken sie am Ufer und pinkeln ins dunkel strömende Wasser des Stroms. Und dieser Strom, ja schon mächtig genug, wird noch mächtiger. Längst ist er der Mainstream, so mächtig, dass er all die kleinen rauschenden Bächlein des Waldes noch kleiner aussehen lässt, die Bächlein, in die nur wenige sich erleichtern. Immerhin. Bei Hunden ist es anders. Die scheißen selten auf die Hauptstraße, die bevorzugen die schmalen Wege.

Alle reden vom Mainstream und beteuern, nicht dazuzugehören. Das Bildzeitungsphänomen. Jeder kennt das Blatt, keiner liest es, dennoch verkauft es sich wie geschnitten Brot. An wen nur? Dabei ist Mainstream an sich nichts Ehrenrühriges. Der Begriff gibt lediglich wieder, dass eine bestimmte Sorte von, in unserem Fall Kriminal-, literatur sowohl bei Produzenten als auch Konsumenten besonders beliebt ist. Für ein populäres, im Wortsinne triviales Genre nicht die schlechteste Eigenschaft. Ohne Mainstream kein Genre, ohne Mainstream keine Bewegung im Genre. Kriminalliteratur wurde nicht deswegen populär, weil Herr Poe 1841 einen Orang-Utan die Wände hoch jagt, um zwei Menschen zu ermorden. Sondern weil Arthur Conan Doyle ein knappes halbes Jahrhundert später die Intentionen Poes trivialisiert und automatisiert und somit den ersten Mainstream in Marsch setzt. Weitere folgen. Die englischen Ladies of Crime, die Hardboiler… und wo stehen wir jetzt? Genau: Regionalkrimis, Schwedenkrimis (gerne auch aus Dänemark und Norwegen), seit geraumer Zeit „historische Krimis“, Massenmörderkrimis und, wer weiß, in Bälde vielleicht dpr-Krimis (jedenfalls würde es mich freuen).

Wir lernen: Es gibt manchmal mehrere Mainstreams. Und sie bleiben selten gleich, was an dem für große Ströme natürlichen Vorgang der Zuflüsse liegt. Denn es ist so: Ein großer Fluss ist nur deshalb groß, weil er auf seinem Weg ins Meer viele kleine Flüsse im wahrsten Sinne des Wortes schluckt. Denken wir nur einmal an den „psychologischen Krimi“. Der war einmal „Literatur“, Patricia Highsmith und so, zwar durchaus populär, aber kaum stilbildend. Das änderte sich jedoch, der Mainstream schluckte das Wässerchen und fortan gehörte „Psychologie“ zum Kanon des Krimischreibens und -lesens, meistens als „innere Abgründe“ oder „ein schreckliches Familiengeheimnis wird nach Jahrhunderten gelüftet“ nur notdürftig kaschiert.

Es mag kein schöner Anblick sein, Menschen in Reih und Glied an Flüssen sitzen und hineinpinkeln zu sehen. Gut, auch sich einfach in den Wald zu setzen und zu urinieren, aufs Geratewohl in die Landschaft, auf dass ein Rinnsal sich seinen Weg bahne, gehört nicht zu den ästhetischen Wohltaten. Aber das ist eben Literatur. Irgendwann hast du so viel gesoffen, dass du dich erleichtern musst. Dann muss das Leben aus dir raus, man es auch stinken, egal, es muss raus, es muss fließen – und manchmal versickert es einfach (das sind dann die gescheiterten Existenzen, von denen man gelegentlich erst nach ihrem Tod erfährt, dass sie zu Lebzeiten Rinnsale in die Landschaft pissten), aber manchmal erreicht es eben den Mainstream und wird Teil von ihm – und niemand merkt es. Friedrich Glauser zum Beispiel. Oh Gott, was konnte der Mann Kriminalliteratur pinkeln! Präzise sezierte Milieubilder einer muffigen Gesellschaft, so völlig anti-mainstream damals. Und was geschah? Glauser starb unbeweint, aber heute heulen sie ihre Krokodilstränen in den großen Fluss, in dem Glauser längst angekommen ist. Ja, Scheiße so was. Aber nein, wir reden jetzt nur über das Pinkeln und nicht über die Scheiße, denn die Scheiße fließt ja nicht, es sei denn, sie heißt Dünnpfiff, und ja, auch davon gibt es genug. Aber das ist ein völlig anderes Thema.

Man könnte nun meinen, der Mainstream sei eine Kloake. Ganz falsch. Nur die kleinen Zuflüsse, diese Rinnsale sind pure Kloake, literarische Pisse mit Schlacken und verbrauchten Nährstoffen, guter Dünger, sagt man. Wer indes an den Hauptströmen sitzt und steht, pisst reines Wasser. Gesoffen und folgenlos durch den Körper gespült, das ist wie mit den Wörtern, die durch ein Ohr ins Gehirn kommen und durchs andere schleunigst wieder hinaus, weil sie feststellen müssen, dass da gar kein Gehirn ist. Im Mainstream wird die Essenz der Literatur, dieses Stinkende, also homöopathisch dosiert und, Verzeihung, ich glaube nicht an homöopathische Literatur, ich glaube nicht an ihre Wirkung, ich will nicht aus dem Mainstream trinken können, weil die literarischen Klärwerke alles Stinkende aus ihm herausgefiltert haben. Nein, ich will nicht trinken und nicht krank werden davon, im Gegenteil: Ich will davon trinken und mir soll schlecht werden dabei, ich möchte Fieber bekommen und mich schlaflos im Bett wälzen und morgens aufwachen und wieder genesen sein und mit frischem Mut meine Turnschuhe anziehen und durch die Literatur joggen. Hier eine Handvoll aus den Rinnsalen trinken, bevor sie vom Mainstream geschluckt werden, dort einem anderen Jogger zurufen, er solle doch bitteschön nicht auch zum großen Fluss, das halte er nicht durch, viel zu weit, bis er da unten ist, nässt die Pisse längst seine Unterhose. Naja. Bisher hat noch niemand auf mich gehört. Die Ufer des Mainstreams sind nach wie vor voller Literaten, die sich erleichtern wollen, um sich zu bereichern. Mainstream halt.

 

dpr

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5 Antworten to “Mainstream: Beobachtungen am Ol’ Man River”

  1. krimiblog said

    Back to Blog – Part II (Trübsal-RMX)…

    Die ersten Blogger waren Rebellen. Sie leben noch. Sind sie wieder da?……

  2. Annelie said

    Herrlich erfrischender Artikel. Leider muss ich zugeben, dass auch ich in den Mainstream gepullert habe. Aber ohne es zu wollen. Dat zählt aber nich, gloob ick.

    • Dieter Paul Rudolph said

      Nö, auf so bisschen Pullern kommts auch nicht mehr an. Ich hab auch nichts gegen Mainstream. Ich mag ihn bloß nicht.

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